2009-01-02 00:05:40
Der Regisseur Arash T. Riahi spricht im Interview im ersten Teil über den Film Ein Augenblick Freiheit und Österreicher in Afrika. Im zweiten Teil geht es um die Kronen Zeitung, die gegen Ausländer ist und seine Leidenschaft fürs Filmemachen.
Arash T. Riahi ist wieder Student. Woran man das merkt? Mit seinen Prüfungsunterlagen in der Hand kommt er eine halbe Stunde zu spät zu unserem Interviewtermin ins Café Phil im sechsten Wiener Gemeindebezirk und kann in der Folge das eine oder andere Gähnen nicht unterdrücken. Zehn Uhr morgens ist auch keine Zeit für einen Studenten, sagt man. „Nach dem letzten Drehtag hat sich mein Hirn geöffnet, das ist wie wenn hier ein Knoten wäre, der ist gelöst und alles kommt rein und alles fließt wieder,“ erklärt Arash T. Riahi seine neu gefundene Liebe für filmtheoretische Skripten.
Wie erleichtert bist du, dass dein erster Spielfilm Ein Augenblick Freiheit jetzt fertig ist und bald in die Kinos kommt?
Ich bin verdammt erleichtert! Der erste Spielfilm ist immer etwas Besonderes und wenn er funktioniert, dann ist man glücklich. Wenn er nicht funktioniert, ist der Weg für einige Jahre zu. Der Druck war nach dem Erfolg meiner letzten Doku Exile Familiy Movie natürlich enorm. Ich habe mir gedacht, lasst mich in Ruhe, ich möchte eh keinen Scheiß machen.
Der Filmtitel lautet Ein Augenblick Freiheit, was ist darunter zu verstehen?
Der Titel bezieht sich auf die drei Geschichten im Film, wo es um Menschen geht, die auf der Flucht sind. Diese Menschen wollen die Freiheit und dabei zeigt sich, was Menschen eigentlich auf sich nehmen, um einen Augenblick Freiheit zu erlangen. Der Film ist über das Leben dazwischen, das Leben auf der Flucht.
Hinter jedem Ausländer steckt einfach eine normale menschliche Geschichte, nichts Fremdartiges. Es ist eben so, wenn man sich auf das Fremde konzentriert, wirken die Menschen immer fremd, aber wenn man sich auf die Gemeinsamkeiten konzentriert, kommt man darauf, wie ähnlich sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sind.

"Wenn ein Österreicher beschließt, dass er sich in Afrika besser entwickeln kann oder in England, dann sagt auch niemand, das geht nicht, du nimmst dort den Leuten die Arbeit weg."
Ist der Augenblick Freiheit nur bei der Flucht selbst zu spüren? Wartet mit dem Ankommen die noch größere Strapaze?
In dem Film gibt es auch Leute, die es nicht schaffen. Aber während der Flucht spüren sie ein paar Mal diese Augenblicke, alleine dafür lohnt es sich.
Oft ist es so, dass man während der Flucht nicht viel nachdenkt, da steht die Aktion im Vordergrund, es geht darum es über die Grenze zu schaffen. Wenn man dann irgendwo ankommt, beginnt man zu reflektieren: das kann natürlich auch das Gefühl der Freiheit sein, aber andererseits ist es eine Zeit, wo alle Probleme hochkommen und wo man realisiert, dass man einfach seine Familie und alle Freunde verlassen hat. Man ist in einer fremden Umgebung und kann die Sprache nicht. Aber wenn die Menschen schon soweit sind, dass sie diese Strapaze auf sich nehmen, kann man davon ausgehen, dass es viel schlimmer wäre, wenn sie zu Hause geblieben wären.
Wenn man auf die Gemeinsamkeiten schaut, sind sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ähnlich. Wie drückt sich das aus?
Ich war vor einem Monat auf einem Festival in Brasilien und habe dort indigene Amazonen getroffen, die in dem Film Birdwatchers mitgespielt haben. Nach meinem Film haben sie mich umarmt und sich bedankt und gesagt, sie können es voll verstehen. Das war ein echt gutes Gefühl zu sehen, dass das etwas Universelles ist und sie haben es gleich mit ihrer Geschichte verglichen, weil sie aus ihrem Reservat fliehen müssen.
Damit sich Menschen auf die Flucht begeben, muss es gute Gründe haben. Warum begeben sich die Menschen in Ein Augenblick Freiheit auf die Flucht?
