2008-04-23 21:42:52
Was ist das für ein Mensch, der seine Mutter umbringt, keine Reue zeigt und sich noch halbwegs gut dabei fühlt? Alice Sebold geht dieser Frage spannend nach und erzählt in 24 Stunden die Ereignisse um Helen Knightly, die genau das getan hat.
Am Anfang war In meinem Himmel.
Zufällig bemerkte ich einen kurzen Artikel, in dem über die Verfilmung von Regisseur Peter Jackson berichtet wurde, der sich die Rechte an dem ersten Roman von Alice Sebold gesichert hatte. Was musste das für ein Buch sein, welches die Aufmerksamkeit des erfolgreichen Herr der Ringe-Filmemachers auf sich lenkte und dieser sich so sehr um die Rechte bemühte? Ich begann zu forschen und fand das Werk schließlich. Mittlerweile zählt es zu meinen Lieblingsbüchern.
Der Roman erzählt die Geschichte eines 14-jährigen Mädchens, das in einer Kleinstadt lebt und eines Tages auf einem Feld vergewaltigt und anschließend ermordet wird. Vom Himmel aus beobachtet Susie Salmon, wie das Leben auf der Erde verläuft und wie die Menschen ohne sie zurechtkommen.
"Wenn ich zurück blicke, muss ich sagen, es fiel mir leicht, meine Mutter zu töten."
Nun ist das zweite Buch von Sebold erschienen. Es beinhaltet wieder die Mischung aus privatem Drama und gesellschaftlicher Tragödie, die auch ihren ersten Roman so stark auszeichnete.
Helen Knightly hat sich in ihrem ganzen Leben stets von ihrer Mutter verdrängt und nicht verstanden gefühlt. Mittlerweile ist Helen 49 Jahre alt, trotzdem ist der starke Einfluss ihrer an Demenz erkrankten Mutter Clair nicht von ihr gewichen. Als sie Helen eines Tages besuchen kommt, bricht es in ihr aus: Sie erstickt ihre Mutter mit einem Handtuch. Das Motiv? Es sind vielerlei Gründe: Damit sie endlich Ruhe gibt und ihr Einwirken auf ihre Psyche ein Ende hat. Damit sie die Qualen des Alters nicht mehr miterlebt, damit der große Druck von Helen abfällt, damit die Undankbarkeiten und die jahrzehntelangen Konflikte aufhören.
Ihr liebevoller Vater hat der inneren Schwere nicht Stand halten können und vor einigen Jahren Selbstmord begangen. Helen blieb mit ihrer Mutter zurück. Nun ist sie erleichtert, der Ballast verschwindet jedoch nicht, wie sie es innig gehofft hatte. Sie muss erkennen, dass das Verhalten ihrer Mutter sie so sehr geprägt hat und sie auch über den Tod hinaus nicht von ihr loskommen kann.
Eine Frage bleibt im Raum stehen: Soll sie den Mord beichten oder vertuschen? Soll sie den Polizisten die Wahrheit gestehen, oder alles so aussehen lassen, als hätte sie nichts damit zu tun? Was wird sie den gierigen Nachbarn erzählen, die sie ständig mit ihrer vorgegaukelten Hilfsbereitschaft in Bedrängnis bringen, die vielleicht auch etwas gesehen haben? Und was ist mit ihren Kindern, die jetzt ohne Großvater und Großmutter auskommen müssen? Helen beschließt ihren Ex-Ehemann anzurufen, um seinen Rat einzuholen und ihn um Hilfe zu bitten.
"Demenz macht nach und nach das wahre Wesen des Betroffenen sichtbar, und meine Mutter war so ekelhaft geworden wie das faulige Wasser in einer wochenalten Blumenvase."
Sebold erzählt, wie Helen Knightly mit der Misere umgeht, ihre Mutter getötet zu haben und offenbart in zahlreichen Rückblenden schonungslos das schwierige Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Gleichzeitig bringt sie den/die LeserIn in eine problematische Lage: Einerseits sympathisiert man mit der juvenil gebliebenen Helen, die eine so "junge" Sprache spricht, die Sex mit dem Sohn ihrer besten Freundin hat, die nicht Herrin ihrer Gefühle ist, diese aber trotzdem zu reflektieren weiß. Auf der anderen Seite macht sie ihre Tat, den Mord, dadurch nicht ungeschehen, trotz der Empathie, die man für sie aufbringen kann.
Alice Sebold bleibt mit Das Gesicht des Mondes weiterhin eine der fähigsten, spannendsten und überraschendsten neuen Autorinnen unserer Zeit.
Ihr dritter Roman wird ein Hattrick.
Ganz bestimmt.
"Fill the air with poems, so thick
even bombs can't fall through."
(Peter Levitt)
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