2007-04-02 00:10:54
Stootsie, der immerwährend charmante, abgeklärte Sänger der Salzburger Ausnahmeformation The Seesaw erklärt im Gespräch mit dem Freien Magazin, warum er sich dem Brit-Pop verschrieben hat, Salzburg Stadt gar nicht so fad ist und meint, dass sich die Musik doch nicht so wiederhole, wie es Elvis Costello mal behauptet hat.
Die aus Salzburg stammende Band The Seesaw kann – ohne, dass dieser Gedanke ein schlechtes Gewissen evozieren würde – wohl als Ausnahmeerscheinung, gewiss neben einigen wenigen anderen Formationen, betrachtet werden. So schafft es doch keine andere im heimischen Pop-Zirkus mitmischende Band, ihre Texte so gefühlvoll ins richtige Eck zu steuern und dabei nicht auf das Wesentliche, nämlich den Sinn, zu vergessen; nebenbei gelingen ihr auch noch schwungvolle, die Gehirnzellen nicht mehr verlassende Melodien, die denen einer international erfolgreicheren Band definitiv um nichts nachstehen. Grund genug also, mit einem Musiker – und gewiss auch Musik-Historiker – wie Michael Steinitz, liebevoll „Stootsie“ genannt, über (seine) Musik, Salzburg und andere wichtige Dinge zu parlieren: „We `ve got love for sale and the price is rising… „ („Love for sale“). Wow! Das ist eine Liebeserklärung…
Freies Magazin 5: Woran liegt es, dass sich österreichische Bands – mal davon abgesehen, dass die englische Sprache nicht ihre Muttersprache ist – mit der englischen Sprache, vor allem in Bezug auf einen poetisch annspruchsvollen Inhalt, der auch wirklich etwas Sinnvolles auszudrücken vermag, so schwer tun? Ihr und auch Formationen wie z. B. Naked Lunch bildet da ja eine Ausnahme.
Stootsie: Vielen Dank, dass du uns als Ausnahme siehst! Ich finde ja auch unsere Aussprache extrem super. Je nach Gemütszustand schwankt der Tiefgang der Texte. Wenn's nicht so gut läuft hast du als Songschreiber das Glück, dir den Frust, Schmerz oder natürlich auch Glücksgefühle von der Seele zu schreiben. Letzteres nervt aber meistens. Viele machen sich es etwas zu einfach und zitieren aus Songs Plattitüden und das wird halt wirklich schnell langweilig. Das ist aber bei deutschen Texten genau so. Aber das ist ein weltweites "Problem", kein Österreichisches.
FM5: Ihr habt vor ein paar Monaten eine Reise nach England gemacht und dort u. a. im legendären Club "The Cavern" in Liverpool gespielt. Was waren eure Eindrücke dort bzw. was - gemeint sind natürlich Erfahrungen - habt ihr von der Englandreise mitgenommen?
Stootsie: Wir waren ja schon zum zweiten Mal auf diesem Festival. Da es ein internationales Festival ist, lernt man Popbands aus der ganzen Welt kennen, tauscht CDs, E-Mails und Erfahrungen aus und trinkt englisches Bier. Und außerhalb Londons sind die Menschen viel, viel offener und interessierter. Und im „Cavern“-Club auf der alten Minibühne zu stehen ist schon reichlich absurd!
FM5: Um die notorische Salzburg-Frage kommt man leider nicht herum: Wie schaut euer Bild von Salzburg Stadt aus? (Weil meiner Meinung nach ist Salzburg Stadt neben Klagenfurt, Bregenz, Eisenstadt und St. Pölten eine sehr fade und brave Stadt.) Stootsie: Ich find immer den Spaß muss man sich selber machen. Und da wir in
der Stadt wie Superstars behandelt werden, haben wir überhaupt ein lustiges Leben. VIP, Festspiele, Promieparties... Sommer ist großartig in Salzburg! Das einzige, was wirklich fehlt, ist ein funktionierender Indie-Club mit guter Musik. Aber gute Platten haben wir eh auch zu Hause. Also auch da kein Stress. In Wien z.B. wäre ich viel zu abgelenkt und würde gar nichts auf die Reihe kriegen, weil ich nichts versäumen will. Man kann im Leben wirklich auch alles positiv sehen!
