In Zeiten zunehmenden Arbeitswahnsinns lässt es sich auch die Wirtschaftsuniversität Wien nicht nehmen einen Kritiker der heutigen Arbeitsgesellschaft zu Wort kommen zu lassen. Das Freie Magazin hat einen Vortrag des Philosophieprofessors und New-Work Vorreiter Frithjof Bergmann besucht
Am Montag, dem 25. April ist es soweit: Frithjof Bergmann, der Prediger für Neue Arbeit, ist ausgezogen, um an jenem Abend die geheiligten Hallen der Wirtschaftsuniversität Wien zu entweihen. Der Vortrag, der eigentlich nur der Auftakt für ein Marathonprogramm ist, das aus anschließender Podiumsdiskussion und ganztägigem Workshop am nächsten Tag besteht, wurde unter anderem von der ÖH WU Wien und der Tageszeitung DER STANDARD organisiert. Einleitende Worte spricht Franz Nahrada, Wiener Oekonux Proponent, der sich auch mit der Idee der globalen Dörfer beschäftigt (siehe Links).
Dann ergreift Bergmann selbst das Wort und beginnt mit angenehmem deutsch-amerikanischen Akzent über seine Ideen zu erzählen.
Der inzwischen 61-Jährige ist Philosophie-Professor an der Universität in Michigan, berät Firmen und Regierungen in aller Welt und verbreitet die frohe Kunde der "New Work" seit über zwanzig Jahren. Nach seiner Ansicht wird die Lohnarbeit in Zukunft immer mehr zurückgehen und der selbstversorgenden Eigenarbeit und Tätigkeiten, die uns Spass machen, weichen. Die Zauberformel ist dabei das "wirklich, wirklich wollen", dessen Drang alle Menschen nachgeben können sollten, um damit zu einer humaneren, fröhlicheren und damit besseren Welt zu gelangen. Weltweit gibt es bereits zahlreiche New Work Centers, die den Menschen bei der Suche nach ihren Begabungen und geeigneten Tätigkeiten helfen sollen.
Eine zentrale Rolle in der Verwirklichung der Bergmann `schen Utopie spielen moderne Technologien, die er anhand drei konkreter Beispiele präsentiert. Die eher unspektakuläre Idee der vertikalen Gärten soll zur Zurückdrängung der Armut beitragen und Eigenversorgung ermöglichen. Bei den Fabrikatoren wird die Phantasie schon auf eine härtere Probe gestellt, immerhin sollen sie es dem/der Einzelnen ermöglichen, selbst komplizierte Sachen, wie Teile für Fernseher oder ganze Autos herzustellen.
Immer neue Overhead-Folien präsentiert er dem ungläubigen Publikum, darunter auch Bilder von Community-Centers die mit einem genial einfachen Verfahren gebaut werden. Über einen riesigen aufgeblasenen Ballon wird Zement gegossen, nach einigen Tagen wird dem Ballon die Luft ausgelassen und übrig bleibt das kuppelförmige Community-Center, das einerseits Treffpunkt andererseits auch "Produktions-Shop" mit Fabrikatoren ist.
Noch sitzen wir jedoch nicht in unserem eigenen Community-Center sondern in der Wirtschaftsuniversität Wien und werden auch prompt von zwei Sicherheitsleuten aus den Träumen über eine schönere Zukunft gerissen, die uns bitten die Fluchtwege freizuhalten. Dabei haben wir im Tempel des Kapitalismus unseren Fluchtweg mit Bergmanns Vortrag schon längst gefunden.
Podiumsdiskussion und Abschied
Bei den anschließenden Podiumsdiskussionen nehmen neben Bergmann der Chef des Arbeitsmarktservice (AMS), Lorenz Fritz - ehemaliger Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christian Schober von der Firma Kapsch und Peter Fleissner von der TU Wien am Podium Platz. Lediglich AMS-Chef Buchinger lässt sich zu keinem langweiligen Aufwärmstatement hinreißen, sondern fühlt sich durch die Gegenwart des Philosophieprofessors Bergmann selbst zu Höherem berufen, und einem abenteuerlichen "Philosophieren" befähigt. Von Hollywood-Filmen angeregt (die er selbst als Quellen ins Feld führt), fühlt er sich und die Menschheit nicht gewappnet für bevorstehende Asteroideneinschläge und Angriffe feindlich gesinnter Außerirdischer (!), sollte sich das Prinzip der Neuen Arbeit durchsetzen. Lediglich ein stärkeres Wirtschaften mit dem damit verbundenen Wirtschaftswachstum könnte diese Herausforderungen bewältigen, und somit das "Überleben der Menschheit" (Zitat Buchinger) sicherstellen. Inmitten des lachenden, schreienden, klatschenden und ungläubigen Publikum beginne ich meine Sachen zu packen. Um nicht im Schlechten von der WU zu scheiden, höre ich mir noch Bergmanns Antwortstatement an, der betont, dass die Neue Arbeit natürlich ein Weiterbestehen der Menschheit nicht garantieren könne, diesen Anspruch aber auch gar nicht habe. Die Tür der Aula schlägt hinter mir zu, ich höre noch Buchinger von "aufgeklärten Missverständnissen" sprechen.
Resümee und Kritik
Irritierend bleibt die Vereinbarkeit der Ideen von Frithjof Bergmann mit den Ansichten weiter Teile der Wirtschaft, die in dem Prinzip Neue Arbeit eine Chance zu erhöhter Produktivität zu sehen scheinen. In diese Kerbe schlägt auch die Kritik von Volker Hildebrandt (siehe Links), der auch mit einigen konkreten New Work Centers abrechnet und ihnen die Zurichtung zu marktkonformen Ich-AGs vorwirft. Bergmann selbst bezeichnet die Ich-AG zwar als totale Abhängigkeit, ein schaler Nachgeschmack von Naivität bleibt jedoch. Wie jede Theorie und Utopie, die sich auf dem Weg zur Umsetzung gemacht hat, bietet die Bewegung für Neue Arbeit zahlreiche Kritikpunkte und Unzulänglichkeiten. Man kann Bergmann und Teilen seiner MitstreiterInnen zwar verkürzte Kapitalismuskritik vorwerfen, die Konzentration auf das Wohl des Menschen und seine Bedürfnisse bei gleichzeitiger Thematisierung der Pathologie des Lohnarbeitssystem machen seine Ansichten jedoch sympathisch, und haben das Potenzial, die Kapitalismus- und Arbeitskritik in weitere Bevölkerungsteile zu tragen.