„Realitätsverweigerung versus Monkey Business“ - fast zeitgleich erscheinen die neuen Werke von Oasis („Don’t Believe The Truth“) und den Gorillaz („Demon Days“)
Ohne den vor rund zehn Jahren von der britischen Musikpresse angefachten Blur-versus-Oasis-Kampf neu auflegen zu wollen, sei uns ein vergleichender Blick auf die unterschiedlichen und nicht uninteressanten Entwicklungen von Albarn & Co und der Gebrüder Gallagher & Co gestattet. Im Abstand von nur einer Woche erschienen kürzlich die neuen Werke von Oasis und der Gorillaz (mit Blur-Fremdgänger Damon Albarn).
Global ist festzuhalten, dass sich Blur im Vergleich zu Oasis mittlerweile meilenweit vom klassischen Britpop entfernt haben, und die Gorillaz waren sowieso niemals dort gewesen.
Affentheater
Das erste Album der Gorillaz schlug ein wie eine Bombe, allen voran der weltweite Charterfolg „Clint Eastwood“. Diese feine Melange aus Dub, Hip Hop, Dance und Pop war in einem gewissen Sinne revolutionär, vor allem wenn die Protagonisten nur virtuell, in Form von Cartoons existieren. Cartoons? Nun, fast wären wir drauf reingefallen, aber die markante Stimme von 2D hat den musikalischen Fremdgänger enttarnt: Blur-Sänger Damon Albarn, der das Projekt Gorillaz zusammen mit „Tank Girl“-Comiczeichner Jamie Hewlett alias Murdoc ins Leben gerufen hat. Rapper und Drummer Del Tha Funky Homosapien sowie Gitarrist Miho Hatori von der US-Indieband Cibo Matto - oder sollte ich lieber sagen Russell und Noodle - vervollständigen das affige Quartett.
Die Cartoon-Masche wird konsequent durchgezogen, weder am CD-Booklet, noch auf der aufwändig gestalteten (und absolut sehenswerten) Bandhomepage findet sich ein Hinweis auf die Realpersonen, die hinter dem Projekt stehen. Zeichner Hewlett hat den vier Menschenaffen 2D, Murdoc, Noodle und Russel gehörig Leben eingehaucht, sogar ein Kinofilm ist in Planung.
Musik wie ein grellbunter Comicstrip
Das nun vorliegende Zweitwerk „Demon Days“ setzt den beim Debütalbum eingeschlagenen Weg konsequent fort. Nach dem bedrohlich wirkenden Instrumentalintro startet das Album erst mal entspannt mit den zwei spärlich instrumentierten Tracks „Last Living Souls“ und „Kids With Guns“, letzteres mit Gastsängerin Neneh Cherry, deren Stimme aber sehr in den Hintergrund gemischt wurde. Auch diesmal luden die musizierenden Comicfiguren wieder eine Vielzahl an illustren Gästen in ihre „Kong-Studios“, wie De La Soul, Ike Turner, Shaun Ryder von den legendären Happy Mondays oder Dennis Hopper, der den Text auf „Fire Coming Out Of The Monkey's Head“ spricht.
In einem Interview sagte Damon Albarn kürzlich, dass man als Cartoon-Figur eine gewisse Narrenfreiheit genießt, und diese scheint er mit Tracks wie „O Green World“ voll auszukosten, wenn sich eine charmante Kindermelodie durch ein Sammelsurium aus merkwürdigen
Synthiesounds und Störgeräuschen kämpft.
Auf „Clint Eastwood“ folgt mit „Dirty Harry“ die zweite Verneigung vor dem alternden Filmstar.
Der Groove von "Dirty Harry" lässt sogar Nichttänzer wie mich mit den Beinen zappeln, da werden 80er-Jahre-Synthies mit Streichern und Hip-Hop-Grooves verschmolzen, und mittendrin tront die vom Kinderchor getragene Hookline. „Feel Good Inc.“ featuring De La Soul strebt mit tief in die Magengrube tönenden Bässen ebenfalls in Richtung Dancefloor und ist der eingängigste und am schnellsten zugängliche Song des Albums. „Every Planet We Reach Is Dead“ baut sich auf einem funky Wah-Wah-Gitarrenriff zu einer wundervoll warmen Soulnummer auf und wächst gegen Ende hin durch Einsatz von Streichern und das von Soul-Legende Ike Turner in die Tasten geschmetterte Pianosolo zu einem wahren Songjuwel heran.
