2007-08-03 15:58:31
Wer kennt Ute Bock nicht - die Frau, die aussieht wie unsere Oma und uns fragt, ob wir "Bock auf Bier" haben. Im Fm5-Interview spricht sie über ihren Lebensweg, die Schwächen des Asylgesetzes und die Unwissenheit des Herrn Platter.
Angefangen hat alles in der Zollmanngasse. Ute Bock arbeitet hier als Erzieherin in einem Heim für Fürsorgekinder. Nach und nach kommen immer mehr Ausländer nach Österreich. Asylbewerber, die keine Möglichkeit haben, eigenes Geld zu verdienen. Ute Bock nimmt sie auf und versorgt sie aus eigener Tasche oder mit Spenden.
Mittlerweile ist sie eine alte Dame, längst pensioniert - für die Asylanten setzt sie sich immer noch ein. Seit 2002 gibt es den Ute Bock Verein. Hier bekommen die Asylanten ein Dach über dem Kopf, Deutschkurse und Beratung. Und vor allem das Gefühl, willkommen zu sein.
Ute Bock ist nicht mehr die Jüngste, aber sie sitzt nach wie vor in ihrem Büro in der Großen Sperlgasse und kümmert sich um "ihre" Schützlinge. Ein paar ruhige Minuten für ein Gespräch mit ihr zu bekommen, ist gar nicht so einfach: Die Mitarbeiter haben Fragen, die Wiener Tafel bringt Essen vorbei und ständig klingelt das Telefon. "Was soll man da machen, soll man sie würgen?" Frau Bock wartet, bis es aufgehört hat zu klingeln und legt den Hörer neben den Apparat.
FM5: Frau Bock, Ihre Einstellung und ihr Engagement sind bewundernswert – aber nicht unbedingt typisch für Ihre Generation. Wie wird man so?
Ute Bock: Ich glaube, das ist bei mir berufsbedingt. Ich war Erzieherin und habe immer mit irgendwelchen Außenseitern zu tun gehabt. Scheinbar ziehe ich das an – sie kommen immer noch zu mir, obwohl ich schon fünf Jahre in Pension bin. Ich habe mich immer für irgendwelche Benachteiligten eingesetzt und da ist anscheinend ein Vogel draus geworden. (lacht) Ich hatte Wohnungen, in denen ich Ausländer untergebracht hatte – so was kann man nicht einfach stehen lassen und sagen: "Jetzt könnt´s mich gern haben!" Also habe ich weiter gemacht.
Sie haben ja nach der Matura erst mal ein Jahr in der Privatwirtschaft gearbeitet…
Ja, aber ein schwaches Jahr!
Danach sind Sie Erzieherin geworden. Was hat zu diesem Entschluss geführt?
Das habe ich nicht beschlossen, das ist beschlossen worden. Ich wollte nach der Matura nicht weiter studieren. Für solche Leute gab es bei der HAK einen Abiturientenkurs - mit dem Maturazeugnis konnte man ja in der Wirtschaft nichts anfangen. Hätte ich die richtigen Beziehungen gehabt, hätte ich in einer Bank angefangen und dort Karriere gemacht - so habe ich vom Arbeitsamt in einer Firma eine Stelle als Kontoristin bekommen. Kein Mensch weiß heute mehr, was das bedeutet. Mein Vater wollte damals, dass seine Kinder sichere Posten haben. Das kann man heute keinem mehr erklären, wie die Vorstellung damals war: Es war wichtig, dass man einen guten Schulabschluss hat, einen guten Posten, auf dem man möglichst sein ganzes Leben lang sitzt, und dann fängt man an zu sparen und kauft sich ein Haus und ein Auto. Mein Vater war freischaffend, mit ständigen finanziellen Schwierigkeiten. Da hat er sich eben gewünscht, dass seinen Kindern so was nicht passiert. Ist an sich ein anständiger Wunsch - dass er unanständige Auswirkungen haben kann, hat er nicht bedacht. (lacht)
Ich habe mich dann bei der Stadt Wien beworben. Die hat damals Maturanten nur in die Erzieherei aufgenommen, das war bei Gott keine freie Entscheidung. Es hat geheißen, wenn man drei Jahre dort arbeitet, kann man sich in die Verwaltung versetzen lassen. Aber ich bin halt dort picken geblieben. (lacht)
Sie wurden 1999 wegen Drogenhandels angezeigt und sogar vom Dienst suspendiert. Was war das für ein Gefühl?
