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Alles eine Frage der Zeit?

2010-01-15 11:44:14

Von Oma-Frisuren, Kinder kriegen und Karriere machen. Die ewige Angst Zeit zu verlieren.

Versetz dich in diese Lage: Durch Studium und Arbeit hast du zwischenzeitlich das Feiern vergessen. Du schwingst dich in deine Ausgehklamotten und ab geht’s in deine Lieblingsbar. Nach ein paar Bier, fängt dein Körper an sich zu bewegen und du wippst mit. Du willst tanzen, doch du tastest dich mit deinen Augen durch die schwitzende Menge. Dein Gehirn scannt die Gesichter und sagt dir, dass alle mindestens fünf Jahre jünger sind als du. Bedrückt fragst du dich: Was ist passiert? Wo ist die Zeit geblieben?

Habt ihr es schon gehört?


Das Ticken in euch, das von Geburtstag zu Geburtstag immer lauter wird? Tick-tack…Dieser innere Gegner schnürt sich wie ein Zeitkorsett um unseren Körper und bindet uns bei allen Fragen an eine Zeittafel: Mit 20 Jahren studieren, 25 Karriere, mit 30 alle größeren Reisen abgehakt, und klar, allerspätestens mit 35 Jahren kommen dann mit dem langfristigen Partner die Kinder. Wir können diese Fesseln zwar lockern, aber wenn die beste Freundin mit 26 ein Kind bekommt, der Cousin mit 31 in eine Führungsposition befördert wird oder der runde Geburtstag sich nähert, wird das ticken lauter und du weißt: Du kannst dem Alter nicht davon laufen!

In den letzten Jahren ist die Lebenserwartung um drei Jahrzehnte gewachsen- das heißt jeder 30-Jährige hat gute Chancen 90 oder älter zu werden. Die letzten Generationen waren immer dem so genannten chronologischen Alter ausgesetzt, also der systematischen Ordnung mit welchem Geburtstag was zu erledigen ist. Zudem vertraten die Psychologen die Meinung, dass die Entwicklung des Gehirns mit dem Erwachsenenalter fertig gestellt ist. Doch dies ist heute kaum noch ein Maßstab. Vielmehr aussagekräftig sind die Schwellen die wir im Laufe unseres Lebens überschreiten: der erste Sex, der erste Todesfall, eine Krise oder eine Trennung. „Heutzutage gehen Entwicklungspsychologen davon aus, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens gewisse Stufen durchlebt. Eine Stufe wäre zum Beispiel, wenn ein junger Erwachsener die Intimität erlernt“, erklärt die Psychologie-Lehramtsstudentin Jasmin Stangl. Aus diesem Erfahrungsschatz bildet sich sozusagen die „Weisheit“.

Selbst wenn sich die Weh-Wehchen ab 25 häufen oder der Spiegel hin und wieder ein Fältchen zum Vorschein bringt, ist es kein Zeichen wie alt man ist. Denn nicht das Geburtsjahr ist entscheidend, sondern die eigene Fitness. Altern ist individuell. So können beispielsweise Zwillinge gleich alt sein, aber verschieden alt aussehen. Das "Für immer jung"-Syndrom von Madonna ist nicht erstrebenswert, zeigt aber, dass das körperliche Alter von Vitaminzufuhr und Bewegung abhängt (und zugegeben: in Madonnas Fall auch vom Chirurgen). 

Biologie und Psychologie geben wenig Grund dafür uns alt zu fühlen
, warum tun wir es trotzdem?

Einen wichtigen Anteil trägt die Gesellschaft, die uns zu verstehen gibt, wann wir gefälligst welches Klischee unseres chronologischen Alters erfüllen müssen. Sozusagen, dass ein 20-Jähriger sich tunlichst bilden muss, dass man Mitte 30 Geld verdienen soll und sobald man das 60. Lebensjahr erreicht, gehören beige Klamotten gekauft und Oma-Frisuren geschnitten.  

Dabei bröckelt die Fassade immer mehr. Die Grenzen zwischen Jugend und Erwachsensein verwischen. Früher wurde man mit Beginn der Volljährigkeit für Erwachsen erklärt, heute verlagert sich diese Grenze immer weiter nach hinten. Es ist selbstverständlich, dass man vor dem Erwachsen werden Angst hat. Im Gegensatz zu früher muss jeder viel mehr und komplexere Entscheidungen treffen. Der Altersforscher Paul Baltes hat das 21. Jahrhundert deshalb als das „Zeitalter des chronisch unfertigen Menschen“ bezeichnet. Das Gefühl alles richtig machen zu müssen, ohne zu wissen was das Richtige ist. „Midlifecrisis“ gehören heute zur Normalität. Ein guter Rat ist, nicht alles um die Dreißig erledigen zu wollen, geschweige denn, sich dem chronologischen Alter anzupassen. Krisen gehören einfach dazu, um sich im weiteren Lebensverlauf neu zu ordnen.  

Also: Wenn du auf der Tanzfläche stehst und lauter jungen schwitzenden Gesichtern in die Augen siehst, dann Zweifel nicht, wirf deine Fesseln ab und tanz! Aber bitte nicht unbedingt so wie Michael Jackson oder Mick Jagger.

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AutorInnen

Lisi Gamperl

Lisi Gamperl

Mit beiden Beinen fest am Boden, doch mit dem Kopf in den Sternen..

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