2008-01-09 10:32:41
In den nächsten Monaten soll sich der American-Glimpses Schwerpunkt dem Theater in den USA widmen. Broadway, Off-Broadway und Regional Theater sind die Eckpfeiler einer etwas anderen Reise durch Amerika.
Big Oranges, Too
Wenn man so manchem Kommentator des amerikanischen Theatergeschehens zuhört, muss man meinen, New York sei der unangefochtene Superlativ der theatralischen Kreativität. In vielen Bereichen ist das wohl auch so. New York hat Spielstätten, Schauspieler und Stückeschreiber im Überfluss. New York hat Theaterinfrastruktur, die von der täglichen kritischen Berichterstattung der New York Times bis zum oberflächlichen Klatsch und Tratsch auf broadway.com reicht. Und schließlich hat New York jede Menge Touristen, die Hits wie "The Lion King" (v.o.n.u., Bild 1) oder Disney's neueste Produktion, "The Little Mermaid", (Bild 2) bis über die Kapazitätsgrenzen stürmen. Amerikanisches Theater hingegen als reine Angelegenheit des Big Apples zu betrachten, wäre fatal. Übers ganze Land verteilt und oft unbekümmert abstrus, bietet "Regional Theater" weit mehr als die urban-kommerzielle Unterhaltung auf Manhattan Island.
Angels in Minneapolis
Auch im Regional Theater gibt es große Namen. Das Guthrie Theater (Bild 3) etwa, gegründet in den 1960ern vom Regisseur Tyrone Guthrie, hat das kulturell sonst eher unbedeutende Minneapolis in Minnesota zu einer Theater-Drehscheibe im Mittelwesten gemacht. Erst kürzlich hat das Guthrie Theater mit der Ankündigung aufhorchen lassen, Tony Kushner (Bild 4) schreibe sein neues Stück für das Haus. Kushner, der sich seit seinem bereits verfilmten "Angels in America" eher Themen wie dem Holocaust oder seiner Heimat Louisiana gewidmet hat, soll bis 2009 endlich wieder ein "gay play" schreiben.
Hesse in Chicago
Ebenfalls im Mittelwesten zuhause ist das Steppenwolf Theater (Bild 5). Die Chicagoer Truppe, nach Hermann Hesses Roman benannt, hat sich auf Abonnenten spezialisiert und ist mit derzeit etwa 20,000 Beziehern ein fixer Stern am amerikanischen Theaterhimmel. Gegründet 1974, ist das Theater verantwortlich für den Erfolg des Autors und Schauspielers Sam Shepard, (Bild 6) der in den 1980er Jahren mit seinen subtilen Attacken auf harte und scheinbar unbezwingbare Männlichkeit von sich hören ließ. Erst vor kurzem hat eine Produktion der Steppenwolf Company in New York von sich hören lassen: "August: Osage Country", (Bild 7) im Dezember 2007 von Chicago an den Broadway übersiedelt, gilt als sicherer Kandidat für die Tony Awards im Juni 2008.
Andere größere Häuser, die neues Theater produzieren, sind etwa das Berkeley Rep in San Francisco, die Arena Stage in Washington DC, und das La Jolla Playhouse in San Diego.
Zweckwidmung von Uni-Geldern, mal anders
Immer wichtiger für die Produktion von neuem Theater in Amerika werden die Universitäten und Colleges. Da besonders Top-Tier (Ivy League und etwa die besten 50 darunter) Universitäten mit Geldern in Milliardenhöhe ausgestattet sind, können Performing Arts-Institute oft einen sicheren und finanziell unbekümmerten Hafen für angehende und unbekannte Stückeschreiber und Schauspieler darstellen. Das Yale Repertory Theater, momentan um ein aufwändiges World Performance Project bereichert, investiert jährlich Millionen in neues Theater.
Selbst die in Washington, DC ansässige Georgetown University, (Bild 8) nicht unbedingt für ihr Performing Arts Programm bekannt, unterhält eine 200 Sitzplatz-Bühne und bespielt sie regelmäßig. Als ich das vergangene Wintersemester dort verbracht habe, wurden für Heather Raffo (Bild 9) und Danny Hoch (Bild 10) etwa dreiwöchige Aufenthalte finanziert, in denen sich die beiden Stückeschreiber nur um ihre Arbeit und um lästige Studenten, die sie mit Fragen bombardierten, kümmern mussten. In beiden Fällen wurden neue Stücke geschaffen, die dann frisch aus der Feder produziert und uraufgeführt wurden.
Community-Feeling
Nicht unerwähnt bleiben soll schließlich "Community Theater", von Amateuren unentgeltlich und billig produzierte Stücke in den kleinen Towns und Neighborhoods der Vereinigten Staaten. Die Royalties, die an einen Autor bezahlt werden müssen, sind für Theaterstücke vergleichsweise gering, und eröffnen für Theater eine gute Möglichkeit, das in Amerika so idealisierte community-feeling zu beschwören.
Da es zusätzlich auch ein großes Repertoire an brandneuen und engagierten Stücken gibt, hat die Theaterbühne im kleinsten texanischen Kaff die Möglichkeit, Schauplatz großer politischer Auseinandersetzung zu werden. Und aus der kleinen Region kann die große Welt werden.
a map of the world that does not include utopia is not even worth glancing at (o.w.)
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