Anti-Flag – „There were always politics in my life and music in my life, when I came across punkrock, it just made sense to me“
Anti-Flag haben mit Ihrem neuen Album „For Blood and Empire“ wieder einmal ein Stück Punkrock-Geschichte geschrieben. Unter neuem Label punkten die 4 Jungs aus Pittsburgh auch diesmal wieder mit gewohnt rockigen Sounds und kritischen Texten. „For Blood and Empire“ ist ein Album, das, zu einer Zeit in der die Ära Bush das dritte Jubiläum des Irak-Kriegs feiert, Licht ins Dunkel bringt. Es zeigt auf, dass wohl George W. Bush’s Gott - auf den er sich mit den Worten „God told me to go to war“ bezog – wohl jene Menschen sind, die hinter dem „Project of the New American Century“ stehen.
FM5: Ihr habt eine neue CD herausgebracht, worum geht es und was habt ihr euch dabei gedacht?
Chris #2: Wir haben uns einfach vorgestellt, dass wir eine Riesenvilla haben, in deren Keller alle Menschen leben, und wir sitzen da und schreiben Songs darüber, wie sie sich ums Essen streiten. Spaß beiseite, „For Blood and Empire“ ist eine Art Konzept-Album. Die zugrunde liegende Idee war es, die Absichten der neokonservativen Denkfabrik „Project of the New American Century“ aufzuzeigen und ihre Art Einfluss zu nehmen zu verdeutlichen.
FM5: Wie würdet Ihr das „Project of the New American Century“ beschreiben?
Chris #2: Es handelt sich um einen so genannten „Think Tank“, eine rechte, neokonservative Denkfabrik. Viele der Gründungsmitglieder bekleiden mittlerweile Posten in der Regierung George W. Bush.
Justin: Vereinfacht gesagt hat das „Project of the New American Century“ das Ziel, dass die U.S.A. – als letzte noch vorhandene Supermacht – die Kontrolle über alle weltweiten Ressourcen erlangen. Die ersten Ideen dazu kamen Ende der 80er Jahre auf und beinhalteten Vorhaben wie etwa Kriege an mehreren Fronten herbeizuführen.
All das wurde in unterschiedlichen Strategiepapieren dokumentiert, von denen manche bereits zu Regierungszeiten Clintons entstanden. Clinton selbst wurden damals bereits diese Papiere vorgelegt, und er wurde aufgefordert, eine Invasion des Iraks durchzuführen.
Die Regierung unter George W. Bush hat beinahe alles in die Tat umgesetzt, was in diesen Strategiepapieren festgehalten wurde. Das ist sehr spannend, weil es aufzeigt, dass es beim Irak-Krieg weder um Massenzerstörungswaffen noch um Demokratisierung ging – es ging um das, was in diesen Strategiepapieren steht, und das ist im wesentlichen Erhaltung und Erweiterung von Staats- und Unternehmensmacht. Das war sozusagen das allumfassende Thema der Platte, da sich fast alles auf unternehmerische Infrastrukturen und Kriegsführung zum Machterwerb zurückführen lässt. Selbst wenn ein Song sich damit beschäftigt, wie Frauen über Ihren Körper denken – auch hier lassen sich Parallelen ziehen, da sie von großen Unternehmen, die einzig und allein das Ziel haben zu verkaufen, in ihrem Denken beeinflusst werden.
Chris #2: Um wieder auf weltweite Botschaften zurückzukommen: sie wirken sich auf die Vereinigten Staaten aus und beeinflussen die ganze Welt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Spruch: “It’s just as much up to you to be the watchdog of the U.S”. Wenn wir zu Hause sind und fernsehen und der Beginn eines Krieges zeichnet sich ab, und wir sehen Bilder von Protesten aus der ganzen Welt, Menschen die aufstehen und „Nein“ zum Irak-Krieg sagen, die Aufstehen und „Nein“ zum dritten Jahrestag des Irak-Krieges sagen – das hat Einfluss auf die U.S. Regierung, und deshalb ist es ein ungeschriebenes Gesetz jeder Aktivistin und jedes Aktivisten, daran teil zu haben.
„For Blood and Empire“ mag oberflächlich betrachtet negativ wirken, so als ob dieses „Project for the New American Century“, diese Doktrin, nur in die eine Richtung arbeitet - doch es gibt auch einen positiven Effekt: wir haben alle eine Chance, wenn wir anders denken als sie – wenn wir global denken. Sie konzentrieren sich alleine darauf, aus Amerika die einzige universelle Supermacht zu machen, wir aber wollen aus der ganzen Welt eine Supermacht machen – eine andere Art von Supermacht.
FM5: Was hat euch inspiriert Musik zu machen – war es die Musik an sich oder eher die Möglichkeit politische Kritik zu üben?
Justin: Ich denke, dass beides eine Rolle spielte. Ich bin in einer sehr politischen Familie aufgewachsen, ständig gingen wir zu Protestkundgebungen - meine Eltern haben sich sehr im Kampf für die Bürgerrechte und den Feminismus engagiert. Es war immer Teil meines Lebens. Aber wir waren auch musikalisch, wir waren neun Kinder und jedeR von uns spielte ein Instrument, also hatten wir unsere eigene kleine Band. In meinem Leben gab es immer Politik und Musik, und als ich dann über Punkrock stolperte machte er einfach Sinn für mich.
FM5: Gibt es Bands, die euch maßgeblich beeinflusst haben?
Justin: Ja sicher. Als ich jünger war, war für mich Punkrock nicht nur deshalb besonderes, weil die Musik aufregend war, sondern weil es Bands gab, die wirklich eine Aussage machten. Das machte Sinn für mich, damit konnte ich etwas anfangen, beispielsweise „The Clash“. Das inspirierte mich selbst Punkrock zu spielen und den Wunsch zu haben Teil dieser Gemeinschaft zu sein, in der Dinge wichtig waren, die mir wichtig waren, in der es normal war, nicht homophob, nicht sexistisch oder rassistisch zu sein. Dadurch, wie mich Musik beeinflusst und inspiriert hat, glaubte ich immer daran, dass auch wir Anregung für Andere sein können.
Chris #2: Ich ging zu Konzerten in Pittsburgh, viele von ihnen waren Anti-Flag Konzerte. Ich ging zu Konzerten, bei denen es zu Schlägereien kam und die Bands spielten einfach weiter, und dann ging ich zu einem Anti-Flag Konzert und auch dort kam es zu einer Schlägerei – und die Band hörte einfach auf zu spielen und fragte, was zur Hölle denn los sei. Da habe ich angefangen nachzudenken und mir wurde bewusst, dass ich nicht länger zu Konzerten gehen wollte, bei denen die Band so tat als würde das Publikum nicht existieren. Das ist so eine Konzert-Geist Geschichte…
Das passiert bei vielen Punk-Konzerten. Auf den ersten Blick wirken alle wie eine große Familie mit den selben Werten – doch die Realität ist eine andere.
Chris #2: Es gibt große Unterschiede von Show zu Show. Ich bin der Ansicht, dass Streit immer eskaliert, wenn die Band nicht „Hey“ sagt und zu spielen aufhört. Bands, die das tun sind für mich Punkrockbands, Bands, die es zulassen, dass Schlägereien einfach weitergehen – die sind für mich einfach nicht Punkrock. Es gibt Menschen, die das genau gegenteilig sehen und meinen, dass Bands, die gegen Gewalt bei ihren Konzerten eintreten, Feiglinge oder Hippies sind. Ich finde das ignorant, es geht nicht um Gewalt, es geht darum eine Community aufzubauen, deren Einfluss ernst genommen wird.
FM5: Ist es überhaupt möglich Gewaltfreiheit zu erreichen?
Chris #2: Wir, als Band, glauben, dass jede Möglichkeit ausgeschöpft werden muss, die gewaltfrei ist, ehe der erste Stein geworfen wird. Glücklicherweise sind wir nie in eine Situation geraten, in der wir auf Gewalt zurückgreifen mussten. Es gab natürlich Fälle bei denen Menschen, die beispielsweise mit einem SS T-Shirt bekleidet waren, versucht haben auf eines unserer Konzerte zu kommen. Wenn das passiert, dann reagieren Leute und fragen: „Hey, was machst du hier?“. Manchmal greift auch jemand ein – wir haben zwei mögliche Szenarien beobachtet: entweder kommt es zum Gespräch und die betreffende Person geht oder aber es kommt zum Streit. Das kommt ganz auf den Rahmen an, Menschen reagieren in unterschiedlichen Situationen einfach verschieden – nicht zuletzt deswegen ist das eine sehr große Frage.
FM5: Zurück zu eurer Musik, wenn ihr eure Texte in der Vergangenheit und Heute vergleicht. Was würdet ihr sagen, was sich geändert hat?
Chris #2: Früher hat sich die Musik von Anti-Flag stark an den Inhalten der Szene in Pittsburgh orientiert – ich erkannte starke Parallelen zwischen den Songtexten und dem, was gerade in meinem Leben passiert ist. Ich finde diesbezüglich sind wir erheblich globaler geworden. Vielleicht auch deshalb, weil wir mittlerweile viele Konzerte an vielen unterschiedlichen Orten spielen und nicht mehr nur in Pittsburgh. Abgesehen davon, habe ich auch das Gefühl, dass die früheren Songs sich stärker auf momentan Geschehenes bezogen haben – jetzt empfinde ich unsere Songs zeitloser, nicht vage – sie sind immer noch sehr konkret. Ich hoffe, dass es nicht notwendig sein wird, noch viele Jahre über diese Themen zu singen, aber falls doch haben wir immerhin die Songs dazu.