Mit verzögerter Schallgeschwindigkeit zum lang erwarteten Album Nummer Drei "X&Y"
Idealerweise sollten CD-Rezensionen in etwa gleichzeitig mit dem offiziellen Erscheinungstermin des Albums verfasst werden. Im Falle des neuen Coldplay-Albums „X&Y“ gestaltete sich die Situation so, dass dieses einer FBI-Akte gleich unter Verschluss gehalten wurde, um so einer vorzeitigen Verbreitung im Netz zu entgehen. Vorab-Rezensionsexemplare wurden angeblich mittels eigenem Boten an ausgewählte Medien übermittelt. Wir mussten uns leider mit der verzögerten Lieferung per Postboten zufrieden geben.
“I need a compass, draw me a map
I'm on the top, I can't get back”
(Square One)
Vom Indie-Geheimtip zur „biggest British Popband in the World“
Den einen fehlt das nötige Kleingeld, um ein Album zu produzieren, den anderen fehlt die nötige Motivation, weil sie „zu viel“ auf der hohen Kante haben. In letzterer Situation fanden sich Coldplay wieder, die nach bisher 17 Millionen verkaufter Platten als eine der erfolgreichsten britischen Bands ever gelten und nach 18-monatiger Produktionszeit nun ihr mit Spannung erwartetes Drittalbum „X&Y“ veröffentlichten.
Jonny Buckland, Chris Martin, Guy Berryman, Will Champion
Verzögerte Schallgeschwindigkeit
Gegenüber BBC Radio 1 sagte Chris Martin, dass Coldplay eine Band sei, die Alben und keine Singles produziere, da es extrem schwierig sei, einen einzelnen Song herauszupicken, der ein ganzes Album repräsentieren soll. Schließlich wurde „Speed Of Sound“ als Repräsentant und Vorab-Single ausgewählt. Ironischerweise schaffte es der Song nicht wie erwartet mit Schallgeschwindigkeit auf Platz eins der britischen Hitparade, da er vom Handy-Klingelton "Crazy Frog" ausgebootet wurde.
Vertrauen auf die Erfolgsformel „X&Y = Elegischer Breitwandsound“
Das Debütalbum „Parachutes“ war sehr ruhig, puristisch und melancholisch, „A Rush Of Blood To The Head“ druckvoller, breiter, dynamischer, weiterhin melancholisch. Und „X&Y“ experimenteller, elektronischer, härter? Falsch. Ecken und Kanten oder gar Experimente wird man auf „X&Y“ vergeblich suchen. Gemäß dem Motto „never change a winning concept“ setzen Coldplay weiterhin auf ihr bewährtes Erfolgsrezept: herzzerreißende Melodien, kolossale Gitarrenriffs, zerbrechliches Piano, wuchtiges Schlagzeug und der gefühlsgeladene Gesang von Chris Martin.
Ist „X&Y“ aufgrund fehlender Ecken und Kanten eine Enttäuschung?
Nein, denn die Songs, das worauf sich letztendlich alles stützt, sind großartig ausgefallen. Anstatt neue Elemente und Sounds in die Musik zu integrieren bzw. sich auf experimentellem Sektor weiterzuentwickeln, konzentriert sich die Band auf Songwriting und ausgeklügelte Arrangements. Das ist es auch, was Coldplay von einer Vielzahl an vergleichbaren Bands, die bereits in deren Fahrwasser schwimmen, wie Embrace (für deren letztes Album Coldplay den Hit „Gravity“ beisteuerten), Athlete, Thirteen Senses, etc. abhebt. Und im direkten Vergleich ist doch deutlich erkennbar, wer das Original ist.
Ohrwürmer für die Seele
Mein erstes Rendezvous mit „X&Y“ hatte ich bei einem langen Spaziergang im Wald, während ich von strömendem Regen, Blitz, Donner und den musizierenden Herren Chris Martin, Guy Berryman, Jonny Buckland und Will Champion begleitet wurde.
