Wo verstaut die britische Newcomerband Editors all ihre miesen Haarschnitte, schlechten Platten, schrecklichen Kleider und Exfreundinnen? Richtig, im „Back Room“.
Editors (ausdrücklich ohne „The“) nennt sich eine Newcomerband, die aus dem Umfeld von Birmingham stammt und heuer ihr aufwühlendes Debütalbum „The Back Room“ herausgebracht hat. Durch ihre großteils eher düster ausgerichtete Musik, gepaart mit der durchdringenden Baritonstimme von Tom Smith wurden der Band durch die Musikpresse zahlreiche Vergleiche mit Joy Division und Interpol zuteil. Was die Band selbst dazu zu sagen hat, was es mit dem Titel ihres Albums auf sich hat und ob Sänger/Gitarrist Tom Smith je in einem Münchner Bordell war, erzählten uns er und Chris Urbanowicz, der Gitarrist mit den großen braunen Rehaugen, bestens gelaunt beim Interview.
Tom Smith & Chris Urbanowicz
FM5: Euer erstes Album trägt den Titel ”The Back Room”, warum?
Tom Smith: Als wir das Album aufgenommen haben, entwickelte sich ein Song mit dem Titel “Camera” durch die Aufnahme zu mehr, als er jemals davor war, worauf wir sehr stolz waren. Und der Text “the back room” stammt von diesem Song, den wir zum Mittelpunkt des Albums machten, es fühlte sich einfach richtig an, das zu tun. Innerhalb des Songs ist damit ein Platz gemeint, wo du Dinge verstaust, Dinge, die du wahrscheinlich nicht sehen kannst/willst, seien sie reell oder unwirklich.
FM5: “The Back Room”, ist das ein dunkler Raum, ist es ein Platz zum entspannen,...?
Tom Smith: Du kannst dort machen, was Du willst. (lacht).
Chris Urbanowicz: Dort verstauen wir all unsere miesen Haarschnitte, miesen Platten, schrecklichen Kleider, Exfreundinnen,... das ist der Ort, wo die alle leben. (beide lachen)
FM5: Wie entstehen eure Songs?
Tom Smith: Die Basics der Songs, die Texte und Grundakkorde schreibe ich mit Akustikgitarre. Dann übermittle ich das an die anderen drei Jungs, und alle geben ihre eigenen Ideen dazu, die wir versuchen, zu einem Editors-Song zu kombinieren. So, die Musik stammt von uns allen, die Texte sind von mir.
Chris Urbanowicz: Wir haben alle zusammen gelebt, als wir das Album aufgenommen haben. Das war fein, alle arbeiteten an Teilen des Songs in verschiedenen Räumen. Du bist den Korridor entlang geschritten und hast gehört, wie Russel (Leetch, Anm.) seine Basslinie einspielt, woraus Du selbst wiederum eine Idee entwickelt hast, an der du dann weitergearbeitet hast.
FM5: Eure Songs sind düster und traurig, seid ihr im normalen Leben auch eher traurige, melancholische Menschen?
Tom Smith: Abseits der Bühne sind wir ziemlich normale Menschen. Ich weiß nicht, warum Leute traurige Songs und traurige Filme mögen und sich damit verbunden fühlen und davon berührt werden. Ich denke, der Tenor unserer Musik ist düster, aber es gibt sehr viel Optimismus in den Texten und viele Melodien in den Songs. Wir fürchten uns nicht davor, Popsongs zu schreiben. Ich denke, dass wir lange nicht so düster sind, wie viele andere Bands da draußen, wir singen nicht “I want to die, this life´s terrible”. Ich singe über Dinge, die jeden berühren.
Chris Urbanowicz: Ich denke, dass unserer Musik mehr eine Art Aggression anhaftet, denn Düsternis. Auch wenn das vielleicht Hand in Hand geht, ist niemand von uns im Normalleben so. Es ist nicht so, dass wir keine andere Art von Songs schreiben können, wir haben kein Manifest, dem wir folgen. Dunkle und düstere Songs zu schreiben ist vielleicht das, was herausgekommen ist. Aber der Fakt, dass wir uns bemühen, möglichst viel Melodien hineinzubekommen und versuchen, Popalben zu schreiben, ich denke, dass dadurch die dunklen Elemente vermindert werden.
Tom Smith: Wir wollen mit unserer Musik Leute berühren, sei es körperliche Berührung, tanzen, herumspringen, oder emotionale Berührung. Über die großen Dinge des Lebens zu singen, dadurch wollen wir es erreichen.
FM5: Man kann also sagen, Musik für verschiedene Situationen, Dancemusic, die gleichzeitig melancholisch ist?
Tom Smith: Ja, das versuchen wir, “to marry the two is very interesting for us.”
Chris Urbanowicz: Das ist sowieso das, was ein Album tun soll. Es soll die Hörer auf eine Reise mitnehmen, durch verschiedene Emotionen und Gefühlszustände, der eine Song kann zum Tanzen animieren, der andere zum Nachdenken...
Tom Smith: Oder vielleicht beides zugleich. Songs über die Zerbrechlichkeit der Menschen, zu denen man gleichzeitig tanzen will, wie z.B. „Munich“, das finde ich sehr interessant.
FM5: Dazu gleich eine Frage, warum heißt der Song “Munich” ausgerechnet “Munich” und nicht etwa Birmingham oder Wien?
Beide (lachend): Birmingham?
