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Schwerpunkt: Bolognese Fatale

10 Jahre Bologna-Struktur

2010-01-31 19:03:54

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Bologna-Prozess: Ein hochstrapaziertes Wort - nicht zuletzt seit den Studierenden-Protesten. Was steckt hinter dem "Sargnagel" der heimischen Bildungspolitik? Ist er das überhaupt?

Ironie? Beinahe. Im März ist ausgerechnet Wien, gemeinsam mit Budapest, Austragungsort für die Bologna-Konferenzen. Und das, wo doch die Unzufriedenheit mit der Umsetzung der Bologna-Struktur eines der Leitmotive für StudentInnen war, das Audimax zu besetzen. Die Meinungen über das Thema Bologna klaffen jedenfalls weit auseinander: Die eine Fraktion sieht Grund zur Zufriedenheit. Die andere schlägt Alarm.

Zeit, dass eine Aufarbeitung des Themas stattfindet. Zu hinterfragen sind: Wie ist der Bologna-Prozess entstanden? Auf wessen Intention ist er entstanden? Wie hat seine Umsetzung funktioniert?

Entstehung


Im Juni 1999 unterzeichnen 31 MinisterInnen aus 29 Staaten (darunter alle EU, EFTA- und EWR-Staaten) die sogenannte Bologna-Erklärung in der gleichnamigen italienischen Stadt. Vor der Bologna-Erklärung gab es die "Lissabon-Konvention" von 1997 und die "SORBONNE-Erklärung" von 1998. Grundkonsens aller drei Papiere: die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes.

Ziele


Es soll einen 2-stufigen Studienabschluss (Bachelor, Master) geben; Abschlüsse sollen leichter verständlich und vergleichbar gemacht werden; es gibt ECTS (European Credit Transfer and Accumulationsystem) -Punkte. Die sollen ebenfalls zur leichteren Vergleichbarkeit führen. Und es soll die europäische Zusammenarbeit in der "Qualitätssicherung" gefördert werden.

Kurzanalyse


Theoretisch klingen die Punkte vernünftig. Wobei alleine beim Wort "Qualitätssicherung" schon eine gewisse Tendenz durchklingt. Etwas weit ausgelegt könnte man das mit "Eliteuniversität" und Zugangsbeschränkungen in Verbindung setzen.

Die Ziele offenbaren klar die Idee dahinter: Bei der Bologna-Struktur - genauso wie bei der Entstehung der Europäischen Union - hat im Allgemeinen neo-liberalistisches Gedankengut den Weg vorgegeben.

Die Rolle Österreichs


Interessant ist die Tatsache, dass die Planung des MinisterInnen-Treffens in Bologna 1999 von einer Arbeitsgruppe unter österreichischem(!) Vorsitz erledigt wurde.

Unlängst bei einer Podiumsdiskussion zum Thema EU meinte der ehemalige Europa-Abgeordnete Johannes Voggenhuber, Österreich wurde schon beim Beitritt zur EU klargemacht, dass ein freier Hochschulzugang als EU-Mitglied nicht mehr zu halten wäre.

Fakt ist jedenfalls: Österreich wurde auf die bevorstehenden Veränderungen vorbereitet und hat teilweise sogar aktiv bei ihnen mitgewirkt.

Umsetzung


Auf die Konferenz von 1999 folgten in Abständen von zwei Jahren Nachfolgekonferenzen - jeweils in einer anderen europäischen Stadt, darunter z.B. Prag oder Berlin. Verändert hat die Bologna-Architektur auf jeden Fall einiges. Vor allem in Österreich.

Bachelor
- und Masterstudiengänge gibt es nahezu flächendeckend. Sie haben das Diplom-Studium in Österreich abgelöst.

StudentInnen, die bereits ein Diplom-Studium begonnen hatten, sollten die Möglichkeit haben, es problemlos fertig zu studieren.
Faktisch gab es aber - zumindest an der Uni Wien - ein sehr beschränktes Angebot an Lehrveranstaltungen. Das hat den Abschluss des Studiums erschwert.

Bachelor und Master=Bildungsdesaster?

Durch den BA (Bachelor of Arts) gelangt man nun schneller zu einem Abschluss. Die Frage ist jedoch, wieviel dieser Abschluss konkret wert ist.

