2009-12-27 19:55:47
Am Anfang jeder Revolution steht der Zorn. Wie dieser die Welt sinnvoll verändern kann, erläutert Horst Stowasser nebst übersichtlicher Einführung in das Thema in seinem Buch "Anarchie - Idee, Geschichte, Perspektiven".
Was ist Anarchie eigentlich, jenes Schreckgespenst der politischen Debatte? Besteht sie nur darin, jene Autos, die man sich nicht mehr selber nehmen kann, mit einem Streichholz in eine pyrotechnisch kunstfertige Straßenbeleuchtung zu verwandeln? Oder gibt es noch andere Möglichkeiten, eine hierarchielose Gesellschaft zu verwirklichen? Diese Fragen werden in dem Buch "Anarchie - Idee, Geschichte, Perspektiven" beantwortet.
Autor mit Hintergrund
Der Autor, Horst Stowasser, war bis zu seinem überraschenden Tod im August des vergangenen Jahres einer der angesehensten Anarchisten im deutschsprachigen Raum. Er ist keiner spezifischen Strömung des Anarchismus zuzuordnen, sondern war ab Mitte der Achtziger Anhänger jener Form des Projektanarchismus, die in einem Projekt über liberale Lebens- und Wirtschaftsweisen in der deutschen Kleinstadt Neubau gipfelte.
Utopien und Selbstreflexion
In "Anarchie - Idee, Geschichte, Perspektiven" beschreibt der Autor jeden der im Buchtitel genannten Punkte ausführlich. Das Buch selbst umfasst über 500 Seiten; doch es liest sich wider Erwarten in Anbetracht des Themas zügig und eingängig. Die ersten hundert Seiten widmet Stowasser der Idee der Anarchie. Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Wut gegen Unterdrückung und Ausbeutung die Triebfedern der Revolution seien, räumt er mit der Vorstellung einer anarchistischen "Utopie" auf. Er fordert eine freie Gesellschaft, in der kein Mensch den anderen beherrscht und Kollektivität und Individualität einander ergänzen.
Den Weg dorthin sieht er vorrangig darin, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen und hierarchiefreie Strukturen zu errichten. Entsprechend hart geht er deshalb ins Gericht mit "Schreibtischanarchisten". Diese würden zwar eine freie Gesellschaft predigen, dabei aber hierarchische Strukturen in der Praxis aufrecht erhalten. Genauso wie jene Revoluzzer, die dem "destruktiven Anarchismus" frönen, indem sie einzig gegen einen Feind, meist den Staat, ins Gefecht ziehen und dabei die schaffende, konstruktive Seite der Anarchie vernachlässigen.
Guter Spannungsbogen
Den Großteil des Buches widmet Stowasser der Geschichte anarchischer Systeme und spannt dabei einen weiten - aber gut gebauten - Bogen von den hierarchielosen Gesellschaften der Steinzeit über das Aufkommen der modernen Anarchie im Zuge der europäischen Revolutionen des 19. Jahrhunderts bis hin zur gegenwärtigen Identitätskrise.
Fokus: Aktuelle Debatte
Von diesem düsteren Fazit geht er im dritten Teil zu den Problemen der gegenwärtigen Gesellschaftskritik über. Auf den letzten Seiten legt Stowasser seine persönliche anarchische Perspektive einer dynamischen Gesellschaft von Toleranz und Kommunikation dar, deren Ansätze sich in Zeiten der Krise von Ökologie und Ökonomie als brauchbare Alternative erweisen können.
Horst Stowasser: Anarchie!
Idee - Geschichte - Perspektiven,
Edition Nautilus 2007
Gebunden. 510 Seiten, 39,80 EUR,
ISBN: 978-3-89401-537-4
Blatt mit Bart
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spannend
werd mir das buch bei gelegenheit zu gemüte führen, klingt sehr spannend!
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