2010-03-05 21:39:41
Die gelungene Uraufführung von Sibylle Bergs „Nur Nachts“ im Akademietheater wird zum überraschenden Plädoyer für die Menschlichkeit. Schön.
"Nur Nachts" ist ein Märchen für zu groß geratene Kinder,
ein Traumtanzen um Mitternacht im Garten von Gut und Böse. Die deutsche
Bestsellerautorin Sibylle Berg serviert die Geschichte von Petra (Alexandra
Henkel) und Peter (Dietmar König), zwei Durchschnittsmenschen mit
Durchschnittsnamen, die sich mit Mitte vierzig auf ein durchaus radikales
Unterfangen einlassen: das Projekt Hoffnung. Unerhört, findet der Einsatzleiter (Marcus Kiepe), schließlich regiere der Hass die Welt. Damit das auch so
bleibt, schickt er des Nächtens seine bösen Geister (Sarah Viktoria Frick und
Daniel Jesch) los, um Petra und Peter die zuversichtlichen Flausen auszutreiben.
Angst vor der Angst
Mit spöttischer Schonungslosigkeit führt Berg das soziale
Elend ihrer Protagonisten vor: Peter und Petra lernen sich auf einer Stehparty
kennen. Sie sind gescheitert an einer Gesellschaft, die die Selbstverwirklichung
an oberste Stelle reiht und keinen Platz hat für die mittelmäßigen Verlierer
ohne Ecken und Kanten. Peter liest die Feuilletons und freut sich, wenn sein
Namensvetter Sloterdijk vorkommt; Petra hat ein Patenkind in Afrika. Sie sind "Economy-Class"-Menschen, denen die eigene Unzulänglichkeit tagtäglich vorgeführt wird. Da beide
Angst vor dem Altwerden und dem Schwabbelbauch haben, und da geteiltes Leid ja
angeblich nur halbes Leid ist, beschließen sie noch auf der Stehparty, innerhalb von sechs
Tagen zu heiraten. Sie wollen es noch einmal neu versuchen mit dem Leben.
Mut zur Hässlichkeit
Weil es in einem Märchen auch immer einen
Bösewicht geben muss, tritt der Einsatzleiter auf den Plan. Er beauftragt zwei
böse Geister, in den Träumen der Verliebten herumzuspuken, und ihnen die
Horrorszenarien einer gemeinsamen Zukunft drastisch vor Augen zu führen.
Niklaus Helblings Inszenierung setzt die grotesken Traumsequenzen perfekt um: der
schweizerische Regisseur, der bereits ein halbes Dutzend Berg-Stücke realisiert
hat, zeigt Mut zur Hässlichkeit und klotzt mit großen Bausteinen – reduziert,
aber effektiv. Zwei Betten, zwei Lampenschirme, und jede Menge billige
Kulissen, die per Seilzug von der Decke geholt werden. Die sehen scheußlich aus
und dienen als Projektionsfläche für ebenso geschmacklose Videoprojektionen, die sich als erstaunlich stimmige Illustrationen für die abstoßenden Träume entpuppen.
Ende gut, alles gut
Das durchgehend solide Ensemble spielt mit beißendem Humor
und jener Art von launigem Zwischengesang (Musik: Imre Bozoki-Lichtenberger und Moritz Waldmüller), den man auch schon von Helblings "Ende gut, alles gut"-Inszenierung kennt. Der Shakespeare'sche Leitspruch darf
dann auch für Sibylle Bergs Liebespaar gelten, das den bösen Geistern entsagt,
sich auf die eigene Würde besinnt und auf ein überraschend eindeutiges Happy End zusteuert. "Nur
Nachts" bleibt vom paradoxen Zynismus einer sexuell und sozial
individualisierten Gesellschaft unbeeindruckt und feiert ungeniert die
Menschlichkeit. "Denn die Liebe Liebe Liebe Liebe die macht viel Spaß / Viel
mehr Spaß / Als irgendwas" hat Inga Humpe irgendwann in den Achtzigern
geträllert. Das deutsch-österreichisch-schweizerische Feingefühl, das "Nur
Nachts" auf die Bühne des Akademietheaters zaubert, ist dieser moralisierenden
Ästhetik nicht unähnlich. Es menschelt gewaltig in der Billigkulisse. Und am
Ende kommt die Liebe im Sauseschritt.
"Nur Nachts" von Sibylle Berg
Akademietheater, Lisztstraße 1, 1030 Wien
10., 11., 16., 31. März; 1., 9., 22. April
a map of the world that does not include utopia is not even worth glancing at (o.w.)
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"es menschelt gewaltig in der Billigkulisse" - schöner Satz, wie auch sehr schöne Kritik!
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