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„Otto und Anna schreiben aus Rache“

2010-09-07 22:56:48

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Max Höfler ist Literaturreferent am Forum Stadtpark. Er wolle den Grazer Kunstverein wieder zur Anlaufstelle für experimentelle Literatur machen, sagt er im Interview. Mit seinem Buch Texas als Texttitel hat er ein Beispiel dafür geliefert.

FM5: Du vermengst in deinem Buch sehr viele Schreibstile. In meiner Rezension (siehe Link unten) habe ich geschrieben, du würdest das postmoderne Spiel mit den Formen auf die Spitze treiben. Wo geht dein Buch über das Aufeinanderprallen der Formen hinaus?

Max Höfler: Das Buch ist an der Postmoderne geschult und arbeitet sich daran ab. Aber es erschöpft sich nicht in einem Formenspiel. Schwitters Anna und Jandls Otto schreiben das Buch aus Rache. In Bezug auf die Mechanismen der Kunstgeschichte, die Avantgarden und Neoavantgarden verwurstet haben. Viele Stellen in meinem Buch markieren ein Aufbegehren, das sofort wieder quittiert wird. Es sollte im besten Fall zu einem Misstrauen führen. Würde man das Buch als unverbindliches Spiel auffassen, wäre es zu wenig. Es geht darin um die Möglichkeit von Revolution.

Wohin führt die Revolution?

Die Hauptfigur ist nicht die klügste. Sie tölpelt von einer Revolution in die nächste. Pluralität und Offenheit der Postmoderne sind wichtig. Aber sie lehnt sich darauf dekadent zurück. An diesem Punkt muss man einhaken. Man muss keine konkreten Lösungen liefern, aber zumindest das Bestehende verteufeln. Das ist möglich durch eine eigene Sprache, einen eigenen künstlerischen Ausdruck.

Das Buch ist vielschichtig. Warst du beim Schreiben selbst verwirrt?

Otto und Anna waren als Reflexionsebene vorgesehen. Später habe ich gedacht, „jetzt stelle ich sie einfach mal raus.“ Auf eine Ebene, auf der sie eigentlich nicht sein konnten. Dann war ich verwirrt. Sie haben sich emanzipiert und sind anarchistisch auf unterschiedlichen Ebenen herumgehüpft. Ich schrieb eigentlich eine Geschichte über Avantgarden, ihre Ziele und Probleme. Diese Emanzipationsbewegungen, dieses Aufbegehren.

Diese Provokation?

Nein. Mein Buch ist nie provokant. Das wird auch thematisiert. Die erste Fußnote ist schon eine Pseudoprovokation, dieser göttliche Gangbang. Das provoziert niemanden.

Was könnte die literarische Antwort auf dein Buch sein?

Die literarische Reaktion auf die letzte Experimentierphase war es, völlig unreflektiert zu erzählen wie im 19. Jahrhundert. Das kann nicht die Lösung sein. Ich will eine größere Verbindlichkeit, einen direkteren Umgang mit Material und Zeichen. Der Gebrauchscharakter von Sprache ist entscheidend. Man kann beleidigen, fragen, antworten. Wir müssen davon ausgehen, dass wir sinnvoll kommunzieren können. Und dass wir etwas verändern können. Der politische Impetus darf nicht verloren gehen. Mein Buch ist ein politisches Buch, aber kein oberflächlich politisches Buch. Es geht darin um Emanzipation. Otto und Anna nehmen am Schluss das Buch in die Hand. Sie haben das letzte Wort.

An einer Stelle schreibst du, die Arbeit an dem Buch hätte dich davon abgehalten, deine Dissertation zu schreiben. Hast du jetzt wieder Zeit dafür?


Das stimmt. Selbst ich als Schreibender wurde aufgehalten von dieser …

Ich glaube mich an eine ähnliche Formulierung in Kehlmann's Ruhm erinnern zu können, "selbst ich als Schreibender". Ist Kehlmann ein Vertreter des "unverbindlichen narrativen Exotismus", gegen den du dich laut Klappentext wendest?

Kehlmann macht seine metafiktionalen Erzählungen so, dass Germanisten sagen, "schaut, da ist eine Reflexionsebene". Er ist ein guter Erzähler. Ich weiß aber nicht, ob seine Literatur zielführend ist. Mit der kann ich nichts anfangen. Ich mag Literatur, die etwas riskiert. Die in Richtungen zeigt, die sie selbst noch nicht kennt. Ich selbst wollte das Buch schreiben, das ich immer lesen wollte.

Ist das gelungen?

Ja, ich mag es gern. Ich habe noch nie so verständlich geschrieben. Jetzt muss ich überlegen, wie ich weitermache. Ich werde nicht zehnmal dasselbe Buch schreiben. Das haben viele gemacht. Auch viele, die ich gern habe. Ich liebe Thomas Bernhard, der hat zwar immer dasselbe Buch geschrieben, jedes davon super. Reich werde ich davon auch nicht, aber von Büchern wird man sowieso nicht reich. Selbst wenn du 1000 verkaufst. De facto ist es ein totaler Witz. Wenn du einen Stundenlohn ausrechnen würdest, bräuchtest du gar nicht anfangen zu schreiben. Bücher wie meines können auch Verlage nur mit Zuschüssen machen. Das Geld kommt über Umwege herein, über Lesungen zum Beispiel.

Wie ging es dir bei deiner Lesung?

Das Vorlesen geht gut. Ich schreibe immer laut. Ich probiere immer Klanglichkeit hineinzubringen. Ich spreche meine Sätze und schreibe sie dann erst auf. Dadurch habe ich eine genauere Vorstellung von der Wirkung meines Textes. Bei der Buchpräsentation vor einem Monat war ich extrem überrascht, dass es bei so unterschiedlichen Leuten so gut funktioniert hat.

Musstest du lange nach einem Verlag suchen?

Es ist schwer in Österreich einen Verlag für experimentelle Texte zu finden. Neben dem Ritter Verlag, der mich von sich aus angesprochen hat, gibt es noch das Fröhliche Wohnzimmer. Bei Droschl entsteht auch eher avancierte Literatur im Sinne von Formfolklore. Ich habe immer Probleme, ansprechende Literatur zu finden. Aber super, dass ich als Literaturreferent Leute ins Forum einladen kann, die mich interessieren und die man sonst in Graz nicht sieht. Die beste Situation, in die ich jemals geraten bin.

Wie bist du da hineingeraten?


Mein Vorgänger lud mich oft ins Forum ein, um zu lesen. Als ich gefragt wurde, habe ich erst überlegt, ob ich als Veranstalter in den Betrieb einsteigen will. Ich bin jetzt froh, die Stelle angenommen zu haben. Obwohl es in den letzten Jahren ein bisschen eingeschlafen ist, hat das Haus Potenzial. Ich möchte, dass das Forum wieder eine Anlaufstelle für experimentelle Literatur wird.

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AutorInnen

Georg Oberhumer

Georg Oberhumer

Ist 23, studierte Publizistik, lernt jetzt Deutsche Philologie und bildende Kunst, arbeitet für EIKON und fm5.

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