Einen Kinofilm zu machen, war nie ihr Traum. Heute möchten sie diese Erfahrung nicht mehr missen. FM5 bat die beiden Hauptdarsteller des schweizer Films "Little Girl Blue" zum Interview.
„Little Girl Blue“ feierte am 29. September auf dem GAFFA-Filmfestival Österreich Premiere. Am Tag danach traf sich FM5 mit den beiden Hauptdarstellern zu einem Interview. Ich kündigte an, dass sie gerne Schweizerdeutsch mit mir sprechen können, da ich sie verstehen würde. Das verstehen war dann tatsächlich kein Problem. Die Transkription schon eher, aber lest selbst.
Little Girl Blue
Im Film ist die 14jährige Sandra (Muriel Neukom) eine schüchterne Außenstehende. Sie ist neu im Wohngebiet und findet keinen Anschluss. Dann lernt sie Mike (Andreas Eberle) kennen. Die beiden scheinen sich tatsächlich näher zu kommen, doch dann gerät Sandra in Schwierigkeiten. Die beiden beobachten Mikes Mutter, wie sie einen fremden Mann küsst. Mike ist sehr wütend. Sandra hält geheim, dass es sich bei dem Mann um ihren Vater handelt. Mikes Schwester hat sich vor einiger Zeit umgebracht, dieser Verlust hat die Beziehung der Eltern kaputt gemacht. Die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Muriel: „Wenn ich die Geschichte höre, weiß ich nicht, ob ich mir den Film anschauen würde. Wenn ich jünger, 13 oder so, wäre, dann schon. Aber es ist urschwer zu sagen ob ich den Film gut finde, weil es ist „huara struub“ (ähm, vielleicht mit „besonders merkwürdig“ zu übersetzen, anm. FM5), sich selbst auf der Leinwand zu sehen, die Stimme tönt urschlimm und alles ist so anders.“
Nachdem ich Muriel Neukom und Andreas Eberle vom Kino abhole, spazieren wir den Naschmarkt entlang und lassen uns noch etwas von den Köstlichkeiten beeindrucken. Dann gehen wir in eines der zahlreichen Cafés um über den Film „Little Girl Blue“ und die Dreherfahrungen zu sprechen. Beide sind heute 17 Jahre alt, wohnen in Zürich bzw. in der Nähe von Winterthur und machen eine Pharmazie- bzw. Handwerkerlehre.
FM5: Wir schreiben den 30. September 2005. „Little Girl Blue“ war euer erster Kinofilm und nach euren derzeitigen Plänen auch der letzte. Fühlt ihr euch als professionelle Schauspieler? Wie habt ihr euch auf die Rolle vorbereitet?
Muriel: Nein. Ich habe nicht das Gefühl, eine professionelle Schauspielerin zu sein. Es war alles neu für mich. Auf die Rolle haben wir uns nicht besonders vorbereitet, wir haben das Skript von unserer Regisseurin Anna Luif gelesen. Aber bereits nach zwei oder drei Drehtagen habe ich mich ganz in meine Rolle als Sandra eingelebt. Bei den Dreharbeiten passiert immer etwas, man lernt immer Neues dazu und man versucht selbst, das Beste zu geben und noch besser zu spielen.
Andreas: Das war bei mir auch so. Es war alles neu und wir haben in einem tollen Team gedreht.
FM5: Auch wenn ihr euch nicht als professionelle Schauspieler fühlt habt ihr doch die Erfahrung gemacht. Kannst du etwas vorspielen? Kannst du im Alltag jemanden spielen, der du gar nicht bist?
M: Ich glaube nicht. Auf Knopfdruck geht das nicht. Ich fühle mich eher im Theater wohl. Überzeichnete Charaktere gefallen mir.
FM5: Seid ihr zum öffentlichen Interesse geworden, als der Film in der Schweiz gezeigt wurde? Wie seid ihr mit eurer Bekanntheit umgegangen?
