Der 2004 verliehene Nobelpreis für Literatur setzte die ausgezeichnete Autorin weltweit medial in Szene, gab der "Nestbeschmutzerin" als "unserer Elfi" gleichsam die verlorene Unschuld wieder und veranlasste Elfriede Jelinek dazu, sich zu zieren... Inwieweit sich allerdings die symbolische Wertschätzung der Autorin tatsächlich geändert hat, lässt sich, auch mehr als ein Jahr nach der Verleihung des Nobelpreises an Elfriede Jelinek, nicht genau feststellen. Pia Janke von der Universität Wien und Initiatorin des Elfriede Jelinek Forschungszentrums im Gespräch über den Nobelpreis als Medienphänomen und seine symbolische Bedeutung für Elfriede Jelinek
Pia Janke von der Universität Wien und Initiatorin des Elfriede Jelinek Forschungszentrums im Gespräch
Der von Ihnen herausgegebene, im Praesens Verlag erschienene Band „Literaturnobelpreis Elfriede Jelinek“ wurde am zehnten Dezember des vergangenen Jahres präsentiert: An jenem Tag also, an dem traditionellerweise der Nobelpreis verliehen wird.
Ja, die Präsentation war auf den Tag genau ein Jahr nach der offiziellen Verleihung des Nobelpreises an Elfriede Jelinek. Für die Konzeption unseres Buches haben wir uns an den zentralen Daten der Ereignisse festgehalten: da war der siebte Oktober 2004, die Verkündigung des Nobelpreises, dann der siebte Dezember, die Nobelvorlesung, bei der Jelinek nicht anwesend war, sondern per Video eingespielt wurde, dann der zehnte Dezember, die offizielle Nobelpreisverleihung, und der siebzehnte Dezember, die persönliche Überreichung des Nobelpreises in Wien. Zwischen diesen Eckdaten hat sich das Geschehen abgespielt, vor allem die mediale Berichterstattung.
...die in Ihrem Band ja ausführlich dokumentiert wird. Ich könnte mir vorstellen, dass es sehr, sehr viel Arbeit war, diesen zu konzipieren – d.h. alle Pressemeldungen, Reportagen, Berichte, Portraits, Kommentare, usw. zu sammeln, zu sichten, gegebenenfalls zu übersetzen, zusammenzufassen, zu kommentieren und schließlich übersichtlich anzuordnen.
Ja, es war sehr, sehr viel Arbeit, weil die ganze Welt berichtet hat. Dieser Nobelpreis ist ja auch als Medienphänomen zu beschreiben – mit allen Merkmalen eines medial aufbereiteten Events. Wir haben weltweit recherchiert, vor allem in Zusammenarbeit mit den österreichischen Kulturforen und Botschaften im Ausland, um das Zeitungsmaterial dokumentieren zu können. Es waren auch Länder wie China, Indien, Amerika und Länder im arabischen und afrikanischen Raum, die berichtet haben. Aufschlussreich an der Berichterstattung ist, wie unterschiedlich in den einzelnen Ländern berichtet wurde, was kulturell, politisch für bestimmte Länder interessant war an dem Phänomen. Das ist ein wesentlicher Aspekt, der im Buch dokumentiert wird: die weltweiten Rezeptionsformen und welche Schwerpunkte gesehen wurden.
In Ihrer Einleitung schreiben Sie auch, dass die im Buch dokumentierten Beiträge vor allem Aussagen über die Kommentatoren selbst und über ihr Verhältnis zur Autorin leisten...
Das auszustellen, war natürlich der Hintergedanke. Die Grundlage des Buches ist jedoch Philologie. Es war eine philologische Arbeit, das Buch ist eine Bibliographie, aber darüber hinaus ging es darum, die Berichte inhaltlich aufzuschlüsseln und Dinge bewusst zu machen. Dieses Buch ist zugleich ein Lesebuch – d.h. es gibt Ausschnitte aus den Berichten, und durch diese Ausschnitte werden die Reaktionen unmittelbar einsehbar. Wir wollten das gesamte Spektrum zeigen – es sollte jeder geographische Raum vorkommen. Auf diese Weise werden Phänomene ersichtlich wie z.B. dass Jelinek im früheren Ostblock verdammt wurde, weil sie Kommunistin war. Aber auch in Amerika wurde sie verdammt, weil sie „Bambiland“ geschrieben hat, ein Stück gegen den Irakkrieg – und genau für dieses Stück wurde sie wiederum im arabischen Raum gelobt. Diese Mechanismen wollten wir ausstellen und darauf aufmerksam machen, dass mit Jelinek immer auch Österreich bewertet wurde bzw. dass Klischees transportiert wurden, die man mit Österreich verbindet.