Vieles auf dem Album erinnert in Sachen Herangehensweise und Verschrobenheit an Musikerkollegen Beck, hier wie da treffen synthetische Beats, Samples, Loops und experimentelle Elektronik auf „organische“ Elemente wie Gitarren, Bässe, Streicher, Rap und Gesang.
Auch wenn das Album gegen Ende hin kurz ein wenig an Spannung verliert, gelingt den Gorillaz ein insgesamt rundes und starkes Album, das sie mit einem Mosaik aus Reggae und Gospel, vereint im Titeltrack „Demon Days“, versöhnlich ausklingen lassen.
Versöhnlich melden sich auch die Gebrüder „Kain und Abel“ Gallagher nach langer Ruhepause mit ihrem sechsten Studioalbum „Don’t Believe The Truth“ zurück.
Nach der Vorab-Single „Lyla“ hätte ich mir ja nicht allzu viel erwartet vom neuen Oasis-Werk, umso verblüffter war ich, dass ich mich bereits vom instrumentalen Intro und Outro des kraftvollen Openers „Turn Up The Sun“ mit seinen wunderschön ineinander verschlungenen Gitarrensträngen einwickeln ließ.
Mit dem Rausschmiss von Fast-Gründungsmitglied und Drummer Alan White („he has been asked to leave Oasis“) bleiben nur mehr die Gallagher-Brüder von der Urbesetzung der vor mehr als 10 Jahren gegründeten Band übrig. Offiziell agiert Oasis mit Ex-Ride und Hurricane#1-Gitarrist Andy Bell (am Bass) und Gitarrist Gem Archer als Quartett, wird aber studio- und livetechnisch eindrucksvoll von Zak Starkey an den Drums unterstützt.
„Don’t Believe The Truth“ wirkt abwechslungsreicher und spannender als alles, was die Jungs seit „(What's The Story) Morning Glory?“ veröffentlicht haben.
Ein Grund dafür ist zweifelsohne, dass Hauptsongschreiber Noel Gallagher immer mehr auch die anderen Bandmitglieder kompositorisch (und gesanglich) zu Wort kommen lässt. Neben typischen Oasis-Stadionrocknummern wie „Lyla“ oder „A Bell Will Ring“ tanzen die beiden wie Rohentwürfe tönenden Nummern „Mucky Fingers“ und „The Meaning Of Soul“ sehr hübsch aus der Reihe, wobei letztere wie ein Hybrid aus „Proud Mary“ und „Jumpin' Jack Flash“ klingt. Gut geklaut will auch gelernt sein. Die von Noel gesungene Nummer „Part Of The Queue“, eine der stärksten des Albums, gemahnt in Punkto Rhythmus und Grundharmonien an den Stranglers-Klassiker „Golden Brown“.
Zur gewichtigsten Einflussquelle zählen aber nach wie vor die Fab Four, wie die beatelesken Nummern „Love Like A Bomb“, „Keep The Dream Alive“ und „Let There Be Love“ bezeugen. Interessanterweise zählen die eben genannten Titel mit zu den besten des Albums. Schließlich verdient noch der von Liam Gallagher komponierte Song mit dem hübschen Titel „Guess God Thinks I'm Abel“ Erwähnung, der Noel folglich zu Kain werden lässt (und was dieser mit seinem Bruder Abel angestellt hat, ist bekannt).
Aber noch hat keiner den anderen erschlagen. Die Gallaghers bleiben ihrer Linie treu und schaffen dank vieler klasser Songs ein tadelloses Post-Britpop-Album, das Lennon, McCartney und Harrison gleichermaßen zitiert. Und mit Ringo Starr-Sohn Zak Starkey haben sie nun ein waschechtes Beatles-Gen mit an Bord geholt.
Die eher einfältige „jetzt lasst uns alle mitgröhlen“-Nummer „Lyla“ wird dem Album jedenfalls nicht gerecht. „Don’t Believe The Truth“ klingt wie das Machwerk einer Band, die niemanden mehr etwas beweisen muß, es aber trotzdem tut.
Fazit
Musikalischer Comicstrip und beatelesker Post-Britpop, beide Bands liefern in ihrem unterschiedlichen und wenig vergleichbaren Metier Topprodukte ab, die Begegnung „Dirty Harry“ versus „Kain & Abel“ endet mit einem klaren Unentschieden. Abpfiff.