FM5: The Seesaw sind ja für ihre heiter-romantischen Songs - v. a. auch auf dem neuen Album - bekannt. Soll/muss sich das ändern?
Stootsie: so heiter find ich die neue CD gar nicht. Hab schon mal mehr gelacht im Leben.
FM5: Warum habt ihr euch dem Brit-Pop - nennen wir es schubladentechnisch mal so - verschrieben?
Stootsie: Wir können einfach nix anderes! Mit Sixties-Musik bin ich bei meinen Eltern aufgewachsen und finde immer noch die spannendste Zeit für einen Musikhistoriker wie mich!
FM5: Ist Österreich eurer Meinung nach ein guter Boden für Pop-Musik (v. a. im Jahre 2006)? Was ist gut, was schlecht?
Stootsie: Wenn man so eine Musik wie wir macht, darf man gar nicht nur an Österreich denken. Die Alternative Community ist ja wirklich sehr überschaubar hier. Wir sind ja seit 1999 3 Mal in England und 4 Mal in Amerika gewesen. Deutschland sowieso. Dort, vor allem in Amerika, gibt es halt riesige Szenen für Gitarrenmusik. Menschen, die sich mit deiner Musik wirklich auseinander setzen. Wirklich unglaublich. Auf der anderen Seite ist die Existenz von FM4 einer der größten Glücksfälle. Alle (Deutschland vor allem!) beneiden uns so um einen nationwide operierenden Alternativsender. Auch, dass man den halben Tag englische Sprecher hört, kann sich in späteren Generationen bemerkbar machen. In Skandinavien ist das ja schon immer so. Die kennen keine synchronisierten Filme. Auch ein Grund für so viele großartige Bands von da oben.
FM5: Ist der Albumtitel des neuen Albums, "Couch Crisis", so zu verstehen, dass man, wenn man gerade Beziehungsprobleme (eben "Couch Crisis") hat, sich diese CD anhören soll und es einem danach - folgerichtig - besser geht?
Stootsie: Mir geht es nicht besser, wenn ich das Album höre. Ich will gar nix mehr zum Titel sagen. Ich hab schon hunderte verschiedener Interpretationen von "Couch Crisis" gehört. Das macht mir wirklich Spaß! Der Titel ist ÜBERHAUPT das Beste am ganzen Album.
FM5: Werdet ihr auch in Deutschland und der Schweiz (medial) so wahrgenommen wie in Österreich?
Stootsie: FM4 hat einen Wirkungsbereich bis Hamburg/Berlin. Super Kritiken in Spex und Visions helfen auch. Wir waren mit "All he same" in vielen Campus RadioCharts in Deutschland und der Schweiz. Und außerdem waren wir vor 2 Jahren die Gewinner des Becks Song Wettbewerbs. Das hat uns wirklich berühmt gemacht!
FM5: Zum Schluss noch eine „philosophische“ Frage: Wiederholt sich die Pop-Musik im Allgemeinen oder ist songtechnisch noch etwas herauszuholen?
Stootsie: Philosophisch retour: Das ganze Leben ist ein Kreis! Jede Stimme ist einzigartig und 10 Mal derselbe Song wird in den Händen von 10 verschiedenen Sängern immer eigen sein. Elvis Costello hat ja vor 15 Jahren behauptet, in 10 Jahren sind alle Melodiemöglichkeiten und Kombinationen ausgeschöpft. Hat mich damals sehr beunruhigt, bin aber drauf gekommen, dass es um was anderes geht…
Keine Angst Stootsie: Auch in 10 Jahren wirst du uns mit The Seesaw glücklich – oder traurig – machen!
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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