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... des Menschen Wolf - Eine kleine Frau

2010-01-29 12:35:22

Ja, sie ist eine kleine Frau. Eine kleine Frau mit einem überschaubaren Leben. Das Leben selbst übersieht sie oft.

Ja, sie ist eine kleine Frau. Eine kleine Frau mit einem überschaubaren Leben. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung, einen Rauhaar-Dackel und eine Fünfundzwanzig-Stunden-Stelle als Reinigungskraft nennt die kleine Frau ihr Leben. In diesem, in ihrem Leben ist alles an einem, an seinem Platz. Sie hat es sich so eingeräumt, dass auch sie immer an ihrem Platz ist. In der Küchenzeile steckt ihr Kopf voll alter Familienrezepte, ihre Nase steckt im Einweckglas, ihr Finger im Eintopf und ihre kleine große Zehe in der Einwegmausefalle vor dem Kühlschrank. Im Wohnzimmer führen alle ihre Wege an der guten Garnitur und der Glasvitrine vorbei (die eine beherbergt das gute Porzellanservice, die andere darf ausschließlich guten Besuch beherbergen, der dann aus den guten Porzellantassen trinkt) hin ins Eck neben der Schlafzimmertür, wo ihre müden Beine entweder vor dem Fernseher oder vor dem Bügeltisch abgestellt werden. Im Schlafzimmer wartet ein langes weißes Fließnachthemd darauf, mit ihr ins Bett und in den Schlaf zu fallen. Dem Rauhaar-Dackel ist sie auf dem Weg zur Parkbank immer zwei Schritte voraus. Neben der Parkbank krault ihre linke Hand das Rauhaar-Rückenfell und die andere weiß nicht so recht, was sie tun soll. Auf dem Heimweg dirigiert ihre Stimme das Schaukeln des Rauhaar-Dackels. Der Universität stellt sie ihre Reinigungskraft zur Verfügung. Fünf Stunden an fünf Werk-Nachmittagen haben alle ihre Hände damit zu tun, die Stiegen sieben und acht des Universitätshauptgebäudes zu wischen. Ihre Hände stecken in rosaroten Gummihandschuhen, ihre Füße ihn schwarzen Schnürschuhen und ihre Lesebrille, die steckt in der Schürzentasche, griffbereit, um den vorschriftsmäßigen Gebrauch eines Bodenreinigers auf dem Etikett angewiesen zu bekommen. (Außerdem beschlägt sich die Brille jedes Mal, wenn sie sich in den immer kühlen Stiegenkorridoren zu weit zum Putzkübel mit heißem Aufwischwasser hinunterbeugt.) Ihre Tage gehen an der Küchenzeile, an der guten Garnitur und der Glasvitrine, an der Parkbank und an den Stiegenaufgängen sieben und acht des Universitätshauptgebäudes vorüber.   

Ja, sie ist eine kleine Frau. Eine kleine Frau mit einem überschaubaren Leben. Das Leben selbst übersieht sie oft. Sie nehmen selten Notiz voneinander, die kleine Frau und das Leben. Manchmal klebt ein kleiner Notizzettel auf dem Kühlschrank, der auf etwas verweist, das mit dem, was sie ihr Leben nennt, nicht direkt zu tun hat. "Dr. Arsenot anrufen" (das hat eher etwas mit dem Leben an sich zu tun) oder: "Kondolenzschreiben an Frau Hatsichsnun" (das hat auch eher mit dem Leben an sich, oder, je nach spiritueller Befindlichkeit, dem Leben an und für sich zu tun) oder: "Paket abholen" (das wiederum hat mit einer der mehr oder weniger undurchschaubaren Zwischenlagen des Lebens an und für sich zu tun). Richtig guten Besuch bekommt die kleine Frau nie, also richtet es sich zwei Mal im Jahr der Rauchfangkehrer gemütlich ein auf der guten Garnitur mit einer guten Porzellantasse Kaffee. Die Falten, die das Leben manchmal aufwirft, lassen sich mit Dampf schön ausbügeln und angesichts des prallen Lebens, wie es so spielt, sich televisionär so abspielt, lässt es sich gut abschalten. Tief und traumlos schläft es sich am besten und die Via Regia ins umtriebige Seelenleben liegt schon viele Jahre lang brach. Auf Parkbankwegen kennt man sich und hat sich also nichts zu sagen und in den Stiegenaufgängen sieben und acht des Universitätshauptgebäudes haben es alle eilig, dem gerade in den Vorlesungssälen Aufgeschnappten nachzugehen, nachzudenken oder nachzulesen. Studierende und Dozierende haben für die in ihren Korridoren angewandte Reinigungskraft ebenso wenig übrig wie diese für die immer irgendeinem Gegenstand immer noch eingehender Nachgehenden. So kommt man sich nicht in die Quere. So kommen sich die kleine Frau und das Leben (von den wenigen und durchaus überschaubaren Ausnahmen abgesehen) nicht in die Quere. Diese so übersichtlich nach Maß geregelten Verhältnisse allerdings haben sich an einer Stelle als etwas brüchig erwiesen und sind, was die kleine Frau und das Leben betrifft, etwas aus dem Lot geraten.

