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„Wir wollen die APA für junge Menschen sein“

2007-04-02 00:14:15

chilli.cc-Herausgeber János Fehérváry will weniger „Wischiwaschi“ und dafür mehr Produktorientierung. Doch wie wird ein unabhängiges österreichisches Jugendmagazin unique und wie verzichtet man auf die beliebte copy/paste-Formel für APA-Texte? Ein Gespräch mit Chilli.

Wir trafen uns im Café Leopold und unterhielten uns mit Chilli-Herausgeber János Fehérváry und Pressesprecher Florian Krösl über SPÖ-Zensur, Schwierigkeiten unabhängiger Online-Magazine, und die Ähnlichkeit mit dem Online-Standard. Letztlich wurden dabei die unterschiedlichen Zielsetzungen bzw. das Erreichen derselben Zielsetzungen auf anderem Wege zwischen FM5 und Chilli auf mehreren Ebenen deutlich. Ein Einblick in Chilli.

FM5: Wie ist Chilli.cc entstanden und welche Rolle spielte die SPÖ in diesem Zusammenhang?

J. Fehérváry: Chilli hat sich 1999 aus einer Studentenidee heraus entwickelt. Es gab viele Studierende und Jungjournalisten, aber auch Leute von der WU, die eine Jugendzeitung etablieren wollten, die anders ist als Bravo oder Rennbahnexpress. Wir haben damals eine Marktlücke gesehen, der Zustand der Medienwelt war Ende der 90er Jahre sehr unbefriedigend. Viele waren in anderen Medien tätig und haben dort sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Das hat zur Motivation beigetragen.
Wir waren damals ein sehr junges Team, das vom Medienmachen keine Erfahrung hatte und sich irgendwie finanzieren musste. Unser erster Fehler war, dass wir zwar eine Redaktion hatten, aber keinen betrieblichen und organisatorischen Hintergrund. Unser Ziel war ein Printprodukt. Die klassischen Inserate haben nicht funktioniert, wir haben uns bessere Partner suchen müssen. Bis 2001 entstand so die Printära mit acht Ausgaben. Wir haben in dieser Zeit irrsinnig viel Erfahrung gemacht, z.B. was Zensur heißt. Insbesondere die SPÖ hat da wirklich Sachen aufgeführt, die nicht in Ordnung waren. Die Auflage für deren Unterstützung war, dass wir bei einer ÖGB Druckerei drucken. Außerdem sind kritische Beiträge nicht gekommen und durch Werbung ersetzt worden. Es hat auch persönliche Anfeindungen gegeben.

FM5: Wie ist daraus ein Internetmagazin entstanden?

J. Fehérváry: Für uns war Chilli mit 2001 eigentlich Geschichte. Allerdings war in dieser Zeit, Frühjahr 2001 bis Frühjahr 2002, ein irrsinniges Leserinteresse und Mitarbeiterinteresse gegeben, dass es weitergeht. Zuerst haben wir wieder an Print gedacht, aber eine Marktanalyse hat gezeigt, dass es für Print wenig Chancen gab. Unsere damaligen Leser hatten bereits das Internet entdeckt.

FM5: Wie haben sich die LeserInnenzahlen entwickelt?

J. Fehérváry: Wir waren eine andere Mediengattung und haben uns deshalb sehr schwer getan. Anfangs hatten wir keine Ahnung wie wir das machen und in welcher Frequenz? Die ersten zwei Monate haben wir im Tagesrhythmus produziert. Das hat funktioniert, aber das Personal war danach kaputt. Wir haben nichts anderes gemacht als APA-Texte umzuschreiben. Genau das, was andere Zeitungsportale auch machen, dieses copy/paste. Wir waren nicht unique und haben uns nicht abgehoben.
Ab Jänner 2003 haben wir die Wochenfrequenz umgesetzt, die bis heute besteht. Der Hintergedanke war, in Print gehen zu wollen.

FM5: Welche Schwierigkeiten hattet ihr am Beginn?

