2007-06-25 16:18:51
Der Nahost-Korrespondent der ARD, Richard C. Schneider, hat vor kurzem ein Buch über die Komplexitäten des jüdisch-arabischen Konfliktes geschrieben. Im Gespräch mit dem Freien Magazin 5 erzählt er über die aktuelle politische Lage in Israel.
„Dass ich nun seit dem 1. September 2006 das Studio Tel Aviv leiten darf, ist daher für mich die Erfüllung eines wunderbaren Traums“, meint der in Tel Aviv lebende Nahost-Korrespondent des deutschen Fernsehsenders ARD auf der Internet-Plattform „Korrespondentenwelt“. Im April dieses Jahres ist sein Buch Wer hat Schuld? Wer hat Recht? im Ullstein Verlag erschienen, in dem er den Nahost-Konflikt mit seinen vielen Hintergründen in einer interessanten Art und Weise zu erklären versucht. Vor allem das dafür notwendige Hintergrundwissen klammert er nicht aus und auch das schwierige Verhältnis Israels zur Europäischen Union beschreibt er sehr genau und detailreich. Das Freie Magazin 5 bat ihn um ein Gespräch.
FM5: Sie leben seit September 2006 in Tel Aviv und berichten vor Ort und in den palästinensischen Gebieten über diverse Ereignisse. Warum wollten Sie unbedingt nach Israel, genauer Tel Aviv, ziehen?
Richard C. Schneider: Für jeden politischen Journalisten ist Israel einer der großen "Hotspots" der Weltpolitik. Und da ich seit 25 Jahren über die Region arbeite, war meine Entscheidung, als man mir anbot, Studioleiter und Chefkorrespondent der ARD zu werden, sehr schnell gefällt. Warum Tel Aviv? Weil unser Studio hier ist und weil Tel Aviv die angenehmste Stadt zum Leben ist.
Die israelische Autorin Zeruya Schalev meinte einmal in einem Interview mit Thorsten Schmitz (Süddeutsche Zeitung): "Israel sollte ein sicherer Hafen für alle Juden der Welt sein. Jetzt ist es der gefährlichste Ort für uns." Denken viele Israelis so?
Ja, viele Israelis denken so, vor allem mit der nuklearen Bedrohung aus dem Iran.
Sie schreiben in der Einleitung: "Israel im Jahr 2007 befindet sich in einer der schlimmsten Krisen seiner Geschichte." Kann man das in so einem Land nicht immer behaupten?
Nein, kann man nicht. Israel hat auch viele Jahre der inneren Stabilität erlebt. Jetzt aber ist das Land in einer innenpolitischen Krise wie seit 1973 nicht mehr. Und damals war die Lage nach dem Jom-Kippur-Krieg weniger dramatisch als heute.
Israel gilt als sehr demokratiefreudiges Land: Diskutiert und demonstriert wird gerne; Sie schreiben dazu: "Israel, das Land der großen Massendemonstrationen, ist merkwürdig paralysiert." Warum fand erst vor kurzem eine Massendemonstration in Tel Aviv, bei der um die 100.000 Menschen auf die Straße gingen, statt? Die Fehler der Olmert-Regierung waren ja schon länger offensichtlich.
Der Grund: Die Menschen sind politikmüde. Sie mißtrauen allen ihren Politikern. Das Ansehen der politischen "Nomenklatura" in Israel ist gleich Null. Ganz egal, welcher Partei man eher zugeneigt ist.
Kann man in Israel angesichts der Tatsachen optimistisch sein?
Kann man optimistisch sein? Wenn man hier lebt MUSS man optimistisch sein, sonst hält man es nicht aus.
Der in Israel wahrscheinlich nicht unbekannte Philosoph und Autor Michael Warschawski meinte in dem kürzlich mit dem libanesischen Politologen Gilbert Achcar herausgegebenen Buch "Der 33-Tage-Krieg - Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon und seine Folgen": "Wenn es ein Land gibt, in dem das Reden über den "Kampf der Kulturen" zur Staatsphilosophie bzw. zur Ideologie nahezu der ganzen Gesellschaft geworden ist, dann Israel." Wie unterscheidet sich die israelische Ideologie des "Kampfes der Kulturen" von dem europäischen "Kampf der Kulturen"?
Diese Frage zu beantworten, also den Unterschied des Kampfes der Kulturen in Israel und in Europa - das ist eine halbe Seminararbeit. Das würde jetzt einfach zu lange dauern, da die Unterschiede zu formulieren.
In wie vielen Jahren wird es Frieden im Nahen Osten geben? Halten Sie das überhaupt für möglich?
Meiner Meinung nach sind wir sehr, sehr, sehr weit von einem Frieden entfernt.
Ist es nicht so, dass, je weiter der Holocaust zeitlich wegrückt, desto mehr sich Europa sowohl psychologisch als auch finanziell von Israel abschotten wird?
Das könnte sein, aber es wäre falsch von Europa. Denn irgendwann wird Europa begreifen müssen, dass Israel nicht das Hauptproblem ist. Dass der Konflikt hier letztendlich ein Konflikt ist, der so oder so auf Europa übergreifen wird. Ich gebe nur kurz zu bedenken: Al-Kaida hat in den 90er Jahren seine ersten großen Anschläge gemacht, als Jitzchak Rabin und Jassir Arafat gerade anfingen Frieden zu schließen. Und damals hat jeder geglaubt, dass Frieden kommen wird!
Sie sprechen ja auch vor Ort mit Menschen: Wie ist es, wenn man Österreich und/oder Deutschland anspricht?
Über Deutschland hier zu reden, ist kein Problem. Schon sehr lange nicht. Über Österreich schon eher. Die Waldheim-Affäre ist noch nicht so lange her, und die FPÖ mit Jörg Haider ist allerkürzeste Geschichte. Österreich wird als antisemitischer angesehen in der breiten Öffentlichkeit als Deutschland.
Das Buch Wer hat Schuld? Wer hat Recht? von Richard C. Schneider ist im Ullstein Verlag erschienen.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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