Ja, sie ist eine kleine Frau. Eine kleine Frau mit einem überschaubaren Leben. Die meisten übersehen sie und sie übersieht die meisten. Was jedoch nicht zu übersehen ist, sind Übertretungen in ihren Einzugsgebieten und im Einzugsgebiet ihrer Reinigungskraft sind Vorstöße und also Verstöße gewisser Art zur Regel geworden. Den an allen Ecken und Enden der Stiegenaufgänge sieben und acht des Universitätshauptgebäudes angebrachten Rauchen-Verboten-Schildern zum Trotz hat es sich sowohl bei Studierenden als auch bei Dozierenden eingebürgert, dass an gewissen Stellen, an geöffneten Fenstern etwa, nicht nur dem in den Vorlesungssälen Aufgeschnappten, sondern weiterhin auch dem Konsum von Rauchwaren nachgegangen wird. Diesen Übertretungen wäre nachzusehen (auch wenn sie nicht zu übersehen sind, da sie nun einmal in das Einzugsgebiet ihrer Reinigungskraft fallen), würde sie dabei, in ihrem Reinigungskraftfeld, nicht so völlig, so ganz und gar übersehen, manches Mal sogar übergangen werden. Während studierende und dozierende Rauchende sich durchaus in Acht nehmen vor den mit dem Sicherheits- und Aufsichtsdienst Beamteten, wird ihre Anwesenheit weder beachtet, noch zur mehr oder weniger beunruhigenden Kenntnis genommen. Sie, ihre reinigungskraftvolle Anwesenheit, ist angesichts des ostentativ übergangenen Rauchverbotes nicht einmal unerwünscht.

Ja, sie ist eine kleine Frau. Eine kleine Frau mit einem überschaubaren Leben. Und diese Art und Weise, von den studierenden und dozierenden Rauchenden übersehen zu werden, steht in direktem Zusammenhang mit dem, was die kleine Frau ihr Leben nennt. Da sich die Rauchenden jedoch zumeist sortiert nach Studierenden und Dozierenden zu Gruppen oder Paaren formieren, und da sie eben eine kleine Frau ist, die am liebsten in schön nach Maß geregelten Verhältnissen lebt, und daher ein Auge hat, ein Augenmaß, für unausgewogene Kraftverhältnisse (besonders im Einzugsgebiet ihrer Reinigungskraft), führt in den meisten Fällen kein Weg daran vorbei, diese Art und Weise, übersehen zu werden, zu übergehen.

Ja, sie ist eine kleine Frau. Eine kleine Frau mit einem überschaubaren Leben. Und manches Mal, vor allem an späteren Freitagnachmittagen, trifft sie im Einzugsgebiet ihrer Reinigungskraft auf eine andere kleine Frau, eine kleine rauchende Studierende, die sich mangels anderer rauchender Studierender nicht zur Gruppe oder zum Paar formiert hat. In diesem Fall gibt es nichts mehr zu übersehen und daher auch nichts mehr zu übergehen. In jedem dieser Fälle bekommt die das Rauchverbot Übertretende sie, die kleine Frau, zu sehen, zu hören und zu spüren, mit dem Fug und dem Recht ihrer einzugsgebieterischen Reinigungskraft. Bei einigen kleinen Rauchenden genügt ein forscher Platzverweis, andere wiederum müssen gedrängt, teilweise richtiggehend verdrängt werden. Und einmal hat sie das Vermögen, sich im Einzugsgebiet ihrer Reinigungskraft durchzusetzen, auch an den Haaren herbei ziehen müssen.

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AutorInnen

Eva Schörkhuber

Eva Schörkhuber

wir müssen uns sisyphos als einen glücklichen menschen vorstellen

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