Ist diese „medial gesteuerte Dramaturgie von Überraschungscoups, Entspannungsphasen, dynamisierenden Momenten, erneuten Höhepunkten und endgültigem Spannungsabfall“, die Sie konstatiert haben, Ihrer Meinung nach typisch für die mediale Repräsentation der Autorin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, oder spielt sich das alle Jahre wieder bei jeder Preisträgerin/ bei jedem Preisträger ab?
Ich glaube, es kommen hier zwei Sachen zusammen: Die mediale Aufbereitung von solchen Ereignissen ist typisch für unsere heutige Zeit. Dieses Arbeiten mit Zuspitzungen, mit Vergrößerungen, mit Vereinfachungen, mit Skandalisierungen ist aber auch ein typisches Phänomen, das mit Jelinek in den letzten Jahren immer wieder stattgefunden hat. Es sind also zwei Phänomene aufeinandergetroffen und haben einander potenziert. Ich glaube, dass die Nobelpreisereignisse nur Dinge verstärkt haben, die es in Zusammenhang mit Jelinek schon immer gegeben hat. Eine große Frage wird jedoch sein: was hat dieser Nobelpreis wirklich, also langfristig gesehen, für Auswirkungen auf die Rezeption Jelineks? Oder war das alles nur eine punktuelle mediale Erscheinung, die sich sozusagen in sich selbst erfüllt und dann innerhalb kürzester Zeit wieder verschwunden ist.
Der „Überraschungscoup“ ist also geglückt...
Der ist fulminant geglückt. Und in Österreich hat es sogleich den Versuch gegeben, Jelinek als „eine von uns“ darzustellen. Es hat die skurrilsten Dinge gegeben, angedachte Gedenktafeln, eine geplante Sonderbriefmarke, Geschichten aus ihrer Jugend und Kindheit. Wer wurde nicht aller ausfindig gemacht, der erzählen konnte, wie die kleine Elfi damals war! Das alles hat jedoch schlagartig aufgehört. Jelinek hat sich dann auch selbst sehr zurückgezogen, hat kaum noch Interviews gegeben und ist auch jetzt nicht mehr persönlich öffentlich präsent. Das ist sicher eine Strategie von ihr, sich zu schützen.
Von der „Nestbeschmutzerin“ zu „unserer – nobel gekürten – Elfi“: Oberflächlich betrachtet könnte man sagen, das medial kolportierte Bild von Elfriede Jelinek habe sich grundlegend geändert.
Ich glaube, dass das nicht stimmt. Man muss zwischen der unmittelbaren Zeit nach der Nobelpreisbekanntgabe – Oktober bis Dezember 2005, eventuell noch bis Frühjahr 2005 – und der Zeit jetzt unterscheiden. Man sieht einen eklatanten Gegensatz. Die unmittelbare Reaktion in Österreich in den Tagen nach der Verkündigung war eine an Hysterie grenzende Euphorie. Man wusste nicht, wie man damit umgehen soll: die, die man ständig beschimpft hatte, war plötzlich Nobelpreisträgerin. Man hat sich sofort an sie angeklammert, wollte teilhaben und Teil sein dieses großen Ereignisses und hat seine eigene frühere Position völlig verkehrt oder verleugnet. Eine Zeitlang hat es ein Sich-Dranhängen, ein Sich-Selbst-Lancieren, ein Sich-Selbst-in-Szene-Setzen mit ihr gegeben – es war ja auch unheimlich theatralisch, was alles stattgefunden hat –, dann ist das aber abgeflaut. Nachwirkungen waren, dass man Aufführungen ihrer Stücke und Neuerscheinungen vorgezogen hat. Wenn man aber die jetzige Situation betrachtet, sieht man, dass sie der Situation davor sehr ähnlich ist. Die Aura der Nobelpreisträgerin wird ewig an Jelinek haften, sie wird ewig herausgehoben sein aus den österreichischen Schriftstellern – wobei Jelinek immer schon herausgehoben war. Aber die öffentliche Bewertung hat sich nicht wesentlich geändert. Die Fronten haben sich nicht wirklich verschoben, und es gibt auch, denke ich, kein größeres öffentliches Interesse an ihrem Werk. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung hat sich einiges getan, obwohl auch vorher schon viel über Jelinek gearbeitet wurde. Das Einzige, das sich verändert hat, ist die internationale Auseinandersetzung mit Jelinek. Das ist noch genauer zu untersuchen, jetzt, in den nächsten Monaten, in den nächsten Jahren.
In diesem Sinne wäre es wohl angebrachter zu sagen, das Bild, das sich die Welt von Elfriede Jelinek macht, habe sich verändert oder sei im Begriff, sich zu ändern...
