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Allein, allein. Vertonung einer Geisterstadt.

2012-09-20 19:49:29

  • Fm4 radiosession Efterklang
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Die dänische Band Efterklang stellte im einzigartigen Rahmen einer FM4 Radiosession ihr neues Album "Piramida" vor - eine Auseinandersetzung mit der Einsamkeit und ihrer Vielfalt. Ein euphorisierender Abend mit einer faszinierenden Band!

Gesichtslose Backsteinbauten, alte Förderanlagen und eine leicht schiefe Leninstatue: Wer heute noch der Stadt Piramida wegen auf die norwegische Insel Spitzbergen reist, der muss ein geradezu pathologisches Interesse an der menschlichen Zivilisation entwickelt haben. Oder die Grenzen der Einsamkeit neu ausloten wollen. Auf Efterklang trifft zweiteres zu.

"There's always a need to change", hielt Sänger Casper Clausen 2011 in einem Interview mit fm5 fest. Ständige Neuerfindung statt ewiger Repetition, das ist der Anspruch der dänischen Band. Der für das neue Album Piramida gewählte Ansatz ist aber auch für die eigenen Verhältnisse ein radikaler: In einem neuntägigen Aufenthalt in der Geisterstadt entstanden etwa 1000 Aufnahmen unterschiedlichster Gerätschaften, die hernach zu einem großen Ganzen verarbeitet wurden. Musizierte die Band im 2011 erschienen Film An Island noch mit der Bevölkerung der Heimatinsel Als, ist mit Piramida die 180°-Wende perfektioniert. Ein Album über die Vielfalt der Einsamkeit.
Passend zum exklusiven Charakter des Albums bestritten Efterklang eine Woche vor Release des Albums eine FM4 Radiosession im Wiener Radiokulturhaus. Ein denkwürdiger Abend.

 
Dieser beginnt gegen dreiviertel zehn, nach kurzer Anmoderation durch Heinz Reich, der das Phänomen Efterklang in fünf Minuten auf den Punkt bringt. Dann kommt die sechsköpfige Band auf die Bühne, Casper Clausen zuletzt und sichtlich ehrfürchtig. Multiinstrumentalist Mads entlockt seinem MacBook tönern klingende und ganz gemächlich anrollende Sounds, in die die anderen Mitglieder nach und nach einsetzen, bis das Schlagzeug schließlich den Übergang zum Hauptteil markiert: "Hollow Mountain" eröffnet den Abend, wie auch das Album. Der seiner Schätze beraubte Berg steht am Beginn der Einsamkeit.

Das Publikum sitzt in den bequemen Ledersesseln und lauscht andächtig. Glasklar, präzise und hochelegant schweben die Songs des neuen Albums einer nach dem anderen durch den Raum und präsentieren sich als konzentrierte Produktion perfektionistischer Musiker.
Schon während der Session kündigt Clausen an, manche Songs am Ende nochmals einspielen zu wollen, um Fehler auszumerzen, die für das geneigte Laienohr selbst beim besten Willen nicht auszumachen sind.

Aber es ist eben genau das, was die Band auszeichnet: klare Vorstellungen von dem, was sie wollen und hohe Ansprüche. Efterklang verfolgen einen geradezu anachronistischen Weg, verstehen ein Album noch als Gesamtkunstwerk und setzen dementsprechend alles daran, die Kohärenz und das Konzept ihrer Arbeit zu untermauern.
Die konsequent eingehaltene Reihenfolge der Setlist wird genau nach fünf Songs unterbrochen, Geiger und Vokalist Peter Broderick eilt - nachdem er sich bei Clausen den Segen dafür geholt hat - auf die Toilette und Clausen selbst startet einen Diavortrag. Von der beschwerlichen Anreise mit dem Boot erzählt er da, von den Aufnahmeprozessen und dem Ambiente einer verlassenen Stadt. Ob schon mal jemand in einer Geisterstadt gewesen sei, will er wissen, und nachdem kaum einer das bejahen kann, läuft er zu Höchstform auf und nimmt das Publikum mit auf eine Reise in die Stadt Piramida. Man bekommt ein Gefühl für das Ambiente und das Konzept der Band und lernt Miss Piggy kennen - einen alten Öltank mit Stacheln, der sich für die Sounds im Intro von "Hollow Mountain" verantwortlich zeichnet.

