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Aus dem Aas der Archive

2010-07-14 10:22:00

  • Höfler Texas Texttitel
  • Max Autor Höfler

Mit Texas als Texttitel veranstaltet Autor Max Höfler einen irrwitzigen Debütantenball für das postmoderne Formenspiel. Es riecht allerdings nach Abschiedsfeier.

Ein übergroßes Anführungszeichen

Dann hüpfen Otto und Anna, um die Erzählung führen zu können, "rein ins eingemachte isettalein". In ein Rollermobil, das von BMW in den 1950er Jahren gebaut wurde, nachdem das einfallslose Unternehmen Idee und Lizenz dafür vom italienischen Hersteller Iso Rivolta übernommen hatte.

Auf 140 Seiten entwickelt sich folgend ein Wirrwarr aus Erzählebenen und –instanzen, aus Schreibweisen und –stilen, aus literarischen Bezügen und weiteren Verweisen. Es handle sich dabei um verschollen geglaubte Manuskripte des 1906 verstorbenen Verschwörers und "Protodadaisten" George A. Atzerodt, erklärt die Redaktion der Literaturzeitschrift perspektive, in der bisher schon Teile des nun in Buchform vorliegenden "Fortsetzungsromans" Texas als Texttitel erschienen sind. Max Höfler, Jahrgang 1978 und Literaturbeauftragter am Forum Stadtpark Graz, habe die "Originaltexte aus dem Spanischen, Englischen und Tagalischen übersetzt und sehr sorgsam in die neueste deutsche Rechtschreibung (Stand 1. August 2006) übertragen".

Ein Griff in die Geschichte

Otto und Anna liegen also sich derb liebkosend in der "Knutschkugel"-Isetta aus dem Privatbesitz des Futurismus-Begründers Marinetti oder im raschelnden Beobachtergebüsch und scheinen dann die Geschichte eines fernreisenden "Dichterhelden" zu erzählen. Dafür treffen sie atmosphärische Vorbereitungen und verschweigen nicht, wie sie konstruieren: "An den alleen werden all die tiere, die hierfür hergestellt wurden, aufgestellt: hirsch und hase z.b."

Der Dichterheld gerät auf seiner Reise oft in Konflikt mit einer Herrenreisegruppe (kurz "hrg"), die durch Aufzählung ausführlich vorgestellt wird. In der 13-zeiligen Namensnennungswurst wird der "albert" nach dem "gilles" intuitiv französisch ausgesprochen, der vor "karl-otto" eindeutig deutsch.

Zwischen dem Gerangel lässt der Ritter Verlag Atzerodt in Gedichtskizzen, Tagebucheinträgen und Briefen zu Wort kommen, sowie deren Adressaten in ihren Antworten. Atzerodt verschafft eine Ahnung über die Umstände: "Booth hat mir 'Caesar' gegeben", steht in einem Tagebucheintrag vom 22. Jänner 1865. Am 14. April desselben Jahres wurde Abraham Lincoln vom Südstaatenfan John Wilkes Booth erschossen. Booth wurde ein paar Tage später von Polizisten gefasst und ebenso erschossen. Seine Komplizen, darunter der echte George Andreas Atzerodt, im Juli gehängt.

Der Dichterheld lebt

Höflers Atzerodt gelingt die Flucht nach Manila. Auch die anderen Figuren sind historisch und fiktiv zugleich. Ferdinand Blumentritt etwa, den Atzerodt um Durchsicht seiner Manuskripte bittet, war Ethnograph und Philippinen-Experte. Die Manuskripte bereiten ihm zunehmend Sorge, schreibt er an Atzerodt, "ich glaube mich nicht in der Lage zu befinden, Deine zunehmend kryptischer werdenden Kapitel zu entschlüsseln. Mir ist leider nicht einsichtig, wohin Du Deine Dichtung weiterzutreiben gedenkst."

Der "Stifttest nach Schreibstiftankauf", eine eineinhalbseitige Atzerodtsche Aneinanderreihung von codehaften Ziffern und Buchstaben, die die perspektive-Redaktion in einer Fußzeile als ersten Beleg der Écriture automatique ausweist, dürfte Blumentritt verunsichert haben. Ebenso wie das visuelle Gedicht aus Os, Nullen oder Kreisen. Höfler hat es den Dichter Atzerodt um eine Fotomontage gruppieren lassen, die einen Hai beim Strandbesucherdinner zeigt. Christian Morgensterns Fisches Nachtgesang (erschienen 1905), ein Meilenstein in der Entwicklung der visuellen und konkreten Poesie, scheint durch. Von Morgenstern zu Jandl, von Jandl zurück zu Schwitters, Ball und Arp. Der Germanist Höfler ist die Dada-Strecke mehrmals aufmerksam abgegangen. Und die nur unter vielen anderen.

Ein Geier am Galgen

Er kombiniert und collagiert gewitzt. Er feiert die Vielheit der Formen, anstatt eine neue zu installieren. Er sammelt und mixt das vorhandene Material, anstatt damit zu brechen. Er arbeitet sich ab und überspitzt und treibt damit die Spielerei auf die Spitze, die dadurch – es sei ihm gedankt –überschritten scheint. Die Kombination historischer Formen dient ihrer Reflexion, aber auch als Platzhalter und Übergangslösung. Eklektisch entstehen große rosarote Kaugummiblasen, die in Gedanken schon von Nase und Wange gekratzt und geschluckt werden müssen. Ihr Witz bleibt im Hals stecken. Es ist Galgenhumor.

Max Höfler stellt ein weiteres, heiteres Werk in die Archive, aus deren Inhalt es sich wie ein geifernder Geier gespeist und glitzernd emporgehoben hat. Sein Umschlagbild zeigt einen "Arzt beim Einbalsamieren eines unbekannten Soldaten" aus dem amerikanischen Sezessionskrieg. Es ist nicht nur ein irreführender Hinweis auf den Inhalt des vorliegenden Buches. Das Foto stammt aus der Washingtoner Library of Congress, der wahrscheinlich größten Bibliothek der Welt.


Max Höfler
Texas als Texttitel
Ritter Verlag, Klagenfurt 2010
Broschiert: 144 Seiten
13,90 Euro

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AutorInnen

Georg Oberhumer

Georg Oberhumer

Ist 23, studierte Publizistik, lernt jetzt Deutsche Philologie und bildende Kunst, arbeitet für EIKON und fm5.

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