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Anajo im Interview

2007-04-02 00:10:20

Ende Oktober brachte Anajo aus Ausgburg Spätsommersonne ins Chelsea. Mit im Gepäck die gleichnamige EP, die Lust auf die im Februar erscheinende CD „Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?“ machen soll. Und der Sänger und Texter der Band, Oliver Gottwald, nahm sich für FM5 eine gemütliche halbe Stunde Zeit, um über Fans in Russland, die Indie-Szene im allgemeinen und darüber zu plaudern, wann er richtiggehend zickig werden kann.

FM5: Ihr musstet heuer Konzerte absagen, weil Ingolf euer Schlagzeuger einen Hörsturz erlitten hatte. Wie seid ihr mit dieser Situation klargekommen? Habt ihr da auch Gedanken ans Aufhören gehabt?

Olli: Ja, das war sicherlich eine sehr schwierige Situation. So weit aber, keine Musik mehr zu machen, soweit haben wir nie gedacht. Wir haben uns überlegen müssen, ob wir die Tour jetzt überhaupt absagen. Wir haben uns aber letztendlich dazu entschlossen, für den ersten Block der Konzerte einen anderen Schlagzeuger zu nehmen und seit letzter Woche ist ja nun auch Ingolf wieder dabei.

Das war natürlich viel hin- und herüberlegen, ob das überhaupt eine gute Entscheidung ist, da jemand anderen vorläufig reinzuholen und so…aber im Endeffekt war das sicherlich für alle Beteiligten die beste Entscheidung.

FM5: Generell gefragt, was wären für euch denn Umstände, bei denen ihr euch überlegen würdet, ganz mit dem Musik machen aufzuhören? Was wäre der Punkt, an dem du sagen würdest, jetzt ist Schluss mit Anajo?

Olli: Na ja, also der Punkt der wird hoffentlich lange noch nicht kommen. Es wäre, wenn wir spüren würden, dass es nicht mehr vorangeht. Das wäre für mich so ein Punkt, wo man dann gucken müsste, was man macht. Aber soweit ist es lang noch nicht.(lacht)

FM5: Du schreibst die Texte. Kannst du dir vorstellen, auch für andere Künstler, wie z.B. Christl Stürmer Songs zu schreiben. Wäre das etwas, das dich reizen würde?

Olli: Also ich könnt’s mir prinzipiell schon vorstellen, fände das auch ganz reizvoll, allerdings im Moment hab’ ich da nicht den Kopf dafür; also ich bin eigentlich genügend damit beschäftigt, meine eigenen Songs zu machen und da hab’ ich in meinem Kopf keine freien Kapazitäten mehr und die Ideen sind mir dann auch zu wichtig für meine eigene Band.

FM5: Auf eurer ersten CD „Nah bei Mir“ waren Lieder drauf, die im Laufe von Jahren geschrieben worden waren und dementsprechend unterschiedlich sind sie auch. Da spannte sich der Bogen von dadaistischen Wortakrobatikliedern wie „Honigmelone“ hinüber zu Kurzgeschichten wie „Villa am Strand“. In welche Richtung geht’s auf der neuen weiter?

Olli: Also die Songs auf der neuen sind sicher nicht so unterschiedlich wie auf der ersten CD, das ist bei der neuen Platte einheitlicher. Und wenn man diese beiden alten Songs hernimmt, dann geht’s sicher mehr in Richtung „Villa am Strand“. Also eher mehr Geschichten und ein bisschen weniger Dada. (lacht)

FM5: Einer der neuen Songs heißt „Hotelboy“ und der trifft im Song auf Safarigirl. Wo sind dir diese beiden Figuren über den Weg gelaufen?

Olli: Also das ist ein sehr fiktiver Text. Da fand ich einfach den Gegensatz so gut. Hotelboy stand am Anfang und der brauchte einfach ein Gegenstück. Und Hotel und Safari find ich dann einfach sehr gegensätzlich.

FM5: Bei „Spätsommersonne“ geht’s um eine vergangene Liebesbeziehung. Kannst du, wenn du in einer Lebens/Liebeskrise steckst, schreiben oder kannst du solche persönliche Erlebnisse erst im Nachhinein kreativ verarbeiten?

Olli: Genau so ist es. Erst im Nachhinein. Also in der Krise selbst, da nehm’ ich mir das zwar immer vor und versuch’s auch. Aber das meiste, was in dieser Zeit entsteht, ist nicht so toll. Also ein bisschen Abstand ist schon gut.

FM5: Wie kritikfähig oder auch harmonisch sind die Bandmitglieder untereinander? Wie gehst du mit Kritik an deinen Texten um und wie entscheidet ihr, was letztendlich auf die Platte kommt?

Olli: Also ich kann schon zickig auch sein.(lacht) Das nervt mich erst mal schon, das geb’ ich auch zu; auch bei der vergangenen Produktion gab’s da schon Momente, wo ich dachte, also das nervt mich jetzt, dass die anderen das Scheiße finden. Aber man merkt dann zumeist, dass an der Kritik der anderen was dran ist. Wir machen das meiste schon in Teamarbeit und es wäre auch schädlich für die Band, wenn es nur darum ginge, dass jeder das, was er im eigenen Kopf hat, umsetzten will. Also im Endeffekt entscheiden alle drei Bandmitglieder gemeinsam und auch unser Produzent Alaska, wie das Lied auf Platte kommt.

