2011-04-25 16:07:16
Ein Familien-Roadmovie mit Witz und Hintergrund, der die essenzielle Fragen des Lebens streift und trotz Migrationsthematik kein platter Weltverbesserungsstreifen ist.
Der kleine Cenk ist der Sohn einer deutschen Mutter und eines türkisch-deutschen Vaters. Was das genau für seine eigene Identität bedeutet, war bisher nicht so wichtig. Aber eines Tages wird Cenk beim Grundschulfußballspiel weder in die deutsche noch in die türkische Mannschaft gewählt. Als er nach der darauf folgenden Schlägerei mit einem blauen Auge nach Hause kommt, setzt sich die Diskussion in der Familie fort. "Du bist Türke!" sagt sein Großvater Hüseyin, dabei hat dieser doch selbst gerade den deutschen Pass bekommen. ![]()
Anschließend verfügt Familienoberhaupt Hüseyin, dass die ganze Familie die Herbstferien in Anatolien verbringen soll, um dort ihr neues Ferienhaus zu renovieren. Währenddessen erzählt Cenks Cousine Canan die Geschichte von Hüseyins Ankunft in Mitteleuropa als 1.000.001. deutscher Gastarbeiter. Canan ist übrigens schwanger und fragt sich die ganze Reise hindurch, wie sie denn nun ihrer Familie beibringen soll, dass sie ein Kind von einem Engländer bekommt, mit dem sie obendrein nicht verheiratet ist.
Wie jeder das von Familienreisen kennt, gibt es eine Menge Streitereien und Chaos. Einer verträgt das Essen nicht, die andere raucht heimlich. Eine Menge Geständnisse werden gemacht und viele Erinnerungen ausgetauscht, bis die Reise plötzlich eine überraschende Wendung nimmt.
Wir sind alle Ausländer - fast überall
In erster Linie ist Almanya ein Film über die Familie und die gemeinsame Geschichte ihrer Mitglieder. Viele Rückblenden zeigen die Akteure in verschiedenen Phasen ihres Lebens. Nesrin Şamdereli hat sich offensichtlich auch viele Gedanken über das Phänomen Fremderleben gemacht. Um das Gefühl des Fremdseins für alle Zuschauer greifbar zu machen, setzt sie Kunstsprache ein. Ein geschickter Trick um sowohl für deutschsprachige, als auch für türkischsprachige Rezipienten die gleichen Voraussetzungen zu schaffen. Denn die Kunstsprache verstehen natürlich beide nicht.
Yasemin und Nesrin Şamdereli haben außerdem eine Vorliebe für Geheimnisse und märchenhafte Momente. Oft werden Hintergründe der Filmhandlung bewusst ausgelassen, um nicht zu viel zu verraten und Raum für eigene Interpretationen zu lassen. Sie spielen mit einer Art Traumsequenz, die sich daraus ergibt, dass die beiden Schienen Vergangenheit und Gegenwart sich manchmal überschneiden.
Viele Details stammen aus der eigenen Lebensgeschichte der Şamdereli-Schwestern. So erzählen sie etwa von der Angst, die türkische Kinder vor dem ans Kreuz genagelten Jesus haben und auch davon, wie sie ihre Mutter drängen, doch einmal Weihnachten zu feiern. Charmant und anekdotenhaft bemüht sich die Geschichte, Verständnis zu schaffen.
Almanya - Willkommen in Deutschland ist der erste Kinofilm der türkisch-deutschen Filmemacherinnen Nesrin und Yasemin Şamdereli. Filme dieser Art können schnell einmal platt wirken. Es gibt wenige Autoren und Regisseure im deutschsprachigen Raum, die das Thema Migration anspruchs- und würdevoll über die Bühne bringen. Almanya lässt vermuten, dass die Şamdereli-Schwestern künftig mit Fatih Akin (Gegen die Wand) und Bora Dağtekin (Türkisch für Anfänger) in einer Reihe stehen werden, denn platt ist ihr Film ganz und gar nicht. Locker und bodenständig spricht er komplexe Themen an und erzählt sehr humorvoll eine nicht ganz einfache Geschichte.
Trailer
Österreichischer Kinostart: 13. Mai 2011
Die Wiener sind ein heiterer Menschenschlag von großer Traurigkeit, ein leichtlebiges Volk von schwermütig-depressiver Grundstimmung, sie sind hochbegabt, aber die mitleidlosen Feinde ihrer Begabung, sie fühlen sich nur wohl, wenn sie sich nicht wohl fühlen.
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