 
Verlassene Industrieanlagen, ein leeres Schwimmbad und alter Turnsaal finden sich auf den Bildern und regen die Fantasie an: Was für Menschen wohl in Piramida gelebt haben? Warum sie die Stadt verlassen haben? Und ob nicht das steirische Eisenerz nicht beinahe eine Kopie ist, mit dem über allem thronenden Erzberg und den leeren Straßen. (Gut, Leninstatue gibt es dort keine.)

Efterklang sind gewissermaßen akustische Archäologen, Piramida ist ihr persönliches Abbild der verlassenen Stadt. Dabei wird Einsamkeit allerdings nicht schlicht als trostlos empfunden, eher als Form besonders konzentrierter Offenheit. Wie lebendig Einsamkeit sein kann, zeigen ja auch die in Piramida entstandenen Field Recordings, die durch ein großes Klangspektrum bestechen. Aus den Resten einer Zivilisation entsteht neues Leben.


Auch die zweite Hälfte des Konzerts gerät großartig, Clausen hat Lust an der Kommunikation mit dem Publikum gewonnen und dieses wiederum bedenkt jeden Song mit Jubelstürmen.
Augenscheinlich wird auch immer mehr der interne Charakter der Band, so harmonisch ergänzen sich die Menschen auf der Bühne. Federleicht schweben die Klänge des neuen Albums durch den großen Sendesaal des Radiokulturhauses, Clausen probiert sich an kleinen Tänzchen, bisweilen zieht er sich auch gänzlich zurück und beobachtet von der Seite her das Geschehen. Showgehabe ist dieser Band ein Fremdwort, unverfälscht und authentisch sind die geeigneteren Schlagworte.

Viel zu schnell ist man am Ende des Albums angelangt, das (mittlerweile) alte "Modern Drift" gibt es noch als Draufgabe, dann ist Schluss. Eigentlich. Denn zum Glück wollen Efterklang ja noch ein paar Songs wiederholen und das am liebsten weiterhin mit Publikum. Eine Freude, die man den Dänen gerne macht - macht man sich ja sowieso selbst am glücklichsten damit.

Bassist Rasmus borgt sich noch rasch von einem jungen Mann einen Nagelknipser und nach erfolgreicher Maniküre werden unter anderem "Hollow Mountain" und "The Ghost" wiederholt. Man sitzt da und genießt jeden Moment, die Leute um einen herum haben geschlossene Augen oder ein breites Lächeln im Gesicht und erwidern die auf der Bühne gelebte Freude in mindestens gleichem Ausmaße.

Es ist ein Abend voll elegischer Schönheit, getragener Philanthropie und melancholischer Grundzufriedenheit. Einer, der in all seiner Größe doch letztendlich nur auf die einfachsten aller Dinge setzt und damit zutiefst bewegt. Selbst wenn es im Dänischen noch kein Wort für Nachhall gegeben hätte, nach diesem Abend ist klar, dass es sowieso nur "Efterklang" sein kann: Die sechs Dänen machen ihrem Namen mit einem Konzert alle Ehre, das noch lange nachklingen wird. Einsam fühlt sich an diesem Abend mit Sicherheit keiner...



Efterklang - Piramida
Rumraket
VÖ: 24.09.2012

 

 

 

 

Fotos: Patrick Münnich.

 

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AutorInnen

Julius Schlögl

Julius Schlögl

Wer ein Optimist ist, soll verzweifeln. Ich bin ein Melancholiker, mir kann nicht viel passieren.
- Erich Kästner -

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