Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

fokus

Österreichische Medien 1968

2008-10-28 11:32:51

  • 1986 revolution

Österreichs Medienlandschaft 1968 mit besonderem Fokus auf die damalige Berichterstattung über die Studentenaufstände.

"Der Boulevard war mit 'Kronen Zeitung' und 'Express' hart umkämpft, wobei dieser Kampf sehr selten zu direkten Konfrontationen geführt hat. Der 'Kurier' versuchte schon in den 60er Jahren den schwierigen Spagat zwischen Boulevard und Qualitätszeitung, die 'Presse' war konsequent konservativ. Ein eminent wichtiger Sektor im Bereich der Printmedien existierten 30 Jahre später praktisch nicht mehr: die Parteizeitungen. 1953 stammte noch fast die Hälfte der Tageszeitungs-Gesamtauflage aus diesem Bereich, 1966 lag der Anteil der Parteiblätter nur mehr bei 27 Prozent.
Österreichs größtes Nachrichtenmagazin im Jahr 1968 wurde in Hamburg gedruckt: Mit 37.000 verkauften Exemplaren war der 'Spiegel' die klare Nummer 1 in Österreich. 'Profil' wurde erst Anfang der 70er Jahre gegründet, die Furche oder die 'Wochenpresse' kamen nicht an die Verkaufszahlen des 'Spiegel' heran
" (Ebner, 1998, S.88f.)

"Neuer" ORF

Aufgrund eines Volksbegehrens, initiiert durch Hugo Portisch (Kurier), Kleine Zeitung und Wochenpresse, konnte sich der ORF etwas von den Parteien lösen und gewann immer mehr Bedeutung im Mediensektor. So war er sogar für die größte Demonstration seit dem Ausschluss rund um Karl Schranz, als er in Sapporo nicht an den Start gehen durfte, verantwortlich.
Auch auf den Kulturauftrag wurde 1968 noch geachtet und so konnte man im Hauptabendprogramm Konzerte der Wiener Philharmoniker sehen, danach ernsthafte Diskussionen. Mit Ausnahme von der Krone, die jede Gelegenheit nutzte den ORF zu diffamieren, konnte sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Medienwelt großer Beliebtheit freuen. 1967 kam es zur Gründung von Ö3.

Österreich darf nicht in den Spiegel sehen


Obwohl der Spiegel sich in Österreich großer Beliebtheit erfreute, wurde von der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit der Verkauf in Trafiken für drei Monate untersagt – weil bei einer Filmkritik ein Bild von Schauspielerinnen mit nackten Brüsten zu sehen war und die Kritik selbst als skandalös empfunden worden war. Doch das war kein Einzelfall: Auch andere deutsche Medien (Quick, Twen u.a.) waren öfter von Beschlagnahmen betroffen. Als Resultat unterwarf sich Twen einer österreichischen Vorzensur; Stern und Bunte veröffentlichten eigene Österreich Ausgaben. Woraufhin die Krone Pressefreiheit forderte: "Wir fordern den Herrn Innenminister hiermit auf, die über den 'Spiegel' verhängte Zensurmaßnahme sofort aufzuheben. Nur so kann diesem eklatanten Bruch unserer Pressefreiheit begegnet werden. Und die Öffentlichkeit klären wir hiermit auf, daß der 'Spiegel' trotz Verbreitunsbeschränkung auf Verlangen in Buchhandlungen verkauft werden darf. Macht von dieser Möglichkeit demonstrativ Gebrauch! Maulkörbe sind selbst bei Hunden problematisch, das freie Wort dürfen sie in einem freien Land niemals beeinträchtigen! Geben sie Pressefreiheit, Herr Minister!" (Krone, 8.5. 1968).

Aufgrund der heftigen Reaktionen seitens der Medien - aber auch Politikern - war der Spiegel ab Pfingsten 1968 wieder normal erhältlich.

