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„Österreich spielt keine Rolle“

2007-10-16 09:52:02

  • 02 Darum nerven Österreicher

Der in Berlin lebende österreichische Schriftsteller Walter Lendl kennt die eigentümlichen Gepflogenheiten seiner Landsmänner mehr als gut. Was ihn zum Verfassen eines Buches veranlasste: „Darum nerven Österreicher.“ Vorsicht, Nestbeschmutzung!

AEIOU. „Am End' is' ois umasunst.” Komisches Land, dieses Österreich. Auch der in Berlin lebende, in der Oststeiermark geborene Schriftsteller Walter Lendl, Jahrgang 1960, ist sich dessen bewusst. So schrieb er ein Buch mit dem harten, aber fairen Titel Darum nerven Österreicher, das im Frankfurter Eichborn Verlag erschienen ist – zur Beruhigung der österreichischen Gemüter: Dieses Werk erscheint in einer losen Reihe, zu dessen Vorgänger die zwei Lektüren Darum nerven Japaner (Christoph Neumann) und Deutsche Unsitten (Martin Hecht) zählen. Aber wie war das noch mal mit den Klischees, die sich am Ende doch bestätigen lassen? „Wirklich zum Wahnsinn treiben können einen allerdings die Ösi-Künstler, die grundsätzlich nichts tun, wenn sie keine Subventionen bekommen“, schreibt Lendl in seinem bahnbrechenden, zurecht ironischen Pamphlet. Gewiss, US-Amerikaner werden trotzdem weiterhin denken, dass Kängurus auf österreichischen Landstrichen herumhüpfen. Sei's drum! Das Freie Magazin sprach mit Lendl über sein unschickes Heimatland, seine trendy neue Wohngegend und den typischen Österreicher.

FM5: Sie schreiben: „Offenbar vertrauen die Österreicher ihrem eigenen Urteil nicht. Sie erkennen Leistungen ihrer Landsleute erst dann an, wenn diese im Ausland ihren Weg gemacht haben.“ Fürchten Sie sich als in Berlin lebender Exilant jetzt nicht auch vor diesem Schicksal?

Waltere Lendl: Und wie! Aber als geborener – und gelernter – Österreicher weiß ich Mittel und Wege, der Repatriierung zu entgehen.

Was macht für Sie den typischen Österreicher aus?

Eine gewisse Gelassenheit, man könnte es auch Beharrungsvermögen nennen, die Fähigkeit, sich durchzuschwindeln und das kulturelle Erbe, das sich beim besten Willen nicht verleugnen lässt – wie auch immer es sich äußern mag. Auf den Untertanengeist des Ösis kann man sich jedenfalls verlassen.

Gerade in der Hauptstadt, also in der Metropole, lässt sich das progressive Moment einer Gesellschaft gut messen. Wien hat hier im Vergleich zu Berlin, wo Sie wohnen, den Ruf einer alten, langsamen, konservativen Stadt – während Berlin als trendy, offen und total kreativ gilt. Können Sie diese Eindrücke bestätigen?

Die Gegend, in der ich hier wohne, ist so trendy, dass man den neuesten Hype versäumt hat, wenn man erst mittags aufsteht. Und man muss echt aufpassen, nicht alle paar Meter über einen Nachwuchskünstler zu stolpern, denn bekanntlich sind Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg die Bezirke mit der höchsten Kinderwagendichte in ganz Europa. Da kommt also noch einiges auf uns zu. Aber Spaß beiseite: Wer jung ist und was erleben will, soll den Nachtzug nehmen und sich einfach mal umsehen. Kostet nicht viel und ist lehrreich – in jeglicher Hinsicht.

Warum sind Sie nach Deutschland gezogen? War wirklich Jörg Haider schuld?

Die Regierungsbeteiligung der FPÖ war sicher mit ein ausschlaggebendes Moment für die Entscheidung, nach Berlin zu gehen. Schließlich habe ich monatelang an den Demonstrationen gegen die Schwarz-Blaue Regierung teilgenommen und einen politischen Salon (mit-)gegründet, um den Widerstand der Wiener Kulturschaffenden inhaltlich zu unterfüttern. Aber nicht der einzige. Ich hatte ein ganz gutes Jobangebot (von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) und einige Freunde, die sich über mein Kommen gefreut haben.

