„Sie müssen ja nicht mit der Knarre zur Vorlesung“ - Iring Fetscher in Wien
2007-04-02 00:14:19
Von den Medien weitgehend unbeachtet stellte kürzlich Iring Fetscher sein neues Buch in Wien vor. Fetscher (85) ist das Urgestein der deutschsprachigen Politikwissenschaft. Außerdem einer der bedeutendsten Marxisten der vergangenen Jahrzehnte. FM5 traf ihn zum Gespräch. (MIT AUDIO-DATEI)
Hotel Royal, im Herzen von Wien. Die Einrichtung versprüht den Charme der KuK-Zeit. Alte erhaltene Mauerteile sind selbstbewusst in die frisch-weißen Wände integriert und ein Angestellter in weinroter Uniform wartet mit goldenem Gepäckwagen auf neue Gäste. In unmittelbarer Nähe der Stephansdom, die Hofburg, die Kärtnerstraße. Und die Kaisergruft. Von dieser letzten Ruhestätte der Habsburger kehrt einer der Gäste des Hotels zurück. Weißes Haar, schwarzer Anzug und rote Krawatte: Iring Fetscher (85), emeritierter Politikwissenschaftprofessor aus Frankfurt am Main. Sieht so ein Marxist aus? Früher schon. Zu Zeiten der Frankfurter Schule um Max Horkheimer und Theodor Adorno etwa. Doch die sind längst tot. Und so ist Iring Fetscher vielleicht der letzte der „späten Bürger, die gerade darum revolutionär (sind), weil sie wissen was Glück heißt, und dass, ohne günstige Bedingungen die menschlichen Anlagen ersticken und erstarren“ (Horkheimer). Im Falle von Fetscher allerdings auch wissen was Unglück heißt.
Bewegtes Leben
Geboren 1922 kämpfte er 1940-1945 im Zweiten Weltkrieg. Am letzten Kriegstag wurde sein Vater, der mit den Russen verhandeln wollte, von einer SS-Streife erschossen. Nach Kriegsende studierte er Philosophie, Germanistik und Romanistik in Tübingen und Paris. 1963 wurde er als Professor für die junge Politikwissenschaft an die Universität Frankfurt berufen. 1987 wurde er emeritiert, publizierte aber weiterhin zahlreiche Bücher. Neben eigenen Büchern hat sich Fetscher vor allem als Herausgeber zum Thema Marxismus verdient gemacht. Unter anderem entstammt die fünfbändige Studiengabe zu Marx und Engels seiner Zusammenstellung. Heute gilt er als Doyen der deutschsprachigen Politikwissenschaft.
Neues Buch
Am Abend zuvor hatte Fetscher sein neues Buch in den Räumen der Österreichischen Gesellschaft für Literatur vorgestellt. Im Sammelband „Für eine bessere Gesellschaft. Studien zu Sozialismus und Sozialdemokratie“ finden sich Texte von den Siebzigern bis zur Gegenwart. Immer wiederkehrende Themen sind der demokratische Sozialismus, Marx und - ökologische Probleme. Unter dem Stichwort „Ökomarxismus“ war Iring Fetscher einer der Ersten, der die ökologische Sorge und Dimension im Werk von Karl Marx erkannt hat. Jüngst hat er im neuen, fünften Band der Marx/Engels-Studienausgabe die wichtigsten Textstellen zu diesem Thema zusammengefasst.
Aber interessiert das heute überhaupt noch? Die Neuauflage der Studienausgabe verkauft sich nur schleppend, klagt Fetscher. Wurde Marx durch die Sowjetunion für immer diskreditiert?