Tom Smith: Der Prozess der Namensgebung der Songs geht normalerweise aus den Texten hervor. Wenn wir einen Song geschrieben haben, ist aber manchmal kein logischer Titel vorhanden. Nach einer Weile verschwimmt das, was hinter dem Song steht, die Bedeutung des Textes verschwindet. Also es gibt keinen wirklichen Grund, warum der Song “Munich” heißt. Ich könnte sagen, dass ich den Song in einem Bordell in München geschrieben habe, aber das habe ich nicht.
Wart ihr jemals in München?
Tom Smith: Nein, wir werden, glaube ich, im Oktober oder November hinfahren. Ich denke, es ist einfach ein großartiger Titel für einen Song. (lacht)
FM5: (zu Tom Smith) Ich bewundere deine Stimme, sie klingt sehr voll und ausgereift. Hattest Du eine Gesangsausbildung?
Tom Smith: Nicht wirklich. Als ich anfing, Musik zu hören, Songs zu schreiben und zu singen – in meinem Schlafzimmer – hörte ich Dinge wie Jeff Buckley und Radiohead, und ich kann nicht singen, wie die. Ich hab´s versucht, aber ich kann es nicht, ich habe nicht den Stimmumfang. Weißt du, jedem wurde eine bestimmte Stimme gegeben. Jedes Mal, wenn ich lernte, meine Stimme zu gebrauchen und bis an meine Grenzen sang, bemerkte ich, dass meine Stimme diesen Baritonbereich umfasst. Ich weiß nicht warum, es ist einfach so. Also wurden einige Sachen etwas tiefer, als ich sie ursprünglich geschrieben habe. Aber… (leicht verlegen) aber es ist großartig, dass dir die Stimme gefällt, das ist sehr nett von dir, vielen Dank, aber sie ist das, was mir gegeben wurde, und ich versuche, das Beste daraus zu machen. (lächelt) Aber ich würde gerne mal Gesangsstunden haben…
FM5: Deine Stimme erinnert auch ein wenig an Nick Cave, aber der ist bereits um die 50?
(beide lachen) Tom Smith: Ja, wer weiß, wie meine Stimme klingt, wenn ich 50 bin.
Chris Urbanowicz: “Darker than Nick Cave”. (beide lachen)
FM5: Einige Musikkritiker vergleichen euch mit Bands wie Joy Division, Echo & The Bunnymen and Interpol, ist das ein gerechtfertigter Vergleich?
Chris Urbanowicz: Das ist mittlerweile ein „Klassiker“, jeder ist der nächste “anyone”. Das ist etwas, das die Presse einsetzt, um mehr Magazine zu verkaufen, indem sie fragt, „wer sind die nächsten Interpol, die nächsten Joy Division, die nächsten Velvet Underground?”, und so weiter. Man wird einfach mit anderen Bands verglichen. Interpol sind eine großartige Band, wir sind auch große Echo & The Bunnymen Fans. Aber ich denke, dass wir in eine andere Richtung gehen als diese Bands. Deren Songs bauen sehr auf Stimmungen und Dynamik auf, während wir versuchen, etwas melodischer zu klingen und mehr “Pop-Hooks” zu integrieren und es den Leuten zugänglicher zu machen. Außerdem haben wir mehr Dancefloor-Elemente, zu denen man leichter tanzen kann.
FM5: In einem Interview habe ich gelesen, dass einige Leute euch als “The” Editors bezeichnen...
Tom Smith: (lacht) Der Name unserer Band ist Editors. Aber uns ist es egal, wenn´s die Leute richtig sagen, fein. Wenn sie sagen „The“ Editors werden wir ihnen auch nicht an die Gurgel springen. Außer wir sind schlechter Stimmung. (lacht)
Chris Urbanowicz: Es war unsere Schuld, es war eine bewusste Entscheidung, wenn auch eine schwierige. Wir mochten Editors und „The“ Editors, aber nannten uns Editors, wie Pixies oder Doves. Der lustigste Moment war, als wir 22. wurden auf „MTV2´s Greatest Bands Beginning With The”. (beide lachen)
FM5: Gerade haben wir von Interpol, etc. gesprochen. Was denken denn die Editors selbst, von welchen Bands sie beeinflusst wurden, gibt es Lieblingsbands oder musikalische Vorbilder?
Chris Urbanowicz: Dazu haben wir erst kürzlich reflektiert. Als wir anfingen, gemeinsam Musik zu machen, haben wir vor allem zwei Platten gehört, das erste Strokes- und das erste Elbow-Album. Die Popsensibilität der Strokes, sie haben Rock´n Roll wieder aufregend gemacht, was die Musikindustrie dringend nötig hatte, “a kick in the ass”, und Elbow machten einfach diese wunderschönen, (textlich) anspruchsvollen und dynamischen Melodien. Eine der Kriterien für unsere Band war, ein Album zu kreieren, das unglaublich wird, düster, aber mit Pophooks und Melodien, also denke ich, diese zwei Bands waren unsere Haupteinflüsse.
Tom Smith: Wir haben begonnen, Gitarrenmusik zu machen und Bands zu gründen wegen Oasis und Blur im Jahre 1994. Und als diese Bands die Britpop-Szene in Großbritannien sprengten, das war unglaublich. Diese Musik war überall, in den Nachrichten, in der Kultur, Politik, Mode. Das war unser Ansporn, Rock´n Roll eben.
Interview: Stephan Brückler / Marco Weise
Fotos: Stephan Brückler