Suspendiert nicht, das war der Plan. Ich bin angezeigt worden, aber das hat keiner gewusst. Nicht einmal ich – anscheinend war ich zu blöd, das zu kapieren! (grinst) Es gab diese Razzia in der Zollmanngasse und die Polizei hat mich mitgenommen und den ganzen Tag vernommen. Die haben mir Bilder gezeigt und mich gefragt: "Kennen Sie den?" Ich war eigentlich der Meinung, dass ich da als Zeuge einvernommen werde - in Wirklichkeit lief seit dem Tag eine Anzeige gegen mich. Wegen Begünstigung, Dealen, Drogenmissbrauch und Bandenbildung.
Wie waren damals die Reaktionen aus Ihrem Umfeld?
Das hat kein Mensch gewusst. Es gab diese Anzeige und nach einem dreiviertel Jahr kam ein Brief, dass das Verfahren eingestellt worden ist. Ich habe gar nicht gewusst, dass es ein Verfahren gibt. Ich bin von einer Untersuchungsrichterin vom Jugendgerichtshof vernommen worden. Da habe ich natürlich schon gewusst, dass es irgendwie gegen mich geht - aber es kann doch nicht meine Untersuchungsrichterin eine Richterin vom Jugendgerichtshof sein. Ich habe die ganze Zeit geglaubt, das ist so eine Zeugengeschichte. In Wirklichkeit haben die mir ein Strickerl drehen wollen.
Als dann das Schreiben kam, dass das Verfahren eingestellt worden ist, war das eine große Enttäuschung für meine vorgesetzte Dienststelle, dass sie das nicht rechtzeitig gewusst haben – sonst hätten sie mich ja raushauen können. (lacht)
Sie mussten oft gegen Widerstände ankämpfen, um Ihre Projekte umsetzen zu können. Welche Widerstände haben Sie als die Schlimmsten empfunden?
Am meisten kränkt mich die Reaktion von der MA 11. Das ist das Jugendamt, die sind ja eigentlich zuständig für Jugendliche. Die hätten sagen können: "Die ganze Welt wehrt sich gegen diese Ausländer. Wir haben eine Einrichtung im 10. Bezirk, da machen die das und da geht das tadellos!" Was haben sie gemacht? Nichts! Sie haben sich geniert, für das, was dort gemacht wurde. Und dann rühmen sie sich überall, was wir für ein Aufnahmeland sind.
Sie wissen ja, ich habe dieses Heim für schwierige Jugendliche in der Zollmanngasse gehabt. Die habe ich jeden Tag in die Arbeit schleifen müssen. Irgendwann kamen die Ausländer dazu. Die wollten arbeiten, aber die durften nicht. Jetzt stellen Sie sich das Geschrei in diesem Heim vor: "Die Ausländer schlafen den ganzen Tag und leben auf unsere Kosten!" Das konnte ich noch irgendwie ausbalancieren. Aber dann hieß es auch noch: Keine Integrationsmaßnahmen. Also auch keine Deutschkurse. Ich habe dann von der VHS Favoriten vergünstigte Kurse bekommen und sie da hin geschickt. Damit sie wenigstens aus dem Haus kommen in der Früh. Das war alles nicht einfach und das Jugendamt hat mich überhaupt nicht unterstützt dabei.
Ich denk mir oft, was ist los mit denen bei der Fürsorge? Das Wichtigste ist für die, dass alles dokumentiert wird – für den Menschen bleibt dann keine Zeit mehr.
Viele der Asylanten sind aufgrund ihrer schlimmen Erfahrungen sicher misstrauisch und schwer zugänglich. Wie kommen Sie an solche Fälle heran?
