Freies Magazin FM5

Plattform für Kunst und Jugendkultur

ohne Nav

 

lifestyle

Schwerpunkt: Almanya - Willkommen in Deutschland

"Unser erstes Weihnachten war katastrophal."

2011-04-28 22:15:11

  • schwestern samdereli
  • schwestern samdereli
  • samdereli nesrin
  • Yasemin samdereli
  • schwestern samdereli
  • schwestern samdereli
  • schwestern samdereli

Ein Gespräch mit den Şamdereli-Schwestern über ihren ersten Kinofilm Almanya - Willkommen in Deutschland und die Migrationsthematik.

Die Schwestern Yasemin und Nesrin Şamdereli sind in Deutschland geborene Filmleute mit türkischen Eltern. Diesem Hintergrund verdanken sie ihr Interesse für Migration als Thema im Unterhaltungsfilm. Spät am Nachmittag traf ich sie im Schanigarten des Hotel Triest, um über ihren neuen Film zu sprechen.

Almanya - Willkommen in Deutschland ist eine komödiantische Erzählung von einer türkischen Einwandererfamilie, auf der Suche nach ihrer Identität. In den Film haben beide viel von ihren persönlichen Erlebnissen einfließen lassen.

FM5: Der Film basiert teilweise auf euren eigenen Erfahrungen. Fallen euch da konkrete Beispiele ein, die euch genauso passiert sind wie euren Figuren?

Yasemin Şamdereli: Weihnachten. Unser erstes Weihnachten war ähnlich katastrophal, wie das der Kinder im Film. Wir hatten unsere Mutter dazu genötigt und die hat das eher schlecht als recht hinbekommen. Als wir zur Bescherung hereingekommen sind, waren wir genauso enttäuscht wie die Kinder im Film. Es gibt einige Details, die übereinstimmen, aber vieles ist natürlich erfunden und dramaturgisch zugespitzt.

Cenk ist quasi die dritte Generation. Er ist in Deutschland geboren, seine Eltern sind in Deutschland aufgewachsen. Wieso habt ihr ihn, der ja noch sehr klein ist, als Anstoß für die Geschichte genommen?

Nesrin Şamdereli: Wir haben keine klare Hauptfigur. Die Figur des Cenk war für uns sehr dankbar um diesen Identitätskonflikt - ob man jetzt Deutscher oder Türke ist -  auf eine sehr naive und einfache Art erzählen zu können - eine kindliche Perspektive mit dem Thema umzugehen. Bei Cenk stellte sich dieses Problem der eigenen Zugehörigkeit auf einfachere Weise da, als bei der älteren Canan. Canan hat das Thema zwar auch noch im Kopf, aber da spielt es sich auf einer ganz anderen Ebene ab. Für Cenk wird es in der Schule ein Thema, weil er beim Fußballspielen weder in die deutsche noch in die türkische Mannschaft gewählt wird. Seine kindliche Sicht war für uns ein guter Standpunkt, um diese märchenhafte Erzählung von der Zeit seines Großvaters anzufangen. Dafür war er ein super Träger.

Ein großes Thema des Films ist auch die Sprache. Der kleine Cenk kann kein Türkisch mehr und sein Vater nur noch sehr schlecht. Ihr beide seid in Deutschland geboren. Wie gut ist euer Türkisch?

Nesrin: (lacht) Für die Alltagssprache reicht es, aber alles was mehr ist, ist katastrophal. Wir haben auch schon Interviews auf Türkisch gegeben.
Yasemin: Da sind wir sehr grob. Wir haben überhaupt keine Möglichkeit uns eloquenter auszurücken. Für den Alltag ist es kein Thema, aber sobald man über komplexere Themen redet ,wie die Geschichte, da merkt man plötzlich, das geht gar nicht.
Nesrin: Deutsch ist mittlerweile unsere Muttersprache und mit Türkisch mühen wir uns ganz schön ab.

Ihr verwendet im Film auch Kunstsprache. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, das als Stilmittel zu nutzen?

Nesrin: Wir wollten, dass der Zuschauer ganz subjektiv mit uns dieses Erlebnis des fremden Landes teilt. Uns war klar, dass es ein großes deutsches Publikum geben wird. Es war immer klar, es wird ein deutscher Film. Um den Effekt zu haben, dass man nur ein Sprachwirrwarr hört und nichts versteht, haben wir die Kunstsprache geschaffen. Wir wollten die Einteilung in nur Türkisch und nur Deutsch überwinden. Deshalb mussten die Deutschen dann manchmal eine andere Sprache sprechen. Darum schufen wir mit der Kunstsprache eine dritte Ebene. Das gab es ja auch schon früher einmal im Film. Bei Charlie Chaplin zum Beispiel. Wir haben unser eigenes Kauderwelsch-Deutsch geschaffen.

Die Kauderwelsch-Szenen basieren also auf einem wirklich geschriebenen Text?

Nesrin: Ja das hat auch eine eigene Phonetik, wir haben aufgepasst, dass es sich immer wiederholt, damit es echt klingt. Es war wirklich wie eine richtige Sprache zu bauen.

Eure Geschichte ist sehr verschachtelt, aber die Ferienreise der Familie nach Anatolien ist der zentrale Punkt. Warum überredet das Familienoberhaupt Hüseyin alle dazu in die Türkei zu fliegen?

Nesrin: Die Backstory ist eigentlich, dass er älter ist und krank und das weiß er. Die Familie weiß nichts von seinen Problemen. Wir hatten das einmal stärker in der Geschichte drinnen, aber das fanden wir dann nicht gut, weil wir kein Krankheitsdrama schreiben wollten, bei dem man schon weiß, wie es enden wird. Er spürt, es geht zu Ende. Gleichzeitig nimmt er den deutschen Pass an, was er eigentlich nicht so gerne will, aber er weiß es ist richtig und notwendig und die Zeit ist reif dafür. Aber er hat den Wunsch seinem Enkel die Ursprünge zu zeigen und die Familie noch einmal an den Ort zurückzuführen, wo sie eigentlich herkommt.

Das heißt, er weiß, dass das „Haus“ das er in der Türkei gekauft hat, eigentlich nur eine Ruine ist?

Yasemin: Es ist viel schöner, die Interpretation dem Zuschauer zu überlassen. Mich fragte einmal ein Mädchen, ob Muhammed das Haus zu Ende gebaut hat. Die Frage fand ich sehr schön. Und da sagte ich „Was auch immer du denkst. Wenn du denkst, er hat es zu Ende gebaut, dann hat er das.“ Es gibt schon Sachen, die im Kopf spannender sind. Auf alles eine Antwort zu geben kann sehr unspannend sein.
Nesrin: Wir haben bewusst ein paar Geheimnisse reingetan, über die man selbst nachdenken kann und die wir nicht auflösen werden.

Habt ihr eine Lieblingsfigur?

Yasemin: Ach ich mag sie alle.
Nesrin: Eine Figur, die ich sehr gerne mag, ist Muhammed. Weil er selbst für mich noch Geheimnisse hat. Das fand ich sehr schön.
Yasemin: Ich mag eher die Momente. Also besonders die märchenhaften Sequenzen und die Träume. So wie am Ende, wo wir alle Generationen, die Lebendigen und die Toten in ihren alten und ihren jungen Ichs gemeinsam essen ließen. Das finde ich sehr schön.

Ihr seid Schwestern. Nervt ihr euch gegenseitig, wenn ihr zusammenarbeitet?

Yasemin: Wie alle Menschen nerven auch wir einander. Wenn zwei Menschen zusammenarbeiten, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einander auch mal nerven ziemlich hoch, aber es liegt nicht daran, dass wir Schwestern sind. Wir nerven uns eigentlich erstaunlich wenig.

Durch euren türkischen Hintergrund bekommt ihr wahrscheinlich sehr viele Angebote für Projekte mit Migrationsthematik, oder?

Nesrin: Total. Eine Zeit lang ist es noch so, dass man das Interesse hat und man auch weiß, dass man sich mit seinem zusätzlichen Wissen noch einbringen kann, aber irgendwann ist das nicht mehr so vordergründig. Grade aktuell ist es Gott sei dank auch so, dass man mit anderen Stoffen auf uns zu kommt und nicht nur mit diesem Migrationsding. Manche mögen unsere Erzählart und die Stilistik oder den Humor. Genau wie man es sich gewünscht hat.

Glaubt ihr, dass Filme wie eurer den Menschen dabei helfen offener und entspannter mit dem Thema Migration umzugehen?

Yasemin: Ich glaube schon, dass es hilft einander besser zu verstehe.  Zum Beispiel auch die Sache, dass viele türkische Kinder Angst vor Jesus am Kreuz haben und dass das für die ein totaler Schock ist. Ich glaube es hilft ein bisschen netter zueinander zu werden.



Weitere Artikel des Schwerpunkts

Links


Printer Icon Creative Commons by-nc-nd - Some rights reserved



AutorInnen

Teresa Reiter

Teresa Reiter

Die Wiener sind ein heiterer Menschenschlag von großer Traurigkeit, ein leichtlebiges Volk von schwermütig-depressiver Grundstimmung, sie sind hochbegabt, aber die mitleidlosen Feinde ihrer Begabung, sie fühlen sich nur wohl, wenn sie sich nicht wohl fühlen.

Newsfeed Icon Newsfeed von Teresa Reiter abonnieren



Kein Bock auf Nazis Festival 13.4. Arena


Archiv  | Impressum | AGB | Gewinnspiel | Friends Shop