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„Da müsste ich ja blind sein!“

2007-06-25 13:11:31

  • 02 Claudia von Werlhof
  • alternativen zur neoliberalen globalisierung

Seit 1987 finden im Rathaus die Wiener Vorlesungen statt. Claudia von Werlhof, Professorin an der Universität Innsbruck, nahm an einer Podiumsdiskussion teil. Vor kurzem wurde ihr Vortrag veröffentlicht.

„Selbstverständlich gibt es eine Alternative zur Plünderung der Erde, zum Krieg und zur Vernichtung der Welt – die ja seltsamerweise wirklich stattfindet. Indem das erkannt wird, beginnt etwas ganz Neues. Das Erste ist, mit der Gewalt aufzuhören, und zwar möglichst noch bevor der Bumerang der Hybris uns allen auf den Kopf gefallen ist.“ Diese metaphernreiche Konklusion konstatiert Claudia von Werlhof in ihrem aktuellen Buch Alternativen zur neoliberalen Globalisierung oder Die Globalisierung des Neoliberalismus und seine Folgen (Picus Verlag). Darin findet sich der im Jahr 2005 abgehaltene Vortrag im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Ferdinand Lacina und Ewald Nowotny (Dallinger-Symposium) der Wiener Vorlesungen, die seit 1987 regelmäßig im Wiener Rathaus stattfinden, wieder. Von Werlhof, Jahrgang 1943, die in Köln und Hamburg Volkswirtschaft und Soziologie studierte und mehrere Lehraufträge im In- und Ausland hat, ist zurzeit Professorin am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck. Im Gespräch mit dem Freien Magazin spricht sie über ihr Buch, den lateinamerikanischen Zustand und über die „andere“ Zivilisation.

FM5: Ihr Buch ist mehr eine Feststellung, also eine Kritik an dem gegenwärtigen Neoliberalismus, als eine Sammlung von Alternativen. Der Titel heißt aber Alternativen zur neoliberalen Globalisierung.

Claudia von Werlhof: Der Titel des Buches ist derjenige der Veranstaltung, die im Rahmen der Buchreihe Wiener Vorlesungen dokumentiert wird. In der Tat kamen die Diskutanten - außer mir Ferdinand Lacina und Ewald Nowotny - wegen großer Meinungsverschiedenheiten nicht wirklich dazu, Alternativen zu besprechen. Ich habe daher im Untertitel des Buches diese Differenz auszugleichen versucht und außerdem den knappen Platz, der zur Verfügung stand, noch für eine kurze Debatte von tatsächlichen Alternativen genutzt.

Sie haben lange in Entwicklungsländern, vor allem in Lateinamerika, gelebt und geforscht und sich 1984 mit einer Arbeit über die Frauen- und Agrarfrage in der Dritten Welt an der Universität Frankfurt in Politikwissenschaft habilitiert: Wie betrachten Sie die aktuelle Lage Lateinamerikas? Die jüngsten politischen Veränderungen durch Hugo Chávez und Evo Morales zum Beispiel?

In Lateinamerika glaubt inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr an die Versprechungen der Politik. Deshalb werden Politiker gewählt, die das anders machen wollen. Ob sie das "von oben" aus allerdings schaffen werden, ist die Frage. Wirkliche Veränderungen kommen "von unten".

Kann man angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Weltlage optimistisch sein?

Optimisten heute sind ignorant oder zynisch. Auf die Dauer werden selbst die Profiteure keine Optimisten mehr sein (können).

Was halten Sie von Aussagen wie "Es war doch alles schon einmal schlimmer..."?

Es ist heute alles "schlimmer", weil es ein weltweiter Prozess ist, der nichts auslässt und inzwischen tatsächlich das Weiterleben auf der Erde bedroht. Das ist neu. Neu ist auch die Effizienz und Geschwindigkeit, mit der heutige Technologien die Zerstörung betreiben (z.B. Motorsäge beim Waldroden). Wahrscheinlich ist vieles bereits irreversibel: Artensterben, Klimaveränderung, Ressourcenknappheit, Verwüstung von Böden, Süßwassermangel, Luftverschmutzung...

Sie schreiben an einer Stelle: "Ich nenne die WTO inzwischen WKO, Weltkriegsordnung, oder auch W k.o. Wie ein Tsunami fegt sie über die Welt,  um dabei alles Verwertbare aus ihr herauszusaugen." Und an anderer Stelle  nennen Sie den Neoliberalismus eine "Apokalypse". Ist das nicht ein bisschen  zu drastisch formuliert?

Die Realität überholt unser Fassungs- und Ausdrucksvermögen um ein Vielfaches. Es kann gar nicht radikal genug gesprochen werden, um
rüberzubringen, was tatsächlich geschieht und dadurch bewirkt wird. Die
Gesellschaft verwandelt sich immer mehr in ein Kriegssystem und die
Apokalypse ist die Enthüllung dieser Wahrheit über unseren Zustand.