M: Also wir hätten definitiv bekannter sein können. Wir hatten zahlreiche Interviewanfragen. Aber damals habe ich mich eher zurückgezogen und bin vor solchen Sachen weggelaufen.
A: Also am Anfang war das schon krass. Die Verwandtschaft und alle Bekannten wollten immer wieder dasselbe wissen. Das war schon manchmal stressig. Aber das ist schon eine Weile her. Heute weiß ich nicht, ob die Leute bei meiner Lehre wissen, dass ich einen Kinofilm gedreht habe und es ist mir eigentlich auch egal.
M: Es gab natürlich in der Schule auch Leute, die man kennt, mit denen man aber nicht so viel zu tun hatte, die über einen geredet haben. Aber denen kann ich nur sagen, ist mir doch egal, was du willst. Und heute sind wir in den Alltag zurückgekehrt.
FM5: Wie fühlt ihr euch in Wien. Wie hat euch die Reaktion des Publikums bei der Österreich-Premiere gefallen?
M: Also ich finde es schön, wenn sie nicht negativ ist. Weil ich selbst überhaupt nicht einschätzen kann, wie der Film ist. Es ist urschlimm sich selbst so zu sehen und ich finde es schön wenn es den Leuten gefällt und sie den Film lässig finden. Für mich ist es schwierig, vor allem bei der Premiere vorne zu sitzen. Ich denke mir, das bin ja nur ich und was wollt ihr. Ein „struubes“ Gefühl. Aber es ist megalässig, Wien ist eine schöne Stadt und die Leute sind sehr nett. Man müsste etwas länger hier sein.
A: Also ich war gestern noch überrascht, weil viele etwas gefragt haben, und bei einer ähnlichen Sache in der Schweiz haben wir nur „hallo“ und „tschau“ gesagt. Aber wirklich angenehm ist es mir nicht, dort vorne zu stehen.
FM5: Wie geht ihr mit Kritik und Reaktionen um. Ist es schon einmal vorgekommen, dass sie negativ war?
M: Nein, die Leute sind auch zu verklemmt es dir ins Gesicht zu sagen, dass er schlecht war. Und die Eltern sind einfach stolz. Ich hab von niemandem etwas Negatives gehört. Man kann ja von einem jungen Schauspieler, der vorher noch nichts gemacht hat, nicht viel erwarten. Es ist schwer zu sagen, das hätte er besser machen können. Es ist schwer zu vergleichen.
FM5: Ist euer Film auch ein kritischer Film? Beziehungsweise was ist in eurem Film die Botschaft für den Zuseher?
M: Ich denke, die Regisseurin wollte die schwierige Zeit der Jugendlichen zeigen. Wie es ist mit dem Verliebtsein, außen zu stehen und irgendwie nicht dazu zu gehören und dann hast du noch Probleme zu Hause. Auf der anderen Seite ist da auch die schwierige Seite der Erwachsenen, Kinder zu haben und dann mit den eigenen Problemen zu kämpfen. Der Film zeigt das typische Leben einer normalen Schweizer Familie. Ohne das Fremdgehen.
FM5: Also spontan fallen mir die Szenen ein, wo Sandra und Mike dem Baby Vodka geben, das Fremdgehen und auch der wahrscheinlich schönste Satz im Film, wo der Vater von Mike zu Sandra sagt, Mikes Schwester würde noch leben, wenn sie den Mut gehabt hätte, anstatt zu springen, nicht darauf zu hören, was die anderen sagen.
M: Ja voll.
A: Und eben das auch die Eltern ihre Probleme haben.
FM5: Aber das Kind hat keinen Vodka bekommen?
A: Nur ein bisschen, damit es ruhig ist.
M: Nein, nur Wasser.
FM5: Wie ist das mit der Farbe blau im Film, welche Bedeutung hat sie?
M: Blue heißt ja traurig. Und die Sandra ist ein bisschen traurig und in sich gekehrt. Blau ist so eine traurige, klare Farbe. Sie steht für Nachdenklichkeit und das Blaue ist auf die Sandra bezogen und mit dem kleinen traurigen Mädchen ist eben die Sandra gemeint.
