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kreatives

Annas Moment der Erkenntnis

2007-06-30 13:59:30

  • Melancholie, Fluss

Endlich kann sie weinen. Es ist ein lautes, jämmerliches Weinen. Es ist der Schmerz. Er fehlt ihr so. Wo ist Julian nur? Sie wird es herausfinden...

Anna sitzt auf der Bank im Park, die ganz hinten im Eck, wo sie keiner sehen kann. Eine Dose Bier in der Hand. Es ist nicht ihr erstes. Aber auch nicht ihr letztes. Ihr schwirren die Gedanken im Kopf, ihre dünnen Arme und Beine zittern und sie kann Dank der Tränen in ihren Augen ihre vertraute Umgebung nicht mehr erkennen.

Julian

Sie ist hier aufgewachsen. Ein wunderschöner Park, sie liebte ihn. Damals hat sie hier gespielt. Ohne Bier. Dafür mit Julian. Seit sie kleine Kinder waren, haben sie fast jeden Tag miteinander verbracht. Warum ist er nur gegangen? Einfach abgehauen ohne Tschüss zu sagen. Sie nimmt drei große Schlucke, es rinnt ihr kalt die Kehle hinunter, aber nicht kalt genug. Ein weiteres Fläschchen Kräuterschnaps wird mit einem zackigen Ruck geöffnet, sie hat alle mitgenommen, die sie im Wohnzimmerschrank ihrer Eltern gefunden hat. Er brennt, auch im Magen noch, das tut gut. So spürt sie sich wenigstens für einen Moment, dort, wo sie früher Julian gespürt hat. Das schwarze T-Shirt, das ihren kleinen Busen bedeckt, ist schon ganz nass. Es muss ihre salzigen Tränen auffangen… doch es sind zu viele.

Anna denkt…

Seit er weg ist, bewegt sich Anna kaum von dieser Bank. Jede Nacht sitzt sie hier, allein und betrunken. Weinend. Ihr Leben hat keinen Sinn mehr, denkt sie. Sie will sterben, denkt sie. Wie konnte er sie einfach so verlassen, denkt sie. Ihr Herz beginnt plötzlich zu rasen, ihre dünnen Finger ballen sich wütend zur Faust und schmeißen das Fläschchen mit aller Kraft zu Boden. Sie wünscht sich Scherben, viele Scherben, die zeigen, wie es in ihr aussieht. Doch es zerbricht nicht. Anna beginnt tief zu schluchzen. Endlich. Das erste Mal seit Julian sie allein gelassen hat, kann sie wütend sein. Und das erste Mal kann Anna weinen. Richtig weinen. Das schmächtige blonde Mädchen wirkt wie ein Kind, zittert am ganzen Körper, ihre Kehle schnürt sich zu, lässt ihre Schreie kaum heraus, ihre Augen sind von den salzigen Tränen geschwollen, ihr Kopf scheint ihr zu zerbersten…

Annas Erkenntnis

Und dann spürt sie, dass Julian sie nicht verlassen wollte. Dass er es nicht getan hat, um sie allein zu lassen. Dass er sie nie allein lassen wollte. Dass er es nur nicht mehr aushielt, als er in der Badewanne saß und nicht mehr anders konnte, als zu warten, bis sich das Wasser rot färbte. Er wollte es nicht. Endlich kann Anna es verstehen. Sie ist so dankbar dafür. Und spült die Tabletten mit ihrer vorletzten Dose Bier hinunter. Die andere Dose wird sie wohl nicht mehr brauchen.

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