2009-01-02 00:50:49
Der Regisseur Arash T. Riahi spricht im Interview im ersten Teil über den Film Ein Augenblick Freiheit und Österreicher in Afrika. Im zweiten Teil geht es um die Kronen Zeitung, die gegen Ausländer ist und seine Leidenschaft fürs Filmemachen.
Gibt es ein charakteristisches österreichisches Filmemachen?
Es muss alles extrem tödlich sein und es gilt nur als gut, wenn alles voll arg ist. Das kann man so natürlich nicht verallgemeinern, bei Kunstfilmen ist es aber oft so. Ich finde, man kann auch in einem Film lachen, ohne dass der Film dämlich oder oberflächlich sein muss, das kommt vielleicht zu wenig vor.
Wie würdest du deinen Film hier einordnen?
Mir war es wichtig, keinen depressiven Flüchtlingsbemitleidungsfilm zu machen. Neben den harten und traurigen Szenen gibt es auch viel Leben und Humor, weil es auch ein Überlebensmotto ist. Ich wollte einen Film machen, der einen Funken Hoffnung in sich trägt.
Mir geht es ja beim Filmemachen auch darum, dass ich gerne etwas verändern möchte. Mir ist schon klar, dass ich die Welt nicht verändern kann, aber man kann etwas am Bewusstsein ändern. Ich sehe diesen Film und meine Filmarbeit als politischen Filmemacher mehr im Geiste von Leuten wie Constantin Costa-Gavras, die politische Kinos auf eine Art gemacht haben, dass es zu den Leuten durchdringt und es sich nicht nur eine politische Elite anschaut.
Es ist kein typisch österreichischer Film, er spielt hauptsächlich im Ausland, die meisten Schauspieler sind nicht aus Österreich, die Sprache ist nicht deutsch, der Regisseur ist nicht aus Österreich, aber das Geld ist aus Österreich und Frankreich.
"Ich habe in den sieben Jahren 14 Fassungen von meinem Drehbuch geschrieben. Wenn es mir zu mühsam wäre, hätte ich nach der dritten aufgegeben."
Wie schaut es grundsätzlich mit der Filmszene in Österreich bzw. in Wien aus?
Ich glaube, es ist ganz gut. Es hat sich in den letzten Jahren viel verbessert, glaube ich. Ich habe mir auch überlegt die Filmhochschule zu machen. Aber ich habe zu der Zeit schon viel gearbeitet. Aber ich kann niemand empfehlen, meinen Werdegang nachzumachen, weil es auch sehr schwierig war. Ich habe jetzt mit 36 Jahren meinen ersten Spielfilm fertig gemacht. Die Leute, die in die Filmakademie gehen, machen ihren ersten Film mit 30 fertig, weil sie in einem natürlichen Rhythmus sind. Das Problem, dass sie halt oft haben, ist, dass sie zu theoretisch sind und dann in die Realität des Arbeitslebens hinauskommen und dann Kellnern müssen.
Ich habe selbst lange gebraucht: meine Kurzfilme sind alle abgelehnt worden. Auch die erste Doku ist zweimal abgelehnt worden, der Spielfilm ist beim ersten Mal bei der Drehbuchförderung abgewiesen worden. Man darf sich von diesen Dingen nicht abwimmeln lassen, wenn man Filme machen will, dann muss man eine Art positive Obsession für diese Geschichte haben. Und man muss sich dessen bewusst sein, dass man viel Zeit damit verbrauchen wird, dass Beziehungen daran zugrunde gehen, dass es einfach etwas Spezielles ist, etwas großartiges, wenn es klappt.
Ist es mehr Selbstausbeutung im Kulturbetrieb oder ist es mehr Leidenschaft?
Es ist beides, du musst dich selbst ausbeuten, du kannst auch nicht verlangen, dass dich Menschen, die nichts mit deiner Geschichte und mit deinem Film zu tun haben permanent dafür zahlen, dass du Überstunden für deinen Film machst. Filmemachen ist Leidenschaft und dafür muss man auch Opfer bringen und dafür kreiert man etwas, was es im besten Fall so noch nicht gibt und was einen überlebt.
Prinzipiell ist die Atmosphäre zum Filmemachen in Österreich ganz gut. Im Vergleich zu der Zeit, in der ich begonnen habe, gibt es extrem viele Möglichkeiten. Allein die Technik, du kannst so leicht eine Kamera haben, ausborgen, die Qualität ist gut, durch Dogma ist der Bann gebrochen, dass Video ein Problem ist und Dogma ist auch schon 13 Jahre her.
Das heißt es ist jetzt viel leichter, wenn man eine Idee hat, kann man viel leichter drehen, selber am Computer schneiden, geht schon, du kannst den Film im Internet vertreiben, du kannst viel mehr machen als früher. Woran es oft scheitert ist, dass man extrem viel Geduld braucht. Ich habe in den sieben Jahren 14 Fassungen von meinem Drehbuch geschrieben. Wenn es mir zu mühsam wäre, hätte ich nach der Dritten aufgegeben.

"Dieses Land wird von der Kronen Zeitung regiert und die Kronen Zeitung ist gegen Ausländer."
Grundsätzlich ist es für Migrantinnen und Migranten sehr schwierig in der Medienlandschaft eine Rolle zu spielen. MigrantInnen arbeiten weder beim ORF oder in den Zeitungen, noch werden sie entsprechend der gesellschaftlichen Realität abgebildet. Was sind die Gründe?
Ich glaube die Gründe liegen nicht bei den Migranten, weil warum ist es in Deutschland anders? Die Gründe liegen in der Medienlandschaft und im sich trauen. Die Gründe liegen darin, dass dieses Land von der Kronen Zeitung regiert wird und die Kronen Zeitung ist gegen Ausländer. Und mit der Kronen Zeitung will man es sich nicht verscherzen.
Ich möchte nicht sagen, dass diese Sachen im ORF bewusst passieren, es gibt ja dort mittlerweile Assessment Center, es geht da schon mit rechten Dingen zu, hoffe ich. Es gibt halt Leute, Migrantinnen, die extrem talentiert waren, die sind einfach verheizt worden. Aber wir arbeiten daran, jetzt sind wir noch Quotentschuschen, aber bald wird es ganz viele von uns geben.
Wie arbeitet ihr daran?
Ich habe jetzt diesen Film gemacht. Mein Bruder macht die Serie Neue Wiener, die er auch dem ORF angeboten hat, die auch mit Migranten ist. Dann gibt es jetzt die Serie Tschuschenpower von Jakob M. Erwa. Und diese Sachen werden alle Zeigen, dass es funktioniert und dass es auch unterhaltsam ist. Wieviele normale österreichische Serien hat man gemacht, die ein Schaas waren? Das muss man eben auch bei den Migranten trauen und ich bin sicher, dass die Ausfallsquote nicht so hoch sein wird.
Warum bis du überhaupt in Österreich geblieben, sind die Möglichkeiten anderswo nicht vielfältiger?
Meine Zentrale ist hier in Österreich, ich habe meine Familie hier, meine Freunde hier, ich fühle mich hier wohl, das sind meine neuen Wurzeln. Ich würde schon gerne den Iran kennen lernen, aber das geht halt nicht. Ich bin sehr dankbar, dass ich hier sein kann, dass meine Familie aufgenommen worden ist. Aber ich kann mir schon vorstellen, projektweise im Ausland zu arbeiten, aber ich komme gerne wieder zurück.
Wie funktioniert das internationale Netzwerk, wie verknüpft man sich mit der Szene?
Das läuft eigentlich sehr gut, wenn ein neuer Film kommt, dann läuft er zirka eineinhalb Jahre auf verschiedensten Festivals und dort trifft man die selben Leute immer wieder und es entwickeln sich Freundschaften. Auf Festivals wird man vielleicht von einem Produzenten entdeckt, es kann sein, dass man angesprochen wird, aber das werde ich erst sehen.
Was sind sonst Vorbilder für dich?
Meine Lieblingsregisseure sind ganz unterschiedlicher Art, ich liebe Jean Luc Godard, Woody Allen, Theodoros Angelopoulos, Lars von Trier und so weiter. Woody Allen macht halt nur alle vier Jahre einen guten Film, es wäre nicht nötig, dass er jedes Jahr einen neuen Film macht, aber er macht es halt, ich glaube er kann auch nicht anders. Godard macht inzwischen völlig unzulängliche Filme und ist in seine Welt abgedriftet, aber die ersten acht, neun Filme von ihm sind großartig und er ist einfach ein großartiger Typ.
Ein Film kann mich auf einer emotionellen oder auf einer intellektuellen Ebene berühren. Dann denkt man sich, der Typ hat Gedanken, das ist wie ein Freudensgefühl. Es kann mich aber auch ein Film körperlich berühren, wenn es ein richtig guter Actionfilm ist, wie zum Beispiel You Don’t Mess With The Zohan. Da hast du einfach Spaß am Exzess, der dort vollführt wird. Nur so kannst du unterschiedliche Einflüsse in deiner Arbeit bekommen.
Vor dir liegen Prüfungsunterlagen, du hast begonnen zu studieren?
Ich habe nach zehn, zwölf Jahren Praxis gespürt, dass ich das Bedürfnis nach Theorie habe. Ich mache jetzt diese Prüfung über intermediale Übersetzungen und ich habe alle diese Sachen schon gemacht, aber jetzt lese ich, was da vor sich geht. Ich kenn alles, aber jetzt lerne ich, okay, das ist das Vier Augen Modell, das Vier Ohren Modell oder die Constrained Translation. Natürlich es ist etwas anderes wenn du aus der Praxis kommst und dann an die Universität zurück gehst, als wenn du an der Uni sitzt und dir denkst, ich möchte endlich etwas machen.
Arash T. Riahi, Filmregisseur, wurde 1972 im Iran geboren. Lebt seit 1982 in Österreich.
Sein aktueller Film Ein Augenblick Freiheit kommt am 9. Januar in die österreichischen Kinos.
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