2008-12-13 01:09:27
'I want to be black air': A Life, A Song, A Cigarette gastierten im oberösterreichischen Regau. Wunderschöner Folk made in Austria.
Brauchtumspflege einmal anders rum: Während normalerweise im oberösterreichischen Durchzugsort Regau einer traditionell bis ewiggestrigen Gedankenwelt in Form einer Bürgergarde nachgehangen wird, trifft hin und wieder die schöne Ausnahme auf die Regel. Seit letztes Jahr der Treffpunkt Kulturverein von ein paar ortsbekannten Idealisten gegründet wurde, bedeutet das nicht nur, aber vor allem aus (pop)kultureller Sicht eine erfrischende Bereicherung für die Region. Immerhin gastierten mit Franzobel, maschek (das Freie Magazin berichtete) oder Kurt Palm bereits einige auch im breiteren Umfeld bekannte Künstler. Ein wichtiger Beitrag also, der für Hirnfutter in einer Umgebung sorgt, in der oftmals eine aktiv betriebene Weltverschlossenheit vorherrscht. Als letzten Freitag im örtlichen Pfarr-, äh, Kultursaal die medial zurecht abgefeierten A Life, A Song, A Cigarette zugegen waren, konnte man die – in diversen Kreisen gern verneinte sowie geschmähte – sprichwörtliche Kraft der Popmusik wieder einmal - räusper - hautnah erleben.
Hauptsache Pathos!
Wurde das Wiener Sextett bezüglich ihres Erstlings Fresh Kills Landfill noch als „Bright Eyes Österreichs“ bezeichnet - was definitiv als Kompliment zu werten ist - beweisen sie mit ihrem heurigen Herbst wieder auf dem sympathischen Label Siluh Records, betrieben von Robert Stadlober und Bernhard Kern, erschienenen Album Black Air auf eindrucksvolle Art und Weise, welches ausdruckfähige Potenzial, Songs zu verfassen, in ihnen steckt. Mit tatkräftiger Unterstützung eines alten Indie-Haudegen namens Ken Stringfellow (Ex-The Posies und -R.E.M.-Mitglied) als Produzent und Gitarrist bekam das aktuelle Werk jenen, einem zweiten Album mehr als würdigen Feinschliff, das dem Vorgänger noch ein bisschen fehlte. Das Sextett, bestehend aus Stephan Stanzel (Gesang, Gitarre), Hannes Wirth (Gitarre), Philipp Karas (Keyboards, Akkordeon), Martin Knobloch (Bass), Lukas Lauermann (Cello) und Daniel Grailach (Schlagzeug), setzt alles um, was heutzutage im Kosmos der tiefsinnigen Unterhaltungsmusik von Nöten ist: Stark in die Ohren dringende Gefühlsäußerungen über dies und das, über jenen tristen Wiener Bezirk Simmering, dessen Name ein Song trägt, über eine zutiefst frustrierte Heranwachsende (Marie), und über Change, den Wechsel. Wie heißt es in einem älteren Song Love so schön: „Sometimes your love seems like a hidden track, hard to find and disappointing…“
Wut meets Trauer
Gemeinsam ist den Stücken der unvergleichliche, herrlich ausgedrückte Hang zum Sentiment. Stichwort: Hauptsache Pathos! Der Titelsong Black Air, der eine gelungene Anspielung auf die von Wiener Sanitätern geprägte Redewendung „Schwoaze Luft“, was soviel wie Nacht bedeutet, darstellt, kann als typisches Beispiel für eine gewisse Wiener Melancholie gelten. Den Wienern wird ja schließlich nicht umsonst seit jeher ein sonderbares Verhältnis zu ihrer Stadt attestiert - mal hassen, mal lieben. Und doch endet es hier nicht unbedingt mit einer Portion Mieselsucht, sondern eher mit einer Trost spendenden, optimistischen Geisteshaltung: Auch in Simmering lässt sich leben – und lieben.
Bemerkenswert an dieser jungen Band ist jedoch vor allem die Kraft und Energie, mit denen es ihr gelingt, die Qualität des Albums auch live sinnvoll darzubieten. Wuchtig, intensiv, Country, (Neo-)Folk, im Herzen stochernd, nach der Erfüllung namens Liebe hechelnd, intensiver Celloklang, subtil intonierte Keyboardklangflächen: Faktoren, die an einem angesichts der thematischen Vorgaben vonseiten des stimmlich beeindruckenden Frontmans Stanzel nachdenklichen Abend maßgeblich beitrugen. Die letzte Nummer des Konzerts war mit Tears eine aus choreograf-dramatischer Sicht bestens gewählte. Ein Stück, dem ein krachwütiger Schluss folgte. Die Trauer, auch sie muss hie und da wütend sein.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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