Warum hält sich in vielen Köpfen noch dieses Klischee, Österreich sei in jeder Hinsicht eine "Insel der Seligen"? Schließlich hat Geld bzw. der Kapitalfluss, keine (staatlichen) Grenzen.

Österreich ist erst ziemlich spät, 1995, in die EU und damit in die verschärfte Politik des globalen Neoliberalismus eingetreten. Deshalb sind die Effekte zeitlich verschoben. In England begann das schon in den 80er Jahren, im Süden in den 70ern. Deshalb ist der Prozess dort schon "weiter". Aber je länger das geht, desto markanter treten die anti-sozialen Wirkungen auch hier in Erscheinung.

Einmal notieren Sie, dass die Menschen die Chance haben, die "richtigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen": Davon ist bis jetzt gar nichts bemerkbar.

Immer mehr Menschen ziehen Konsequenzen aus dem Geschehen. Allerdings nicht unsere Politiker, denn sie machen ja Konzernpolitik. Bei uns wächst erst einmal das Misstrauen in die Politik, die Leute wählen nicht mehr, sind "politikmüde", d.h. dieser Politik müde, organisieren sich in NGOs oder/und auf lokaler Ebene etc. Man muss in größeren Zeiträumen denken, in time-lags. Irgendwann haben wir dann auch hier so etwas wie lateinamerikanische Verhältnisse.

Sie stellen fest: "Es braucht nichts Geringeres als eine andere Zivilisation - nicht bloß eine andere Ökonomie, Gesellschaft oder Kultur." Wie soll diese "andere" Zivilisation aussehen?

Eine andere Zivilisation hätte genau das Gegenteil der westlichen zu sein: lebens-, frauen-, kinder- und naturfreundlich, ohne Profitmacherei, langfristig ausgerichtet, egalitär organisiert und an der "Verbundenheit alles Seins" orientiert.

Glauben Sie an eine ökonomische Wende, an ein kollektives Umdenken?

Ich glaube gar nichts. Ich beobachte. Eine ökonomische Wende ist spätestens dann und dort unumgänglich, wenn und wo die Ressourcen der Erde an ihre Grenzen stoßen - Öl, Süßwasser, Wälder. Eine endliche Welt verträgt kein unendliches Wachstum. Es wäre daher besser, man würde vor diesem point of no return zur Besinnung kommen. Viele Menschen auf der Welt sind ja längst in der Katastrophe gelandet und sterben - ob sie nun umdenken oder nicht. Andere haben bereits umgedacht und handeln danach, z.B. viele Kleinbauern, die aufhören, für den Weltmarkt, also uns, zu produzieren, und statt dessen wieder Selbstversorger, Subsistenzproduzenten, werden - wie die Bauern, mit denen ich bereits in den 70er Jahren in Venezuela gearbeitet habe. Die Frage insgesamt ist: Was tun Menschen, die weder Produktionsmittel noch Arbeitsplätze bzw. ausreichende Geldeinkommen haben? Die glauben der Politik sicher nicht mehr.

Ist ein Krieg um die letzten Öl- und/oder Wasserreserven unausweichlich?

Der Krieg um Öl und Wasser hat ja längst begonnen: Siehe Irak, Afghanistan, Balkan, Sudan, Kurdistan. Fast alle neuen Kriege und Geopolitiken sind längst Ressourcen-Kriege geworden.

Vertrauen Sie der Politik noch?

Wieso sollte ich der Politik vertrauen, wenn sie Konzernpolitik ist? Da müsste ich ja lebensmüde oder blind sein.

Kann man dem "Nihilismus der neoliberalen Wirtschaft", wie Sie das bezeichnen, überhaupt entgegenwirken?


Natürlich kann man und frau sich anders verhalten, als das von oben gewünscht wird. Ich muss nicht an den ganzen Schwindel glauben. Ich kann versuchen, ein anständiger Mensch zu bleiben. Ich kann mich mit Leuten zusammentun, anstatt mit ihnen zu konkurrieren. Ich kann meine Kraft für andere Zwecke einsetzen und dem neoliberale Projekt entziehen. Ich kann Konsumboykotte organisieren. Ich kann mich mit anderen zusammen gegen die Privatisierung, sprich Enteignung meiner Lebensräume wehren. Ich kann meine Kinder entsprechend erziehen und ein anderes Verhältnis zur Natur einüben. Und ich kann Aufklärungsarbeit leisten, wie ich es mit meinem Büchlein versuche.

Das Buch Alternativen zur neoliberalen Globalisierung oder Die Globalisierung des Neoliberalismus und seine Folgen ist im Wiener Picus Verlag erschienen.

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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