Ich kann das nicht so sagen. Wie macht man das? Erstens ist einmal ein großer Altersunterschied zu den Meisten, ich bin für die wahrscheinlich so eine Art Mama-Figur. Wenn die da so verkrampft ankommen, versuche ich, das Ganze aufzulockern - auch wenn es keinen Grund dazu gibt. Ich mache einen blöden Schmäh, das geht meistens. Ich sage, das wird schon gehen, das schaffen wir schon – auch wenn man keine Chance hat. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man immer noch so einen Funken von einer Hoffnung übrig lässt. Ich will nicht, dass da wer rausgeht und sich am nächsten Baum aufhängt.
Haben Sie auf der anderen Seite manchmal das Gefühl, hier geben mir diese Menschen etwas, hier kann ich von ihnen lernen?
Also für mich sind die bewundernswert! Diese tschetschenischen Frauen, die sitzen in ihrer Heimat nur still in der Küche und erziehen die Kinder. Dann kommen sie hierher und die Männer sind total unfähig, weil sie halt Paschas sind. Die Frau muss dann die Kinder erziehen, mit dem bisschen Geld auskommen - und dem Mann auch noch die Sicherheit geben, dass es eh er ist, der alles macht. Das sind starke Frauen.
In Medien wie der Kronen Zeitung, Österreich oder Heute …
Die ganzen guten Zeitschriften! (lacht laut)
Dort werden Ausländer häufig negativ dargestellt. Wie reagieren Sie auf Interview-Anfragen solcher Medien? Boykottieren Sie das?
Nein, ich rede überall, ich sage nach Möglichkeit nie Nein. Auch wenn das nicht so gut ausgeht, das ist mir wurscht!
Vor kurzem war ich bei Im Zentrum. Ich schaue schon seit zwei Jahren kein Fernsehen mehr, ich habe die Sendung gar nicht gekannt. Die haben mich am Freitagnachmittag angerufen und gefragt, ob ich am Sonntagabend komme. Ich habe gefragt "Wer ist denn noch dort?" und sie: "Der Küberl, der Platter, irgendwer von der Polizei und der Herr Strache." Sage ich: "Einer gegen alle? Das geht nicht! Da brauche ich noch einen, der auf meiner Seite steht!" Darauf: "Wir werden schauen!" Und dann war da dieser grüne Herr aus Oberösterreich. Der war nicht schlecht, aber er hat halt seinen Artikel betrieben. Ich habe beim Reingehen schon gespürt, dass die eigentlich alle gegen mich sind. Die haben sich alle gekannt und waren per Du. Der Oberhauser (Anm. d. Red.: Elmar, ORF-Fernsehmoderator) hat mich nicht einmal gescheit gegrüßt. Irgendwann habe ich dann erwähnt, dass ich viele Leute habe, die nicht einmal die Grundversorgung kriegen. Da hat es den Platter umgehauen, der hat das nicht gewusst! Und in dem Moment ist die Stimmung umgeschlagen. Ich habe dann noch bis zwei in der Früh mit denen getratscht. Ich habe meine Geschichten erzählt und die haben mir wirklich zugehört. Ganz komisch war das. Der Oberhauser hat gesagt: "In Österreich gibt es Leute, die Hunger haben? Das gibt es nicht!"
Die reden immer von Grundversorgung, aber keiner weiß, wie viel das ist. Das sind 180 Euro für einen Erwachsenen und 80 Euro für ein Kind. Im Monat – bitte stellen Sie sich das einmal vor!
Vor allem in konservativen bis rechtslastigen Medien kommt die Sprache immer wieder auf die angebliche Überfremdung Wiens und allgemein Europas. Sehen Sie das auch so und vor allem, sehen Sie darin ein Problem?
Es wird schon so sein - immerhin haben wir in der ganzen Welt verkündet: "Wir sind das viertreichste Land der Welt, bei uns fließt Milch und Honig!" Dass die, denen es schlecht geht, dann hierher kommen, finde ich ganz normal. Wenn ich in meiner Heimat meine Familie nicht ernähren kann, halte ich es für anständiger, wegzugehen, als daheim zu sitzen und auf die Segnungen Allahs zu warten. So ist das auch schon immer gemacht worden. Was waren denn unsere Auswanderer nach Kanada? Die waren alle Wirtschaftsflüchtlinge. Die sind woanders hin gegangen, weil es ihnen dort besser ging.