Was gefällt Ihnen in der neuen Heimat besser als in Ihrer alten?

Schwer zu sagen, was meine Heimat ist. Ich war ja vor meiner Zeit in Wien schon einige Jahre in Frankfurt/Main und stamme eigentlich aus der Oststeiermark. Aber kurz gesagt ist es einfacher, mit Deutschen Geschäfte zu machen, weil man sie beim Wort nehmen kann und weil sie besser zahlen als die Österreicher. Und man trifft in Berlin Leute aus aller Herren (Bundes-)Länder, aber (fast) keine Berliner – über die man auch ein dickes Buch mit ihren nervenden Eigenschaften schreiben könnte.

Welchen Status genießt Österreich bzw. Wien zurzeit in Berlin?

Diese Frage lässt sich am besten so beantworten: Österreich spielt keine Rolle, es kommt einfach gar nicht vor.

Ist es amüsanter, in Berlin „österreichisch“ zu hören als in Wien „deutsch“ Gesprochenes?

Ich gestehe, dass mir der österreichische Dialekt (vor allem aus der Entfernung) angenehmer im Ohr liegt als der Berline.

Warum war es Ihnen ein Anliegen, ein Buch über die „nervigen“ Gepflogenheiten der Österreicher zu schreiben?

Erst aus der Entfernung lernt man zu differenzieren. Es ist ganz hilfreich, das allgemeine Unwohlsein auf seine Ursachen hin zu untersuchen und sich zu überlegen, was man dagegen unternehmen könnte. Weder die Verhältnisse noch die schlechten Gewohnheiten müssen in alle Ewigkeit so bleiben, wie sie sind, oder?

Was raten Sie einem interessierten, weltoffenen Jugendlichen, der die Nase voll vom „Land der trüben Gesichter“ (Daniel Glattauer) hat?

Wegzugehen, auf jeden Fall für ein paar Monate. Heutzutage ist es ja viel einfacher, wo anders zu studieren oder zu arbeiten oder einfach für längere Zeit zu verreisen als früher, als man kaum Geld hatte, die Flüge unerschwinglich waren und Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen den Fremden einschüchterten.

Haben Sie vor, wieder in Ihr Geburtsland zu ziehen?

Vorerst nicht, aber wer weiß.

Darf man nach Veröffentlichung Ihres Buches überhaupt noch in diesem „Schnitzelland“ leben bzw. auf irgendetwas stolz sein? Wirkt doch sehr peinlich…

Jede und jeder muss seine bzw. ihre Identität selbst definieren, sonst kriegt er eine aufgesetzt. Und das will zumindest kein junger Mensch, oder etwa doch? Ich glaube, es gibt genug Gründe, stolz darauf zu sein, dass man Österreicher ist. Bisweilen kommt es einem hier in Deutschland so vor, als würden sich die Einheimischen bemühen, die Ösis als Quengler vom Dienst zu überholen. Es war ja nicht meine Absicht, meine Heimat anzuschwärzen, zu verdammen und alle Österreicher als Hinterwäldler darzustellen. Aber sich hier und da mal an der Nase zu fassen und in den Spiegel zu gucken, hat noch niemandem geschadet. Und das Hauptproblem hier in Deutschland ist einfach, dass die Leute gar nix über unsere Heimat wissen. In Wirklichkeit habe ich also ein Aufklärungsbuch geschrieben, das beim Schenkelschlagen zum Nachdenken anregt (aber bitte nicht weitersagen!)

Glauben Sie, dass viele betrunkenen Österreicher die ursprüngliche (Sprach-)Quelle des Wortes „Tschecherant“ wissen?

Bestimmt nicht. Aber was spielt das für eine Rolle? Kaum jemand wird ein sprachwissenschaftliches Werk lesen, aber manch einer vielleicht dieser eher unterhaltsame Buch. Und wenn es dann auch noch ein klein bißchen lehrreich ist, sind doch alle zufrieden, oder?

Sind Österreich-Flüchtlinge – die natürlich freiwillig das Land verlassen   cool?

Das muss jeder selber wissen. Wie schon gesagt: Am besten ausprobieren und schauen, wie es sich anfühlt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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