J. Fehérváry: Wir mussten mit komplett neuen Mitarbeitern starten und eine neue Struktur aufbauen. Die Anfangsredaktion bestand aus fünf Personen. 2003 haben wir gemerkt, dass es neben der Redaktion andere Bereiche geben muss. Ab dann gab es Ansätze eines funktionierenden Managements. Anfangs hatten wir ein Leserwachstum von 200% im Jahr. Ende 2004 gab es eine Stagnation, weil wir Kosten sparen mussten. Wir haben dann entschieden nur weiterzumachen, wenn sich Chilli selbst deckt. Das war ein irrsinnig positiver Schritt, weil das Produkt bis dahin alles andere als kostendeckend war. Ende 2005 hatten wir dieses Ziel erreicht. Wir haben sehr effektiv und ökonomisch gearbeitet, und uns auf den Kernbereich beschränkt. Wir sind regelmäßig zitiert worden und zu einem gesellschaftlichen Player geworden. Wir nehmen jetzt über das Produkt zumindest soviel ein, dass wir manche Fotografen zahlen können.

FM5: Wir finanziert ihr euch momentan?

J. Fehérváry: Inserate machen sicher 2/3 aus. Chilli.cc ist ein Zweigverein des Hauptvereins, der sich selbst decken muss. Eine Säule ist die klassische Onlinewerbung, eine andere der Bildverkauf oder der technische Verkauf, wie der Verkauf des Redaktionssystems. Ziel ist es gewinnbringend abzuschließen.

FM5: Wie schaut bei euch die Arbeit in der Redaktion aus?

J. Fehérváry: Wir haben derzeit 70 aktive Leute bei Chilli, davon 40, die aktiv in der Redaktion sind. Mit denen haben wir eine schriftliche Vereinbarung, wo jede Funktion klar definiert ist. Das war ein ganz wichtiger Schritt. Unsere Produktionswoche dauert neun Tage und ist jede Woche gleich.

FM5: Und wie ist es, wenn ich jetzt als Redakteur hingehe und sage, ich will über das und das schreiben?

J. Fehérváry: Wenn du einer wärst, würdest du eine dreimonatige Einschulungsphase bestehend aus drei Modulen durchlaufen. Dort werden dir die Grundkenntnisse beigebracht und wie du in deinem Ressort zu arbeiten hast.

FM5: Wie läuft die Themenfindung ab? Bei fm5 ist es so, dass jemand schreibt was er/sie will und niemand redet ihm/ihr dabei rein.

J. Fehérváry: Jeder Mitarbeiter bringt drei Themen und dann gehen wir die gemeinsam durch und entscheiden was wir nehmen.
Wir achten sehr darauf, dass the wall zwischen wirtschaftlichem und redaktionellem Bereich sehr hoch ist. PR-Menschen wollen eine unique selling proposition. Das geht in der Praxis nicht. Nur ein Produkt das etwas einbringt ist ein gutes Produkt. Das Ziel ist es jeden Mitarbeiter für seine Leistung zu entlohnen. Das ist derzeit noch nicht möglich, weil das Produkt derzeit zu Wischiwaschi ist.

FM5: Wie wollt ihr euch vom Online-Standard oder aber auch von fm5 abgrenzen?

J. Fehérváry: 70-80% von dem was auf Chilli.cc steht wird von uns produziert. Der Online-Standard lebt vom Printcontent und von der APA. Ihre Eigenproduktionen sind eher unmotiviert und unprofessionell. Wir sind inhaltlich frecher, aggressiver und kritischer.
FM5 ist für uns kein Maßstab und in keinster Weise eine Konkurrenz, weil es einfach irgendwas ist. FM5 hat eine Monatsfrequenz, keine redaktionelle Linie und es hat auch keine Breite, soweit ich das bemerke.
Wir sind ein Online-Qualitätsprodukt, auch im Vergleich zum Online-Standard.

FM5: Eure Oberfläche ähnelt dem Online-Standard ziemlich.

J. Fehérváry: Das war eine Entscheidung unserer Graphiker. Wenn man genau hinsieht, erkennt man Unterschiede. Die Meinung unserer Graphiker war, warum das Rad neu erfinden, wenn man das Rad verbessern kann?

FM5: Wie schaut es bei euch mit der Aufnahme von neuen MitarbeiterInnen aus, wie ist die Vorselektion?

J. Fehérváry: Grundsätzlich trifft die Personalauswahl bei uns das Personalmanagment. Das Personalmanagment ist ein ganz wichtiger Bereich, wir sagen dazu eine Staborganisationseinheit des Managements. Dieses Personalmanagment organisiert und koordiniert die interne Bewertung eines Bewerbers. Wir haben in der Woche im Schnitt 40 bis 50 Bewerber. Wir nehmen nur die, die wirklich gut sind, und die den Willen bekunden, das zu leisten, was gewünscht ist.

FM5: Wo seht ihr eure Schwächen?

J. Fehérváry: Das Problem ist derzeit, dass wir uns zu schlecht oder zu wenig verkaufen. Einerseits auf der PR-Schiene und andererseits, dass wir zu wenig Einnahmen lukrieren. Diese Schwäche der Einnahmenseite haben wir zu spät erkannt.

FM5: Wie schauen eure Zukunftserwartungen aus? Habt ihr Wünsche ans Christkind?

J. Fehérváry: Der Wunsch ans Christkind hat sich in diesem Jahr bereits erfüllt: wir können neutral abschließen. Für das nächste Jahr wünschen wir uns, dass wir 50% unserer Mitarbeiter bezahlen können.
Im Anzeigenbereich wurden wichtige Strukturen gelegt. Damit einhergehend wollen wir die Reichweite erhöhen. Momentan haben wir pro Tag 2500 unique IPs im Jahresschnitt.
Im Onlinebereich wird es sehr viele Änderungen geben, lasst euch überraschen. Gerade was Web 2.0 betrifft wird sich Anfang 2007 sehr viel tun.

FM5: Habt ihr auch das Problem, dass Leute euch als Sprungbrett verwenden, wenn sie das journalistische Handwerk erlernt haben?

J. Fehérváry: Ja, das Problem gibt es. Gerade die Gründung von ÖSTERREICH hat uns extrem geschadet. Seitdem haben wir vertraglich festgelegt, dass man mindestens ein Jahr bei Chilli bleiben muss.

FM5: FM5 macht viele Projekte wie nolabel.at und mitfahrboerse.at. Das Onlinemedium ist nur ein Teil davon. Gibt es bei euch auch ähnliche Ideen?

J. Fehérváry: Wir haben 2003 und 2004 negative Erfahrungen gemacht mit allem was von unserem Kernprodukt abgewichen ist. Wir haben eine zeitlang die Kabarettschiene ausgetestet und Jungkabarettisten unterstützt. Jetzt ist es unser geschäftliches Motto uns auf das Kernprodukt zu konzentrieren. Es müsste ein Event sein, das dem Produkt dienlich ist.

FM5: Wie steht ihr zu Medienkooperationen?

J. Fehérváry: Medienkooperationen sind natürlich gewollt von uns. Eine Printausgabe geht wahrscheinlich nur mit einem Medienpartner. Ein gewisser Partner ist bereits die APA, mit der es einen regen Austausch vor allem im technischen Bereich gibt. Wir müssen uns allerdings zuerst fragen, wo unser Produkt hineinpasst. Der Falter ist uns zu moralistisch unterwegs und verträgt kein neues Medium. Die Mediaprint ist extrem von geschäftlichen Interessen geprägt. Wenn da ein Projekt nicht in drei Jahren einen Riesengewinn abwirft, wird es nicht gemacht. Beim Newsverlag ist es dasselbe.

FM5: Hättet ihr keine Probleme unter das Dach der Mediaprint und damit der Kronen Zeitung zu schlüpfen? In euren Grundsätzen bezieht ihr ja Stellung gegen Antisemitismus und Rassismus.

J. Fehérváry: Okay, das wäre ein Problem. Aber mit dem KURIER hätten wir überhaupt kein Problem. Derzeit ist es allerdings noch zu früh. Jetzt müssen alle ÖSTERREICH verdauen und dann werden wir schauen. Wir arbeiten daran.
 
FM5: Wir danken für das Gespräch.

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AutorInnen

Martin Bartenberger

Martin Bartenberger

Ich mag mein Studium (Politikwissenschaft), Tiere, die Wiener Außenbezirke und gutes Essen (Tiere). Mitglied des FM5-Kletterteams.

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