FM5: Es gibt eine Szene, in der du im Weizenfeld liegst. Viele Filme leben von solchen Szenen, in denen auch eine Art Zufluchtsort der Hauptdarstellerin zu finden ist. Für mich als Zuseher entwickelt sich daraus etwas Traumhaftes. Macht es Spaß, so eine Szene zu drehen oder krabbeln da eher Tiere auf einem herum?
M: Ja, es war nicht so die Hitszene. Ich bin auch noch allergisch und hatte ziemlich geschwollene Augen. Aber du musst dich so konzentrieren auf das was du dort machst, sie sagen dir so viele Sachen, was du machen sollst, wie die Hände liegen sollen. Es gibt aber schlimmere Szenen, wie die Regenszene in der Nacht bis am Morgen um drei Uhr, wo wir vier Stunden mit eiskaltem Wasser beregnet wurden.
A: Ja, die Szene war böse. Vor allem war das Wasser wirklich eiskalt, sie hätten es ja auch etwas wärmer machen können.
M: Das haben sie eben gemacht, damit uns wirklich friert
A: Damit wir nicht spielen müssen, dass es uns friert.
FM5: Der Film ist sehr direkt und lebt von der Situationskomik und vom Spaß. Wo seht ihr zwischen Film und Alltag die Unterschiede?
M: Also ich denke es gibt viele Szenen, die man sich sehr gut vorstellen kann. Andere auch wieder gar nicht.
A: Übertrieben ist vielleicht die Vodka-Szene mit dem Baby, aber sonst könnte man sich die Geschichte schon vorstellen.
FM5: Obwohl ihr sagt, dass man sich die Geschichte gut vorstellen kann, lässt sich doch nicht von einer alltäglichen Situation sprechen…
M: Ja, hoffentlich nicht
FM5: … Der Film hat ein schönes Happy End. Gibt es das im wahren Leben? Auch ihr habt euch bei den Dreharbeiten näher kennen gelernt und verliebt. Glaubt ihr, dass sich mit eurer Beziehung ab dem Happy End auch ein Film lassen machen würde?
M: Nein. Also ich denke im Film ist alles so perfekt. Zuerst diese Seite und dann diese Seite und dann eben das Happy End. Auch Beziehungen sind sicher nicht so, wie es im Film dargestellt wird. Ein Film aus dem normalen Leben wäre wahrscheinlich ziemlich schnell ziemlich langweilig. Für dich selbst ist es aber nicht langweilig, aber für die Menschen, die nicht dabei sind. Sich zwei Stunden unsere Beziehung anzuschauen, wäre wahrscheinlich nicht so der Hit. Außer spezielle Tage vielleicht. Man könnte vielleicht eine Dokumentation über uns in Wien zeigen.
A: Man kann keine Geschichte daraus machen. Naja, vielleicht gäbe es schon manche Sachen, die filmreif sind, die alle sehen wollen.
Muriel lacht laut
FM5: Im Film sagst du „ohne kiffen könnte ich nicht mehr leben“. Kannst du ohne Kiffen leben?
M: Sag jetzt nichts Falsches!
A: Ich glaube, das müsste schon gehen.
FM5: Und glaubst du, dass es 14jährige gibt, die diesen Satz sagen und ihn auch ernst meinen?
A: Also wenn man sich heute umsieht, glaub ich das schon. Das sagt schnell einmal einer.
M: Dass er es wirklich glaubt, eher nicht.
FM5: Glaubt ihr, dass Drogen eine Hilfe sind, etwas Außeralltägliches zu erleben, so wie es in Filmen dargestellt wird?
M: Also ich würde nie kiffen, wenn die Welt um mich zusammenbrechen würde. Am nächsten Tag merkst du dann, dass es nicht besser ist und super, was machst du dann? Mit dem Alkohol dröhnst du dich halt zu, aber am nächsten Tag ist das Problem immer noch da. Ich denke wenn du aggressiv bist und wenn du einen Joint rauchst, kommst du vielleicht eher auf eine Ebene runter und kannst besser darüber nachdenken.
A: Du kannst vielleicht einfach mal schnell abschalten, aber die Probleme gehen damit nicht weg. Machen sollte man es nicht.
FM5: Habt ihr mit „Little Girl Blue“ einen Traum von euch umgesetzt? Beim Festival hat Muriel nach dem Film in der Diskussionsrunde sehr schön gesagt, dass sie sich die Einzigartigkeit dieses Erlebnisses unbedingt bewahren möchte und sich auch darum keinen weiteren Kinofilm vorstellen kann. Wie seht ihr das heute?
M: Ich bin dort (zum Set, anm. FM5) hingekommen und habe megaviele Erlebnisse gehabt, die mich in meiner Persönlichkeit weitergebracht haben. Es ist einfach ein spezielles Gefühl und es geben dir alle das Gefühl, dass du etwas Spezielles bist. Du versuchst einfach es besser zu machen. Du kommst voll in das Feeling hinein. Am ersten Mai (2002, anm. FM5) war ich endgültig die Sandra und bis Mitte, Ende August war ich in dem Filmzeug drinnen und es war schon schwierig dort loszukommen. Auch sich von den Leuten zu trennen, war schon sehr schwer. Ich habe nie davon geträumt einen Film zu machen, aber jetzt möchte ich das Erlebnis nicht mehr hergeben. Nicht dass er ins Kino gekommen ist, sondern das Erlebte am Set.
A: Die Zeit habe ich megagut gefunden. Traum? Am Anfang habe ich schon Freude gehabt dass ich dabei sein darf. Aber ein Riesentraum, dass ich einen Film drehen möchte, war nicht da.
FM5: Was waren so besondere Erlebnisse, die mit dem Film verbunden waren?
M: Also speziell war die Kleider einzukaufen, bis auf die Socken war alles vom Film. Die Wohnung war toll. Du bist zum Set gekommen und es war so eine kleine Filmwelt. Alles hat gepasst. Die Menschen sind normal gekleidet gekommen und dann sind sie voll „verchickt“, also die die es mussten, herausgekommen. Was man mit Schminke alles machen kann, ist schon unglaublich. Das alles zu beobachten war sehr schön.
A: Ich hatte zum Beispiel ein Pünktchen am Auge und musste zum Arzt und Salben holen. Auch die Haare mussten ganz genau geschnitten werden. Es wurde einfach alles gestaltet.
FM5: Bist du spontan?
A: Ja, schon.
FM5: Zum Beispiel?
A: Hier in Wien, alles was wir in Wien machen. Wenn ich Zeit habe. Also unter der Woche eher nicht. Mein erstes Lehrjahr ist auch ziemlich stressig. Da war ich in der Schule natürlich noch spontaner.
M: Ich bin ein sehr spontaner Mensch. Wenn ich eine Idee im Kopf habe, dann ist es so, dass ich das Ziel möglichst schnell erreichen möchte. Zum Beispiel, wenn ich in den Sommerferien wegfahren möchte, einfach die Sachen packen und nach Lausanne (Stadt in der Schweiz, anm. FM5) gehen und man weiß nicht wo man schläft, man geht einfach mal. Solche Sachen finde ich mega, aber man wird halt eingeschränkter, wenn man älter wird. Aber man hat auch mehr Möglichkeiten.
FM5: Wovon träumt ihr heute?
M: Ich möchte einfach meinen Weg gehen, Psychologin werden. Möglichst unbeschwert durch das Leben kommen, es genießen und mit den Mitmenschen gut auskommen.
A: Ich möchte nicht bis 65 arbeiten und immer das gleiche gemacht haben.
M: Und reisen.
A: Ja reisen.
M: Neuseeland, Island einfach mit dem Rucksack durch die Länder, das ist schon ein Traum.
FM 5 bedankt sich für das Interview und hofft, dass ihr euch meldet, bevor ihr geht. Ich würde sofort mitgehen. Vielleicht auch jemand von euch da draußen?