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„Halt, ihr seids nicht allein!“ - Hans Rauscher im Interview

2007-04-02 00:10:56

Hans Rauscher ist einer der bekanntesten österreichischen Journalisten sowie langjähriger Kämpfer gegen Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und NS-Verharmlosung. Darüber haben wir mit ihm gesprochen. Und über Ursula Stenzel.

3. November, 11 Uhr vor der Standard-Redaktion in der Herrengasse. Kalt. Ein Taxi hält, Hans Rauscher steigt aus und verschwindet im Gebäude. Mein Kollege ist wegen Zugverspätung noch nicht da und ich muss warten. Zehn Minuten später kommt er – zu Fuß. Wir betreten das Gebäude und lassen uns von der Empfangsdame den Weg zu Hans Rauscher erklären. Er empfängt uns freundlich mit drei Tassen Journalistendroge. Kaffee – als Journalist muss man damit leben, dass alle Welt glaubt man möge ihn. Stimmt ja auch. Entschuldigen Sie bitte die Unordnung, ich sortiere gerade ein paar alte Bücher aus. Hat jemand von Ihnen Interesse an einem alten Günther Nenning-Buch über Religion? Titel: Mehr Opium, Herr! So ein Geschenk nimmt man gern, bis jetzt bin ich allerdings erst bis zum vierten Kapitel - „Bumsen“ - gekommen.

„Lest was Gescheites“

Nun sind wir also in den Räumlichkeiten der einzigen österreichischen Tageszeitung die man noch mit halbwegs gutem Gewissen lesen kann. Ich habe, wie ich noch beim Kurier war, immer wieder vor Studenten diskutiert und sie gefragt: „Wer von euch liest die Krone?“ Von den 30 gingen 10 Hände hoch - in Wirklichkeit war es mindestens die Hälfte. Ich habe gesagt: „Ihr könnt euch das nicht leisten! Ihr könnt `s euch nicht leisten, euch dumm zu informieren. Das ist für euren Beruf als Akademiker ein Wahnsinn. Lest was ihr wollt - ihr müsst nicht den Kurier lesen, aber lest was Gescheites. Seit 1975 arbeitete Rauscher beim Kurier, bis er 1997 zum Standard wechselte, für den er auch heute noch schreibt. Was ist das Besondere am Standard? Der Standard ist ein erfolgreiches Spezialprodukt, das beginnt sich durchzusetzen. Warum? Weil in Österreich eine bestimmte gesellschaftliche Schicht, nämlich die jüngere, gebildete Elite größer wird. Da hat er Recht. Trotz Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen wird diese Gruppe größer, allerdings zu Lasten Jugendlicher aus den unteren Schichten. Es hängt auch damit zusammen, dass der schräge Ton, den der Standard hat, offensichtlich gut ankommt. Im dem Sinne, wie man die Dinge angeht und das Layout ambitionierter gestaltet. Das bunte Papier nicht zu vergessen.

Der weiße Fuß des Karl-Heinz

Themenwechsel: Wie steht ein Bildungsbürger (Ich bin ein Bildungsbürger. Aus, Ende.) wie Hans Rauscher zur vielzitierten Bildungsmisere? Ich glaube, dass ein ganz entscheidender Sündenfall dieser Regierung war, dass man gesagt hat: „Wir brauchen ein Nulldefizit, damit sich der Karl-Heinz einen weißen Fuß macht und daher streichen wir jetzt Mathematik-, Deutsch- und Turnstunden in den AHS.“ Die Frau Gehrer hat da mitgemacht und hat sich überrollen lassen. Überrollen lassen von Grasser, einem oberflächlicher Fluffi, der sich in einem engen Bereich ganz gut durchschlängelt. Von Gesamtkonzepten hat er aber keine Ahnung. Dass das unter einer konservativen Regierung passiert ist, die ja auf Bildung Wert legen sollte, ist die wirkliche Katastrophe und das wirkliche Versäumnis dieser Regierung.

Dass sich das Bildungssystem unter Schwarz-Blau nicht gerade prächtig entwickelt hat, weiß inzwischen jedes Kind – spätestens wenn es in die Volksschule kommt. Aber auch ökonomisch schaut es nicht gut aus für die Jungen. In der jüngeren, gebildeten Schicht hat es in den letzten 5-10 Jahren eine Selbstdisziplinierung gegeben. Sehr viele sagen sich: „Ich schaue, dass ich sehr schnell und mit guten Noten fertig werde. Sehr viele sagen sich aber auch, und das ist nicht mehr okay: „Ich schaue, dass ich nicht auffalle, sonst kriege ich keinen Job und gelte als Störenfried.“ Die ökonomische Situation ist so, dass die Jobs immer weniger werden. Das ist das Riesenproblem, dem wir uns gegenübersehen. Daher verhalten sie sich brav. Gleichzeitig gibt’s ein so ungeheures Unterhaltungsangebot aus der Popkultur, dass für Politik nicht mehr viel Lust und Zeit bleibt. Die Spass- und Unterhaltungsgesellschaft. Eines der beiden Lieblingsthemen des Hans Rauscher. Doch zunächst zum wichtigeren der beiden.

Es ändert sich was“ - Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus

Wer die Artikel von Hans Rauscher verfolgt, weiß es natürlich. Es gibt Themen, die immer wieder auftauchen: der Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und den Aufstieg der Haider-FPÖ etwa. Geändert hat sich da wenig. Frustriert? Nein, überhaupt nicht. Weil es ändert sich ja was! Was denn? Die Kronen Zeitung schreibt nicht mehr antisemitisch. Das hängt meiner Meinung nach auch damit zusammen, dass ich vor drei Jahren vor Gericht nachgewiesen habe, dass sie antisemitisch und rassistisch ist. Die sind vorsichtiger geworden. Stimmt, auch wenn sie sich die fremdenfeindliche Tendenz erhalten haben. Ich glaube, dass eine stete Beeinflussung bei den Meinungsführern in diesem Land Wirkung gezeigt hat. Hoffentlich. Das liberale Denken hat es in Österreich immer schwer gehabt und meine Funktion ist, denen, die liberal denken oder auch nur anständig denken, zu sagen: „Halt, ihr seid’s nicht allein! Die Übermacht ist nicht so groß wie ihr glaubt.“ So war es auch bei mir, damals als naiver Schüler in der oberösterreichischen Provinz. Die Rauscher-Artikel waren ein weltoffeneres Versprechen aus dem fernen Wien. Ein Versprechen, das nur teilweise eingehalten wurde.

„Sehr viele Politiker lieben eher die Menge“

Aber hat Rauscher nie der Gang in Politik gereizt? Nein, überhaupt nicht. Es gab doch sicher Angebote von Parteien? Ja, nicht nur von Parteien, sondern auch von der Zivilgesellschaft. Jetzt wollen wir Namen hören. Es waren eigentlich nicht die Parteien sondern Privatpersonen, Personen aus den beiden großen Parteien. Das Liberale Forum hat auch ein gewisses Interesse gehabt, aber für die war ich als Journalist immer wichtiger als im Parlament. LIF und Parlament? Ja, das waren noch Zeiten. Im Nachhinein war die Entscheidung vermutlich richtig, denn ob das Liberale Forum zu Lebzeiten nochmal ins Parlament kommt ist fraglich. Der verstorbene Axel Corti wollte mich während der Waldheim-Zeit bewegen, in die Politik zu gehen. Ich hatte Angebote, Freimaurer – aha, die Zivilgesellschaft - zu werden und habe es abgelehnt. Kurz gesagt: Ich bin nirgendwo Mitglied außer im Österreichischen Filmmuseum und beim Bruno Kreisky-Archiv.

Es heißt immer, ein Politiker muss den Menschen lieben. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das, aber sehr viele Politiker lieben eher die Menge. Er muss vor allem bereit sein, sich auf sie einzulassen. Er muss bereit sein sich anstrudeln zu lassen, mit Irrelevantem belästigen zu lassen. Kurz: Er muss es mit unangenehmen Leuten zu tun haben. Das ist alles nichts für mich.

"Ich bin ein Bildungsbürger"

Damit sind wir schon beim zweiten Thema auf das man in den Artikeln von Hans Rauscher immer wieder stößt. Geschmacklose Toiletten, Männer in kurzen Hosen und „halbanalphabetische Prolos“ geraten ins Visier. Was unterscheidet Hans Rauscher eigentlich von Ursula Stenzel? Zunächst einmal wenig, weil wir Studienkollegen sind. Zeitungswissenschaft und Geschichte an der Universität Wien. Diese Themen, die ich behandle, haben meist einen größeren gesellschaftlichen Hintergrund. Zum Beispiel die berühmte Hundstrümmerl-Debatte. Das ist ein Thema des Zusammenlebens in der Großstadt. Das sind doch Themen für die bildungsbürgerliche Oberschicht. Na und? Ich bin ein Bildungsbürger. Aber ich schreibe das nicht als Bildungsbürger, sondern ich schreibe es als Informationsschwamm. Ich gehe durch die Stadt oder das Land und nehme etwas auf. Meistens habe ich dabei das Gefühl, das könnte andere Leute auch stören oder interessieren. Oft habe ich damit Recht - manchmal nicht. Wie grenzt sich das von einer Borniertheit ab, die Ursula Stenzel für viele verkörpert? Ursula Stenzel ist Politikerin, sie müsste etwas umsetzen. Ich bin Journalist, ich muss nichts umsetzen. Ich muss ein Thema ansprechen und damit habe ich meine Arbeit getan. Frau Stenzel schleudert immer neue Gedanken heraus, anstatt dass sie einmal einen durchzieht und gleichzeitig ein Konzept dazu liefert. Ansonsten eine grundsätzliche Übereinstimmung? Sie kommt so rüber – ich sage ja nicht, dass sie so ist! - wie die vornehme Dame, die beim Teetrinken den kleinen Finger wegspreizt. Das bin ich nicht. Ich sage nicht, dass man das alles – diesen ganzen Event-Krawall - abschaffen muss. Ich sage, es ist zu viel. Man muss es in ein Konzept einbinden, es geht um den Wildwuchs. Die Ursula Stenzel bringt das nicht auf den Punkt.

"Ich werde nicht auf Myspace auftreten"

Eine Frage haben wir noch: Wie sehen Sie der Zukunft entgegen? Ich werde immer schreiben, solange ich kann und solange das genügend Leute lesen. Ich weiß nicht, ob ich in ein paar Jahren in dieser oder in einer anderen Position sein werde, aber ich kann und will nicht in Pension gehen. Wie steht es um die Zukunft der Printmedien? Angst vor dem Internet?. Ich achte darauf, dass meine Sachen im Online-Standard aufgenommen werden. Und wie sie aufgenommen werden, weil das das „neue“ Publikum ist. Ich bin ein Posting-Leser und gelegentlich ein Back-Poster. Ich antworte auch den Allermeisten, die mir direkt E-Mails schicken. Ich werde nicht auf Myspace auftreten, doch ich werde versuchen mit der Entwicklung Schritt zu halten. Aber das gedruckte Wort ist für mich nach wie vor das Eigentliche. Ein schönes Schlusswort – auch für ein Onlinemagazin.

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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