Mich stört das nicht. Wenn Sie hier am Abend rausgehen, hören Sie kein Wienerisch – ich finde das sehr angenehm. (lacht) Ich glaube, je normaler wir denen entgegenkommen, desto besser wird das Zusammenleben sein. Zu sagen, die kommen hierher und wollen sich nicht eingewöhnen, das ist Quatsch! Die lassen alles zurück, in der Hoffnung, dass es hier besser wird. Am Anfang sehen sie erstmal alles positiv. Erst, wenn wir so ekelhaft zu ihnen sind, dann werden sie sich zurückziehen. Wenn jemand an jeder Ecke auf Ablehnung stößt, wird er sich irgendwann abschotten.
Wo sehen Sie die größten Probleme im öffentlichen Umgang mit Asylanten?
Die frustrierten Beamten. Die Leute, die mit ihrer Arbeit nicht zufrieden sind. Das geht nicht nur den Ausländern so, das geht mir genauso – gut, ich bin auch schon fast ein halber Ausländer. (grinst) Egal, wo ich anrufe, als erstes kriege ich mal eine blöde Antwort. Jeder versucht, einem was z´Fleiß zu tun. Wenn zu mir jemand kommt, der mir auf die Nerven geht, dann schaue ich, dass ich dem alles fertig mache, der geht heim und ich sehe ihn nie wieder. Bei denen heißt es stattdessen: "Da fehlt dies, da fehlt das!" Man muss hundert Mal kommen und sie können sich jedes Mal wieder ärgern. (lacht)
Seit dem 17. Mai hat Österreich ein neues Asylgesetz. In der Öffentlichkeit hat dieses Gesetz zahlreiche Proteste hervorgerufen. Wo sehen Sie die größten Kritikpunkte?
Für mich ist das Ärgste, dass sie sich nicht beschäftigen dürfen. Ich habe mittlerweile fast überall Asylanten, die psychisch nicht in Ordnung sind. Diese Aussichtslosigkeit, diese ständige Unsicherheit, das hält man auf Dauer nicht aus!
Ich will jetzt nicht sagen, dass unsere Gesetze schlecht sind - das kann ich wirklich nicht beurteilen. In ganz Europa ist alles abgeschottet – ich kann mir schon vorstellen, dass es da für Österreich nicht gescheit ist, zu sagen, bei uns dürfen die Asylanten frei arbeiten.
Es gibt in Österreich Fälle von Asylanten, die seit fünf oder mehr Jahren hier sind, Arbeit haben, Deutsch sprechen – und plötzlich einen negativen Asylbescheid bekommen und gehen müssen. Wie sagen Sie zu solchen Fällen?
Die müssen da bleiben, natürlich - nur müsste man das europaweit regeln. Wenn wir jetzt als einzige in Europa sagen, bei uns dürfen alle dableiben – auf einmal werden hunderttausend Leute hier sein. Aber dass man zu Leuten, die seit acht Jahren hier sind, seit vier Jahren arbeiten, deutsch sprechen, ihre Kinder in die Schule schicken, auf einmal sagt "So, und jetzt pfiat di!" – das kann´s ja auch nicht sein.
Vor kurzem war ein Kosovo-Albaner bei mir. Der arbeitet als Fernfahrer, hat eine 100 qm - Wohnung, spricht perfekt deutsch und wartet seit Jahren nur noch, dass seine Frau endlich herkommen darf. Vor kurzem hat er sie im Kosovo besucht, weil sie schwer krank ist. Jetzt wollen sie ihm deswegen auf einmal den Flüchtlingsstatus aberkennen. Diese Leute kommen eigentlich nie zur Ruhe.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bock!
in astrid-lindgren-büchern aufgewachsen. wäre gern vor 500 jahren architekt oder vor 200 jahren seemann gewesen.geht oft in kirchen, glaubt aber nur an immanuel kant und ödön von horvàth.
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