Da gibt es beispielsweise Module, in denen teilweise aus Mangel an Zeit und einer viel zu großen Menge an TeilnehmerInnen letztendlich wenig Bildung vermittelt wird. KritikerInnen meinen außerdem, dass die "wirkliche Bildung" - also Interessantes - erst im anschließenden MA (Master of Arts) passiert. Der Lehrplan wurde durch BA und MA auf jeden Fall verschult. Denn der Ablauf des Studium ist teilweise durch die Module vorgegeben.

Positiv: Das kann zu mehr Übersichtlichkeit im Studium führen. Andererseits besteht die Gefahr einer "Verschulung" der Uni. Vor allem sozialwissenschaftliche Disziplinen benötigen Entfaltungsfreiraum.

Nicht für die Uni lernen wir, sondern für den Arbeitsmarkt?


Es ist kein Geheimnis, dass BA und MA "fit für den Arbeitsmarkt" machen sollen. Neben den genannten Zielen der Bologna-Erklärung gibt es nämlich noch den Wunsch, die Versorgung des Arbeitsmarktes sicherzustellen. Das ist natürlich vor allem im Interesse der Wirtschaft.

Wenn im Bologna-Papier zusätzlich auch noch die private Finanzierung von Universitäten durch Unternehmen empfohlen wird, wird klar: Hinter Bologna liegen auch "versteckte Ziele" im Interesse der Ökonomie.

Spreu und Weizen?


In bestimmten Studienrichtungen gibt es mittlerweile so genannte Eingangsphasen (STEP). Sie werden als Orientierungspase angepriesen. Für KritikerInnen sind sie hingegen versteckte "Knock-Out"-Prüfungen.
Denn Voraussetzungsketten, die ab Sommersemester 2010 tatsächlich in Kraft treten sollen(!), machen eine Fortführung des Studiums nur unter der Bedingung gewisser erbrachter Leistungen möglich.

Damit vergrößert sich vor allem der Druck auf StudentInnen, die nebenbei berufstätig sind. Betroffen sind vor allem Personen aus den "unteren" sozialen Schichten. Und das, wo doch die Bologna-Erklärung sich "soziale Gerechtigkeit" zum Ziel gemacht hat.

Uni-Gesetz 2002


Im Jahr 2002 wurde unter der damaligen schwarz-blauen Regierung ein bis heute viel diskutiertes Uni-Gesetz für Österreich beschlossen. Die Kritik der StudentInnen: Es gäbe einen Demokratieabbau. Während die Macht des Rektorates aufgewertet wurde, verloren die StudentInnen wichtige Instrumente der Mitentscheidung.

Aufklärung


Aber: Der Bologna-Prozess ist als Struktur zu verstehen, nicht als verpflichtende Vorgabe. Die Interpretation des Prozesses ist einzelnen Staaten selbst überlassen. Obwohl es einen bestimmten Richtungswunsch auf europäischer Ebene gibt.

Trotzdem stehen Worte wie "Verschulung" oder "Eliteuniversität" nicht bindend in Zusammenhang mit Bologna. Das "böse" Europa hat die Uni Wien nicht gezwungen, Erweiterungscurricula statt freien Wahlfächern einzuführen.

Nicht zufällig fällt die Amtszeit von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (2000-06) mit der Umsetzung des Bologna-Prozesses in Österreich und der Ausrichtung der Universitäten für den Arbeitsmarkt zusammen.

Ausblick


Wenn selbst die Neo-ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl die Meinung vertritt, dass die Umsetzung des Bologna-Prozesses nicht funktioniert hat, ist dem nicht mehr viel hinzuzufügen.

Man kann gespannt sein, wie die "unabhängige" Bewertung von 10 Jahren Bologna beim Gipfeltreffen im März aussehen wird.

Die europaweiten StudentInnen-Proteste, die unweigerlich mit Bologna verbunden sind, werden jedenfalls weitergehen.

Tipp
: Wer mehr über den Bologna-Prozess erfahren möchte, kann sich bei der AG Bologna einen eigenen Reader zum Thema bestellen: bologna.uniwien@unibrennt.at



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AutorInnen

Daniel Roy

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