Es hat schon davor sehr viele Übersetzungen gegeben, aber jetzt gibt es wirklich einen Schub, auch im außereuropäischen Raum. Ein großes Projekt ist etwa die Übersetzung der gesammelten Werke von Elfriede Jelinek ins Chinesische. Es gibt Übersetzungen auf Hindi, auf Koreanisch. Wir sind gerade dabei, das alles zu recherchieren. Zu fragen ist, ob sich diese Rezeption nur im akademischen Bereich abspielt oder ob Jelinek auch eine von einem internationalen Publikum rezipierte Autorin wird. Die Texte sind sehr schwierig zu übersetzen – Jelinek ist eine überaus sprachbezogene Autorin. Das ist für mich die interessanteste Frage: ob jetzt eine neue internationale Bewertung Jelineks stattfindet und man davon wegkommt zu sagen, dass Jelinek eine Autorin ist, die sich nur mit Österreich beschäftigt.
Betrachteten Sie die Entscheidung der Schwedischen Akademie, Elfriede Jelinek 2004 den Literaturnobelpreis zu verleihen, als „Überraschungscoup“?
Für mich war es sehr überraschend. Vor allem deswegen, weil wir drei Tage vor der Nobelpreisbekanntgabe das „Werkverzeichnis Elfriede Jelinek“ [Verzeichnis sämtlicher Publikationen von und zu Elfriede Jelinek Anm. ES] fertig hatten. Die Präsentation des Werkverzeichnisses war für den 10.12. fixiert und zwei Tage nach meiner Fixierung wurde bekannt gegeben, dass am 10.12. der Nobelpreis an Elfriede Jelinek überreicht werden wird. Aber wenn man Jelineks Sprachqualität bedenkt und auch die internationale Rezeption, die es schon davor gegeben hat, in Betracht zieht, war der Nobelpreis nicht wirklich überraschend.
„Ehrungen entehren“ – sagte Flaubert. Gilt das auch für Elfriede Jelinek? Ihre Erschütterung über den Nobelpreis ist ja – als Exposition der medialen Inszenierung – oft zitiert und ausführlich kommentiert worden....
All die Ereignisse und Auswirkungen waren sicher auch eine Bedrohung für sie, weil das Schreiben ja etwas sehr Persönliches und Zurückgezogenes ist. Aber jeder Schriftsteller, der in die Öffentlichkeit geht, muss mit so etwas rechnen. Und Jelinek hat auch sehr bewusst in dieser Zeit eine Unzahl von Interviews gegeben. Ein interessantes mediales Phänomen war ihre Nobelpreisrede, die sie nicht persönlich gehalten hat [in Stockholm Anm. ES], die aber per Video eingespielt wurde. Durch die Video-Einspielung wurde Jelinek um ein Vielfaches vergrößert und ihre Anwesenheit war eine übergroß-simulierte. Das ist ein Phänomen, das für Jelinek bezeichnend ist, sie greift ja immer wieder zu dieser Auftrittsform: mit Hilfe von Einspielungen anwesend und zugleich abwesend zu sein.
Über Elfriede Jelineks Nobelvorlesung „Im Abseits“ selbst wurde allerdings verhältnismäßig wenig berichtet...
Die Rede selbst, also das, was Jelinek ausmacht, nämliche ihre Spracharbeit, ihre Literatur, wurde kaum rezipiert. Es gab nur ein paar Zeitungsberichte. Ich kenne auch keine größeren wissenschaftlichen Abhandlungen darüber. Ich glaube jedoch, dass die Rede ein Grundsatztext für Jelinek ist, ein Grundsatztext über ihr Schreiben, über ihre Arbeit als Schriftstellerin und auch über ihre Existenz als Schriftstellerin. Es war interessant, dass Jelinek genau dieses Thema für diese Rede gewählt hat und dass sie nicht – wie man erwartet hatte – gegen Österreich angeredet oder ein politisches Statement abgegeben hat. Diese Rede hat mit der Begründung der Schwedischen Akademie für den Nobelpreis korrespondiert. Diese Begründung hat sich ausschließlich auf Jelineks Spracharbeit bezogen. Und auch das Verhältnis von Schreiben und Wirklichkeit war ein großes Thema dieser Nobelvorlesung.
Danke für das Gespräch.
Literaturnobelpreis Elfriede Jelinke. Hg. Janke, Pia unter Mitarbeit von: Clar, Peter; Huber, Ute; Kaplan, Stefan; Kepplinger, Christoph; Schenkermayr, Christian. Wien: Praesens. 2005. ISBN 3-7069-0314-8.
neu im Jänner erschienene Biographie über Elfriede Jelinek:
Mayer, Verena und Koberg, Roland: Elfriede Jelinek. Reinbek: Rowohlt. 2006.