Unorthodoxer Marxist
Nein. „Die Sowjetunion hat Marx missbraucht“, meint Fetscher. Er muss es wissen. Bereits 1957 hat er seine Studie mit dem Titel „Von Marx zur Sowjetideologie“ vorgelegt. Und bereits geografisch ist seine Hinwendung zum unorthodoxen Marxismus angelegt. Frankfurt am Main war 1963, als Fetscher dort Professor wurde, die Heimat der Frankfurter Schule um Max Horkheimer, Theodor Adorno und Jürgen Habermas, die das marxistische Denken aktualisierten. Weiters wurde Fetscher vom Philosophen Ernst Bloch und dem ungarischen Marxisten Georg Lukacs beeinflusst, die er beide persönlich kannte. Und Fetscher reichte die Fackel weiter. Zu den BesucherInnen seiner Lehrveranstaltungen zählten die amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis und der marxistische Historiker Moishe Postone.
Iring Fetscher ist damit ein Beispiel für einen selbstkritischen Marxismus der gleichzeitig schärfste Kritik des Sowjetsystems war. Und so freut es ihn, wenn er im Universitätslift in Frankfurt die Aufforderung liest: „Lest mehr Marx!“ Besonders weil ihm die heutigen Studierenden Sorgen bereiten: „In den Lehrveranstaltungen, die ich in den letzten Jahren noch auf der Uni hielt, haben sich die jungen Studenten kaum noch zu Wort gemeldet. Das trauen sich heutzutage anscheinend nur die älteren Studenten. Dabei wäre kritische Teilnahme wichtig. Sie müssen ja nicht mit der Knarre in die Vorlesungen kommen.“ Wie damals zur Zeit der Studentenbewegung, als Fetscher ein Seminar über Anarchismus hielt. „Da kamen vor allem die Mitglieder der militanten Szene und die hatten doch unübersehbare Ausbuchtungen in den Jacken. Aber Angst hatte ich keine.“
Fetscher heute: China und SPD
Trotz seine 85 Jahre ist Iring Fetscher nicht in den goldenen Jahren des Marxismus stecken geblieben. Heute spricht er gerne über die Situation in China – und Arbeitskritik. „Wir sollten die ungeheure technologische Entwicklung nutzen und über Arbeitszeitverkürzungen nachdenken. Dieses Mehr an Zeit könnten wir für kreative und erfüllende Tätigkeiten nutzen. Nicht umsonst hat Marx als Beispiel für eine erfüllte Tätigkeit das Komponieren genannt.“
Umso erstaunlicher, dass sich Fetscher der SPD verbunden fühlt. Dieses Rätsel konnten wir auch im Gespräch nicht auflösen; vielleicht eine Frage des Alters. Die Hoffnungen, die Fetscher im demokratischen Sozialismus sieht, lassen sich als Spätgeborener in der heutigen Sozialdemokratie nicht finden. Auch wenn die Namensähnlichkeit darüber hinwegtäuschen mag.
Doch Fetscher gibt die Hoffnung nicht auf: Sein Buch wird er den SPD-Spitzen schicken. Erinnert an den Austromarxisten Max Adler, der in der Zwischenkriegszeit gegen den Pragmatismus und Revisionismus der Sozialdemokratie ankämpfte. Kein Zufall also, dass Adlers Name in Fetschers Vortrag am Vorabend fiel.
Es ist dunkler geworden im Hotelzimmer. Die Zeit ist schnell vergangen; wir verabschieden uns. Am Abend will Fetscher – der späte Bürger - noch in eine Oper. Von Mozart natürlich. Vielleicht stimmt ja der Satz von Rolf Wiggerhaus: Später Bürger zu sein „verkörpert eine bestimmte Existenzweise: die der zur Weitergabe Fähigen. Sie bewahren das Beste auf, was in der bürgerlichen Kultur entwickelt worden ist und was aufzugreifen für eine nachfolgende Gesellschaftsformation von größter Bedeutung ist.“
Fetscher über sein bewegtes Leben und Personen die ihn prägten
Anmerkung: Das Horkheimer und das Wiggerhaus-Zitat stammen aus dem sehr empfehlenswerten Buch: Rolf Wiggerhaus (1998) – Max Horkheimer zur Einführung, Hamburg. S. 38