„Square One“ eröffnet das Album mit sphärischen Synthesizerklängen und klingt zunächst wie die Einstiegsnummer eines Chill-Out Albums. Ein Eindruck, der spätestens nach 60 Sekunden mit dem wuchtigen Einstieg der Band zerstreut wird. Anstatt nach diesem starken facettenreichen Opener wie beim Vorgängeralbum einen weiteren Knaller nachzuschießen, folgt mit „What If“ eine tränentreibende Piano-Ballade, die an die Spätphase der Beatles erinnert. Damit geben sie auch die weitere Marschrichtung des balladenlastigen, mid- und downtempo orientierten Albums an. So wie auch „Fix You“, eine der berührendsten Kompositionen des Albums, die dem dramaturgischen Muster von „The Scientist“ folgt: eine einsame Orgel und Martin´s Stimme als Grundgerüst, worauf sich behutsam Stück für Stück Pianotupfer, Akustikgitarre, Schlagzeug, Bass, E-Gitarre, Streicher und Chöre schichten, bis sich der Song im mächtigen Finale entlädt.
“Lights will guide you home
And ignite your bones
And I will try to fix you”
(Fix You)
Anleihen bei U2 und Kraftwerk
Wie man anhand von Tracks wie „Talk“ oder „Speed Of Sound“ hört, wurde der „U2-Faktor“ deutlich erhöht. Das liegt zum einen daran, dass Jonny Buckland ordentlich von Meister The Edge und dessen Delay-Effekt dominiertem Gitarrenspiel abgekupfert hat, zum anderen an der flächigen Synthieorgel, wie sie Albumgast und U2-Produzent Brian Eno gerne einsetzt. Der herausragende Song „Talk“ entlehnt seine eingängige Hookline dem Track „Computer Love“ von Kraftwerk, klingt aber letztendlich trotzdem wieder eher nach U2. Im Gegensatz zu ihren Musikerkollegen geben sich Coldplay aber weitaus weniger glamourös, Chris Martin ist nicht gar so pathetisch wie Bono, und die Songs appellieren direkter ans Gefühlszentrum.
Auch andere Einflüsse sind phasenweise spürbar, wie der mit spannenden Harmoniewechseln spielende Titeltrack „X&Y“ zeigt. Dieser könnte ohneweiters der „Dark Side Of The Moon“-Ära von Pink Floyd entsprungen sein.
The Naked Songwriter
Vor der Fertigstellung des neuen Albums verteilte Chris Martin Kopien des Rohmaterials an wenige auserwählte Personen, u.a. an Danny McNamara von Embrace und Tim Wheeler von Ash, die zum einhelligen Resultat kamen, das Album würde großartig werden, nur fehle ein „simpler emotionaler Song“. Als Martin eines Nachts mit seiner Frau Gwyneth Paltrow über das Album plauderte, schoss ihm eine Idee durch den Kopf, die er flugs umsetzte.
"So I went downstairs and sat with the guitar, and in five minutes it came. It's brilliant. And it was the first song [A Message] I've ever written without any clothes on. Makes it freer." (Quelle: The Guardian,
http://www.guardian.co.uk)
Der daraus resultierende Song “A Message” ist für sich alleine stehend eine grandiose, hymnische und in sich geschlossene Nummer. Allerdings sollten Coldplay aufpassen, sich nicht zu sehr in Selbstzitaten und Wiederholungen zu verlieren.
Analysierende, fragende, nach Antworten ringende Texte
„And what if you should decide
That you don’t want me there by your side
That you don’t want me there in your life”
(What If)
Lyrisch befasst sich Chris Martin mit Themen wie Tod, Verlust, Liebe, Hoffnung, Selbstzweifel und Ängsten („What If“, „Talk“). Themen, die Chris Martin mit seiner variantenreichen, mal kräftigen, mal sanft flüsternden Stimme unterstreicht, wobei sich Martin immer mehr als derzeit bester Sänger im Popbusiness entpuppt.
„X&Y“ ist ganz klar ein Album zum Zuhören, bei dem Musik und Text perfekt ineinander verschmelzen. Dabei reichen betörend schöne und zutiefst melancholisch-traurige Momente einander die Hand. Wer also „X&Y“ auf der sommerlichen Grillparty auflegt, dem ist auch nicht zu helfen.
Wechsel des Produzenten
Die glasklare Produktion, die so klingt, als hätte ein reinigender Regenguss jedes Körnchen „Dreck“ weggespült, hätte stellenweise schon ein wenig rauer ausfallen können. So wurde zum Beispiel das knallige Schlagzeug von Will Champion, wie es etwa den groovy Einstieg in „In My Place“ markierte, auf dem neuen Album deutlich mehr in den Hintergrund gemixt. Auch rotzige Gitarren, wie sie „Yellow“ oder „Shiver“ prägten, hört man selten. Stattdessen wird etwas zu häufig die glatt bügelnde Synthieorgel in den Vordergrund gerückt. Einzig „Low“ lässt neben metallenen Percussionsounds auch mal härtere Gitarrenparts auffahren.
Ausklang
Bei Musikalben verhält es sich ähnlich wie bei einem guten Buch, einem Spielfilm oder auch einer klassischen Komposition, erst ein raffiniertes Ende ermöglicht die Gesamtbeurteilung eines Werkes und entscheidet, welchen Nachgeschmack es hinterlässt. Oft genug kommt es vor, dass Alben gegen Ende nachlassen, bei „X&Y“ ist genau das Gegenteil der Fall, denn Coldplay entschieden sich dafür, drei der stärksten Nummern ans Ende zu stellen. Da wäre zum einen der Song, der mich gar nicht mehr loslassen will (oder verhält es sich umgekehrt?), nämlich „Swallowed In The Sea“, der auf einer recht simpel klingenden Melodie basiert und in seiner Struktur langsam heranrollenden Meereswellen gleicht. „Twisted Logic“ ist die perfekte Schlussnummer, die am Ende noch einmal alles auffahren lässt, was die Band zu bieten hat und fast noch genialer ausfällt als „Amsterdam“.
Nach kurzer Pause setzt als Draufgabe der wunderschöne Hidden Track „'Til Kingdom Come“ ein. Der Song wurde ursprünglich für Johnny Cash geschrieben und repräsentiert, basierend auf Akustikgitarre, Klavier und Gesang, die intimste und wärmste Momentaufnahme auf „X&Y“. Ende geglückt, und ich kehre völlig durchnässt und zufrieden von meinem Waldspaziergang zurück.
„X&Y“ ist ein würdiger Nachfolger des Meisterwerks „A Rush Of Blood To The Head“. Man mag Coldplay durchaus mangelnde Risiko- und Experimentierbereitschaft zuschreiben. Jedoch ist all jenen, die dies tun, zu entgegnen, dass es derzeit kaum eine andere Band im "Alternative-Mainstream"-Sektor gibt, die ähnlich gutes und emotionelles Songmaterial generiert. Lieder, die – hat man sie ein-, zweimal gehört – ganz von alleine immer wieder ins musikalische Gedächtnis zurückkehren.
Coldplay machen Songs für die „Ewigkeit“ und rennen nicht irgendeinem Trend hinterher, höchstens dem, den sie selbst kreiert haben.
Konzerttipp: Für alle, die es noch nicht vernommen haben, Coldplay werden am 10. Juli im Rahmen ihrer "Twisted Logic Tour 2005" am letzten Tag des Nuke-Festivals im Niederösterreichischen Pielachtal als Headliner aufspielen. Im Vorprogramm: Ex-The Verve Sänger Richard Ashcroft. Wärmste Empfehlung!