Der Wurschtl macht eine Zeitung

Das Neue FORVM, herausgegeben von Günter Nenning, der damals noch der SPÖ angehörte, war 1968 wohl das international bedeutendste Printmedium in Österreich. Nenning wollte die Zeitung zu einer Diskussionsplattform zwischen Christentum und Marxismus machen. Gleichzeitig wurden hier auch viele philosophische Aufsätze publiziert. Als sich Nenning dann 1968 immer wieder auf die Seite der Studenten schlug und den Kampf der VSStÖ gegen die Parteispitze unterstützte, wurde er von der SPÖ von Auftritten bei Parteiveranstaltungen ausgeschlossen. Außerdem gab es bedrohliche Inseratssperren aus parteinahen Institutionen. Viele verließen das FORVM Komitee und auch Kreisky beschuldigte Nenning der kommunistischen Propaganda und nannte ihn einen "Wurschtl", um ihn mundtot zu machen. Dabei war kein einziger Kommunist unter den 36 Redakteuren der Zeitung. Woraufhin Nenning Klage einreichte. Obwohl ihm die SPÖ das Leben schwer machte, konnte Nenning das FORVM weiter erhalten und sogar Anton Pelinka und Trautl Brandstaller als Journalisten für seine Zeitung gewinnen; In das Komitee der Neuen Linken wurde ausgerechnet Kreiskys Sohn Peter eingeladen. Dort herrschte auch ein breites Spektrum an politischen Meinungen.

Katholische Presse

Die Probleme der christlichen Kirche ging auch an der katholischen Medienlandschaft nicht spurlos vorbei. "Die Jahre 1967 bis 1969 sind voll von Auseinandersetzungen über den Kurs der katholischen Presse. Um die Bilanz über die Entwicklung vorwegzunehmen: In dieser Zeit wurde der progressive Elan ganz schön zurechtgestutzt, die Verantwortlichen in den katholischen Verlagen, die wohl nicht ohne Wissen und Billigung der Kirchenführung gehandelt haben, griffen massiv in die redaktionelle Gestaltung der Zeitschriften ein, viele Blätter wurden eingestellt oder zwangsfusioniert. Die Pressefreiheit im kirchlichen Bereich bestand weitgehend nur auf dem Papier." (Ebner, 1998, S.113.)

Ausgenommen von diesen Einschränkungen war auch das Flaggschiff der katholischen Publizistik nicht: Kurt Skalnik und der Großteil der gesamten Redaktion wurden gekündigt, darunter auch Trautl Brandstaller und Anton Pelinka. Die Furche, die in den 60er Jahren als linkskatholisch oder gar kryptokommunistisch galt, wurde binnen Kurzer Zeit unter Willy Lorenz wieder ein angepasstes Medium, in dem kein kritisches Wort über die Kirche erscheinen durfte.

Geschlechtsverkehr ohne die Pille

Einen Umschwung gab es auch bei der katholischen Jugendpresse. So wurde der Junge Arbeiter für die männliche katholische Arbeiterjugend 1968 aufgrund sinkender Auflagenzahlen - aber auch wegen Diskussionen über Geschlechtsverkehr und die Pille - eingestellt. Ein Kuriosum waren seine Inhalte: Einerseits linkslink und andererseits wurde Spott und Hohn über die Studentenrevolten übergossen. Anstatt mehrerer Jugendzeitschriften planten die zentralen Kirchenstellen und die katholischen Verlage eine neue Zeitschrift: Opal mit einer Auflage von 60.000, Herbert Weißbenberger als Hauptamtlichen Chefredakteur und 4- Farben Druck. Doch die einzelnen Gliederungen sprangen wieder ab und die Auflage wurde um mehr als die Hälfte reduziert. Aus diözesaner Sicht waren zu wenige christliche Themen und somit kein Geld mehr da.

 

___________________

Quellen:
Csoklich Fritz: Massenmedien, in: Weinzierl, Erika (HG): Das neue Österreich, Geschichte der Zweiten Republik, Wien, Styria, 1975
Ebner, Paulus: Die zahme Revolution: ’68 und was davon blieb; Wien: Ueberreutner; 1998
Krone, 8.5. 1968

Printer Icon Creative Commons by-nc-nd - Some rights reserved



AutorInnen

Caroline Kaltenreiner

Caroline Kaltenreiner

...Ich wollte immer eine Prinzessin sein, leider war nur mehr der Part der bösen Hexe frei....

Newsfeed Icon Newsfeed von Caroline Kaltenreiner abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop