2008-01-13 15:12:54
Menschen mit Hang zum Weltlichen können sich dementsprechende Magazine kaufen. zenith, die „Zeitschrift für den Orient“, zum Beispiel. Mitgründer Daniel Gerlach im FM5-Gespräch über den Hotspot Orient, Klischees und Reaktionen.
„Wenn die Sonne im zenith steht, werden die Schatten kürzer und die Konturen schärfer. Seit acht Jahren berichtet zenith umfassend, vorausschauend und nachhaltig über Politik, Kultur und Wirtschaft im Orient.“ Es gibt Zeitschriften, deren Promotion-Konzept derart vielversprechend und zusagend ist, dass es für den Kauf solch eines Exemplars gar keiner weiteren Argumente mehr bedarf. Das Hamburger Magazin zenith gehört, wenn man so will, definitiv zu dieser Sorte. Versehen mit dem Untertitel „Zeitschrift für den Orient“ versucht es seit 1999 Bilder und Geschichten aus dieser Region zu liefern – und das mit einer wunderbar abwechslungsreichen und gelungenen Art. Die Zugangsweise: Einerseits tief in den Kern des jeweiligen Themas eindringend, aber andererseits zugleich verspielt und mit der dafür gebotenen, über den Dingen stehenden Herangehensweise, die gerade im Bereich der ernsten Politik-Berichterstattung so fehlt. Daniel Gerlach (30), Jahrgang 1977, studierte Geschichte und Islamwissenschaft in
Hamburg und Paris (Sorbonne), außerdem Fachjournalist und Dokumentarfilmautor in Berlin und seit 1999 Mitgründer und Mitherausgeber der Quartalszeitschrift erklärt im Interview mit dem Freien Magazin, was zenith leisten möchte, was es mit dem Verhältnis Vorurteil-Zeitschrift auf sich hat und nennt Themen, die man in Zukunft tangieren möchte.
Freies Magazin: Was will zenith bewirken?
Daniel Gerlach: Unser Magazin hat im Wesentlichen zwei Ziele: Die Ergänzung der deutschsprachigen Berichterstattung über den Orient, einen faszinierenden und für viele Europäer dennoch sehr fremden Kulturkreis, durch nachhaltige, vor Ort recherchierte und qualitativ hochwertige Beiträge zu ergänzen. Wir beleuchten die gesamte muslimische Welt, einschließlich Israels und ihrer Randgebiete. Der Alltag der Menschen, Hintergründe politischer Konflikte und die Vielfalt der Kultur stehen dabei im Mittelpunkt. Zweites Ziel ist die Ausbildung und Förderung junger Fachjournalisten, die sich für interkulturelle Themen interessieren.
Glauben Sie, dass man durch eine Zeitschrift gewisse gesellschaftliche Vorurteile abbauen kann?
Das hoffen wir und wir sind der Ansicht, dass uns das bereits mehrfach gelungen ist. Obwohl zenith einen wesentlich kleineren Verbreitungsgrad hat als Publikumszeitschriften und Tagespresse, verfügt das Magazin über eine sehr interessante Leserschaft: Entscheidungsträger aus Politik und Stiftungen sowie andere Journalisten nutzen zenith als Informationsquelle. Wir stoßen Debatten an und zeigen, dass viele Urteile von der Perspektive abhängen, aus der man die Welt betrachtet.
Ein Beispiel war unsere etwas provokante Kopftuch-Strecke, in der wir den Gegenstand Kopftuch mit weiblichen Modellen als Mode-Accessoire gezeigt haben. Damit wollten wir nicht die Unterdrückung von Frauen in der muslimischen Welt verneinen, sondern zeigen: „Bevor Ihr diskutiert und Begriffe wie Burka, Tschador, Hedschab, Kopftuch und Schleier durcheinander werft, macht Euch ein Bild und lernt zu unterscheiden, wer, warum, wo, was trägt.“ Ein anderes Beispiel war unser Schwerpunkt „Islamismus“. Darin haben wir uns von Experten, aber zum Teil auch von echten „Islamisten“ wie Tariq Ramadan erklären lassen, was Islamismus eigentlich ihrer Meinung nach ist.
Was ist so faszinierend am Orient?
Der Orient ist zunächst nicht mehr als ein Begriff, der aus der Abgrenzung und Selbstfindung Europas heraus entstanden ist. Das ist das besondere: Für manche fängt der Orient bereits auf dem Balkan an, für andere in Berlin-Kreuzberg. Der Orient ist der uns am nächsten benachbarte Kulturkreis, der jedoch oft völlig anderen Gesetzmäßigkeiten folgt. Und er war immer eine Projektionsfläche für Fantasien und Klischees. Diese Klischees setzen wir bewusst ein, wir spielen mit ihnen, hinterfragen und brechen sie. Für Europäer, die sich selbst über die Werte der Aufklärung, der Vernunft und der Distanz zu Religion definieren, ist der Orient eine Welt der Gegensätze – manchmal eine Traumwelt, in der alles noch ursprünglich ist, in der sinnliche Fantasien ausgelebt werden und in der allenthalben Gefahr und Abenteuer lauern.
Einmal stand im Vorwort einer zenith-Ausgabe: „zenith will nicht über die Geschichte selbst schreiben, sondern die Vorstellungen, die sich andere von ihr machen, unter die Lupe nehmen.“ Was ist damit gemeint?
Zenith veröffentlicht Kommentare, doch uns ist an Information mehr gelegen als an Meinungsmache. In dem angesprochenen Vorwort ging es um Geschichtsbilder, denn besonders im Nahen Osten, wo sich viele Konflikte aus historischen Ansprüchen speisen, ist Geschichte allgegenwärtig. Doch Geschichte ist immer subjektiv und ihre Deutungen von Land zu Land und von Mensch zu Mensch verschieden.
Nach welchen Gesichtspunkten kann eine Zeitschrift, die über eine bestimmte Region berichten will, qualitativ hochwertig sein?
Wir können nicht mit den Budgets von Stern oder Spiegel mithalten und ständig die Aktualität mit ihren Kriegen und Dramen abdecken. Deshalb fühlen wir feiner, strecken die Sensoren aus, um zu erfahren, wo eventuelle Konflikte entstehen, bevor sie eskalieren. Wir sind da, bevor es knallt, und auch danach. Nachhaltiger Journalismus und Hintergründe – bei zenith findet Platz, was in der Tagespresse schnell wieder aus dem Fokus rückt.
Inwiefern wird sich der Orient in den nächsten Jahren entwickeln?
Das ist natürlich von Land zu Land verschieden. Meine Meinung ist, dass die arabisch-islamische Welt tendenziell zu den Verlierern der Globalisierung gehört, die sich um sie herum stärker entwickelt. Aber gerade die neuen Medien brechen schon heute die alten Strukturen auf. Demografisch sind die muslimischen Länder vergleichbar jung. Ich rechne mit erheblichen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die sich sehr plötzlich entladen können. Eine Einigung zwischen Israelis und Palästinenser mit saudischer Beteiligung und aus der puren Erkenntnis heraus, dass Krieg beide Seiten nur stagnieren lässt – kurzum aus Müdigkeit – könnte den Islamisten, aber auch den diktatorischen Regimen in der arabischen Welt ein Schnippchen schlagen, denn die Aufmerksamkeit der Welt wird dann nicht mehr abgelenkt sein. Auch für Iran wird 2008 ein Entscheidungsjahr.
Auf welche Themenbereiche will sich zenith in Zukunft konzentrieren?
In den nächsten Heften werden wir unsere Ressorts Politik und Wirtschaft wieder stärker mit aktuellen Themen bestücken: Pakistan, Afghanistan, Iran, Irak, Sudan, Nahostkonflikt bleiben auf dem Radarschirm. Schwerpunktmäßig wird es um Umwelt und Natur gehen. Danach: Männer. Über Frauen im Islam wird viel berichtet. Aber was ist mit den Männern? Wie sehen Männlichkeitsrollen und -bilder aus? Was erwartet man von ihnen? Was für Berufe ergreifen sie? Wie ist ihre Vorstellung von Partnerschaft und Sexualität? Welche Mode tragen sie? Ein Who is Who der mächtigen Männer darf nicht fehlen. Ein anderes Thema wird sein: Entwicklungshilfe – was leistet sie wirklich? Wer blickt durch diesen gewaltigen Industrieapparat von Stiftungen, NGOs und Beratungsfirmen?
Stichwort Kosmopolit: Glauben Sie, dass nur „Weltbürger“ zenith lesen?
Unsere Leser sind sicher weltoffen und interessiert, über ihren Tellerrand zu blicken. Wir haben Abonnenten in China, Russland, USA, Europa und dem Nahen Osten. Eine ältere zenith-Ausgabe wurde neulich in einem Gasthof einer sudanesischen Oasenstadt entdeckt. Aber darunter sind auch Menschen, die hier in Deutschland in binationaler Partnerschaft leben, auch Kinder von Gastarbeitern, die nicht zum Jet Set gehören. Auch Rentner, die nicht mehr durch die Welt reisen können, beziehen uns und verreisen sozusagen mit zenith.
Wie sind die Reaktionen auf Ihre Zeitschrift bzw. wird sie öffentlich überhaupt wahrgenommen?
Die meisten großen Medien haben über zenith berichtet: Zeit, Spiegel Online, Süddeutsche, FAZ, NZZ, Salzburger Nachrichten, WDR, Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung, taz, DLF, Deutschland Radio, Deutsche Welle – darüber hinaus viele ausländische, arabische Medien. Gelegentlich werden wir zitiert und auf den Feuilletonseiten kritisiert. Es ist nicht einfach, da viele, die uns zum ersten Mal sehen, sich fragen, ob irgendein Scheich oder Geheimdienst Geld in zenith steckt. Es gibt wenig journalistisch unabhängige Medien in diesem Spannungsfeld, die klein sind und sich trotzdem finanzieren können. Inzwischen gilt zenith als das Fachmagazin für den Orient in deutscher Sprache. Oft haben wir das Gefühl, dass sich auch große Journalisten von uns inspirieren lassen. Das geht zwar nicht bis zum Plagiat, aber bis zu sehr eindeutig übernommenen Argumentationsketten. Auch Themen, die wir bringen, werden breiter aufgegriffen – aber darüber können wir uns ja freuen. Ein zenith-Beitrag über die Zerschlagung des Deutschen Orient-Instituts hat zu weltweiten Protesten in der Wissenschaftsszene geführt.
Gibt es auch österreichische oder schweizerische Leser oder Abonnnenten?
Ja, und zwar überdurchschnittlich viele. Die Schweizer sind treue zenith-Leser. Das Interesse am Orient und an internationalen Themen ist dort sehr hoch. Die NZZ hat auch als erste Zeitung 1999 oder 2000 über zenith berichtet. Auch in Österreich sind wir vertreten. Es wäre großartig, wenn wir von dort auch mehr Artikel angeboten bekämen. Wien ist schließlich für uns Hamburger und Berliner schon fast der Nahe Osten – und aus Österreich kommen ja eine ganze Reihe erstklassiger Journalisten. Im aktuellen Heft haben wir übrigens einen Bericht über das Österreichische Hospiz in Jerusalem, sicher mit etwas zu vielen Strudel-Klischees.
Das Heft kostet 6,80 Euro und ist im Zeitschriftenhandel sowie über www.zenithonline.de verfügbar. Thema des nächsten Ausgabe, die Ende Februar erscheint, ist: "Umwelt und Natur".
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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