Im Film kommt es nur zwischen den Zeilen vor: der Film beginnt mit einer Erschießungsszene im Iran und da merkt man die Gründe schon sehr schnell. Menschen fliehen hauptsächlich, weil sie politisch verfolgt werden. Aber es gibt auch andere Gründe.
Wenn ein Österreicher beschließt, dass er sich in Afrika besser entwickeln kann oder in England, dann sagt auch niemand, das geht nicht, du nimmst dort den Leuten die Arbeit weg. Sondern es ist ganz selbstverständlich, er fährt dort hin, versucht zu leben, gibt sein Bestes
Der Iran ist ja das Land mit den meisten Flüchtlingen, dort leben eine Million afghanische Flüchtlinge. Es ist überall so, jedes Land ist vielleicht ein Zufluchtsort für die Einen und für die Anderen ein Ort, wo sie keine Freiheit erleben.
Du hast bereits davon gesprochen, dass es etwas Besonderes ist, seinen ersten Spielfilm zu machen. Was sind die Unterschiede zum Dokumentarfilm?
Ein großer Unterschied ist, dass man beim Spielfilm alles plant, alles weiß, alles entscheidet. Deswegen ist es ziemlich langweilig für mich, meinen eigenen Spielfilm anzusehen. Ich kenne einfach jede Farbe von jeder Mütze und habe alles entschieden: es gibt ganz wenige Dinge, die spontan entstanden sind. Das war nötig, weil die Geschichte so komplex ist. Es waren drei Geschichten und ich musste jede Szenen so drehen, wie sie im Drehbuch stand, damit die Geschichte funktioniert. Prinzipiell ist es beim Spielfilm so, dass man im besten Fall ein gutes Drehbuch hat und die ganze Zeit versucht, dieses Drehbuch hinzukriegen.
Bei der Doku hast du eine Idee und ein Konzept und dann gehst du in die Realität damit und die Realität überrascht dich oft viel mehr, als du dir überhaupt vorstellen konntest. Die Menschen sind immer ganz anders, du kennst sie zwar, aber dann kommen sie plötzlich mit Aussagen die ganz super sind, bestimmte Dinge passieren durch Zufall und so weiter.
Andererseits ist der Vorteil beim Spielfilm, dass du radikaler sein kannst. Du kannst dir arge Sachen überlegen, du kannst sagen: „Okay, der Typ bringt sich um“. Bei einer Doku musst du immer auch Rücksicht nehmen, dass die Menschen einfach auch Menschen sind, die ein Leben nach diesem Film haben, du kannst nicht einfach über sie darüber fahren und sie verarschen oder fertig machen.
"Es hat Augenblicke gegeben, wo ich Dinge in das Drehbuch geschrieben habe, die mir besonders wichtig waren. Wenn du dann siehst, dass es funktioniert, dann kriegst du eine Gänsehaut."
Im Film sind weinende Kinder, Pferde im Schnee und getötete Schwäne zu sehen. Diese "ungeduldigen Schauspieler" sind eine besondere Herausforderungen, war das eine bewusste Entscheidung?
Nachdem ich ja Autodidakt bin und nicht in eine Filmschule gegangen bin, habe ich nicht gewusst, dass es gefährlich ist mit Kindern zu drehen. Ich habe einfach vor sieben Jahren begonnen diese Geschichte zu schreiben, die mir nahe ist und da kommen einfach Kinder vor. Eine der Geschichten basiert auf der Geschichte meiner Geschwister. Ich habe gar nicht über die Schwierigkeiten nachgedacht, als ich dann mit dem Drehbuch fertig war, habe ich mir gedacht, verdammt, dass kann schwer werden.
Aber ich habe die Kinder oder Tiere nicht aus irgendwelchen kommerziellen Gründen oder Überlegungen ausgesucht. In Kinderfilmen aus Hollywood ist es ja tatsächlich so, da müssen Kinder vorkommen, Hunde vorkommen, alle Rassen vorkommen und so weiter.
Du wusstest also nicht, worauf du dich da einlässt. Was ist dann auf dich zugekommen?
Du hast dir beim Drehbuch etwas überlegt und in deiner Phantasie passiert dies und jenes und dann stehst du in der scheiß Realität: es ist saukalt, du bist mit Kindern auf irgendwelchen Bergen mit Pferden und willst, dass sich die Kinder auf die Pferde setzen und ruhig reiten, aber die wollen nicht. Sie schreien, ihnen ist kalt, es ist unangenehm, 40 Leute stehen um dich herum und warten auf deine Entscheidungen.
Die Mütze von einem Kind wird im Schnee weggefegt, du musst eine halbe Stunde warten, bis die Mütze wieder gefunden wird und wieder auf dem Kopf sitzt. Da geht es um „alles andere“ als darum, das Drehbuch hinzukriegen. Dann streiten sich die Schauspieler, oder die Eltern von den Kindern und du musst den Psychiater spielen, echt Hardcore. Dem Drehbuch versuchst du nur annähernd hinterher zu hecheln.
(c) Filmladen Filmverleih. Regisseur Arash T. Riahi bei den Dreharbeiten mit seinen jüngsten SchauspielerInnen: "Wenn Kinder einmal expressiv und locker sind, dann spielen sie die Erwachsenen voll an die Wand."
Wie geht man als Regisseur mit Kindern um?
Im Endeffekt war das Wichtigste, dass wir Freunde werden und dass sie mir vertrauen. Die Kinder sollten Spaß haben, man besticht sie auch mit diversen Tricks: von Zuckerl über Autos. Am meisten hat geholfen, dass sich die Burschen in das Mädchen verliebt haben und sie es total gut vor ihr machen wollten.
Sie haben auch nicht verstanden, dass sie nicht austauschbar sind. Das heißt, wenn der Eine in einer Rolle etwas nicht machen wollte, dann habe ich gesagt, gut, dann hole ich den Anderen und er spielt das, nein, nein, er macht es sofort. Wenn Kinder einmal expressiv und locker sind, dann spielen sie die Erwachsenen voll an die Wand.
Gab es spezielle Momente während der Dreharbeiten, hat dich etwas besonders berührt?
Es hat Augenblicke gegeben, wo ich Dinge in das Drehbuch geschrieben habe, die mir wichtig waren. Wenn du dann siehst, dass es funktioniert, dann kriegst du eine Gänsehaut. Es gibt eine Szene - wahrscheinlich die beste Szene im Film - bei der die Polizei in ein Zimmer kommt um zwei Typen zu überführen, die einen Schwan gekillt haben. Den Schwan haben sie irgendwo versteckt, nur eine Feder haben sie übersehen. Diese Feder war mir urwichtig, weil diese Feder die Freiheit zwischen den harten Füßen der Polizisten symbolisiert. Das war ein Supergefühl am letzten Drehtag.
Und dann gibt es Augenblicke, Glücksmomente, wo Schauspieler und alle rundherum aus sich herausgehen und auf eine ganz andere, eine echte Ebene kommen und du spürst, das ist großes Kino. Das heißt noch nicht, dass der ganze Film funktioniert, aber du weißt, dass diese Szene funktioniert.
Wie viel von deiner persönlichen Geschichte steckt in diesem Film?
Ich habe zwar einen Bezug zu dieser Geschichte und zum Teil ist es die Geschichte meiner Geschwister, aber ich habe mir ganz viele Erzählungen angehört und daraus exemplarische Geschichten gebaut. Mir ist es nicht darum gegangen, meine eigene Geschichte aufzuwärmen, sondern ich wollte eine Hommage an die vielen Menschen machen, die aus dem Iran oder sonstwo flüchten.
Arash T. Riahi, Filmregisseur, wurde 1972 im Iran geboren.
Lebt seit 1982 in Österreich.
Sein aktueller Film Ein Augenblick Freiheit kommt am 9. Januar in die österreichischen Kinos.
sad french lion pantomime
Newsfeed von Lukas Ertl abonnieren
http://fluglos.net
Newsfeed von Thomas Steibl abonnieren
Jaja, vielleicht projiziere ich da nur hinein, aber diese Café-Interviews haben immer etwas gemütliches, ohne dabei unspannend zu wirken. Das war in seiner inhaltlichen Vielfältigkeit sehr fein zum Lesen :)
[antworten]
ein augenblick freiheit
Und der Film ist das Genialste, was ich seit langem gesehen habe! Berührend, komisch, traurig, lustig und daneben noch mit wunderbaren Bildern, Menschen und Geschichten.
Absolut empfehlenswert !!!
[antworten]