FM5: Würdest du eigentlich auch so wie z. B. Christl Stürmer Songs für Werbung schreiben (Eskimo, Drei, Mc Donalds) und die Lieder dadurch am Markt platzieren?

Olli: Ja, wenn sie gscheit zahlen. (lacht) Nein ernsthaft, da muss man schon sehr aufpassen. Da kann man sich auch viel kaputt machen Wir bewegen uns ja doch in Indiekreisen und da hört das Publikum schon sehr genau hin, was man macht. Ich kann das pauschal nicht sagen, ob ich das machen würde. Vielleicht, wenn das ein Produkt ist, das ich cool finde, dann ja vielleicht. Aber so wie Nena für den „Weißen Riesen“, das würd’ ich nicht machen.

FM5: Du hast die Indie Szene angesprochen, dass sie kritischer ist. Glaubst du das wirklich?

Olli: Ja, das glaub ich schon. Ich glaub zumindest, dass Indie-Leute eine starke Grenze ziehen zwischen Indie und Nicht-Indie oder zwischen Cool und Nicht-Cool. Man kann das jetzt kritisch nennen oder vielleicht ist es auch irgendeine Schublade, die besser gar nicht da wäre.

FM5: Aber andererseits lässt sich gerade auch die Indieszene zurzeit perfekt vermarkten und die Grenzen verschwimmen immer mehr.

Olli: Ja, das find ich auch gut so. Ich hab noch nie so viel von dieser strikten Trennung Indie / Nicht-Indie gehalten. Das find ich nicht gut und wenn diese Grenzen da immer mehr verschwimmen, dann begrüße ich das sehr.

FM5: Aber das „kritische“ würde dann ja deiner Definition nach auch verloren gehen.

Olli: Naja, ich weiß es nicht. Vielleicht sollten wir besser sagen, es gibt Musikliebhaber und es gibt Musikkonsumenten. Und die Konsumenten schlucken halt alles.

FM5: Anajo ist auch auf Myspace vertreten? Warum? Das ist doch für euch gar kein Geschäft, denn die Musik kann man sich dort gratis anhören.

Olli: Weil’s eine gute Plattform ist, unsere Musik zu verbreiten. Ich find’s auch nett, dort nach anderen Bands zu stöbern und zu sehen, was denn die für Musik machen. Und außerdem, wenn sich die Leute unsere Musik anhören können, kommt der eine oder andere vielleicht auch mal zu einem Konzert von uns. Und außerdem, man muss ja nicht immer gleich an den Profit denken.

FM5: Ihr habt im Frühjahr auf Einladung des Goethe-Instituts in Russland gespielt. Tomte und Kettcar haben das auch im Herbst gemacht. Wie kommt’s, dass das Goethe Institut immer wieder deutsche Indie Bands einlädt?

Olli: Keine Ahnung. (lacht) vielleicht sitzt da ja ein Vertreter…Nein, ernsthaft, die machen das meines Wissens schon seit längerer Zeit, dass sie Bands aus dem Indie Bereich einladen und wir machen das natürlich gern. Das macht Spaß, das ist ja auch Abenteuer für uns da hinzufahren. Und interessant ist, dass es zum Beispiel dort diese Grenze zwischen Indie und Nicht-Indie nicht gibt. Und da gab’s auch ganz absurde Situationen. Es kamen die Fans zwischen den Liedern zu uns rauf und haben auf der Bühne Fotos von uns gemacht und uns um Autogramme gebeten. Echt absurd, aber lustig.

FM5: Der Umgang mit eurem Publikum ist generell sehr unkompliziert. Ihr lasst die Leute nah an euch ran. Gab’s da auch schon mal Situationen, wo das nervt?

Olli: Nein, eigentlich nicht. Ok, also nach einem Konzert will ich erst mal 10 Minuten Ruhe haben und eine Zigarette rauchen. Aber danach mag ich es ganz gern, dass ich mich noch mit den Leuten unterhalte und ich find das auch sehr wichtig, diese Nähe zu den Fans zu haben.

FM5: Euer Tourbus steht draußen vor dem Chelsea und wir haben investigativ festgestellt, dass ihr „Belle and Sebastian“ hört.

Olli: Ach so. (lacht).. habt ihr spioniert? Aber im Handschuhfach liegt noch anderes…

(FM5: Danke für das Interview.)

…und welche Musik da wohl noch im Handschuhfach verborgen liegt, das werden wir bei einem der nächsten Interviews herausfinden.

Anajo legte übrigens im Anschluss an dieses Interview einen sich durch absolute Spielfreude auszeichnenden Auftritt im Chelsea hin.



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AutorInnen

Martin Aschauer

Martin Aschauer

Ich gehöre zu den Personen die von Anfang an dabei waren. In FM5 steckt nicht nur viel Zeit sondern auch ganz persönliches von mir. Im Moment habe ich mich ans Doktorat gemacht. Ich gehöre wohl zu den Personen, die nie Zeit haben...

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