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musik

"Protest gegen sich selbst"

2007-05-19 11:06:21

  • Wohnzimmer Records Kreisky 01
  • Wohnzimmer Records Kreisky 02

Die Wiener Band Kreisky beweist mit ihrem gleichnamigen Debütalbum vor allem: Austro-Rock kann auch anders klingen! Im Gespräch mit dem Freien Magazin erklären sie Österreich, ihren Namen und Protest.

Originell ist es ja nicht: Sämtliche über die Band Kreisky berichtende Medien Österreichs setzten diesen Namen mit einem ehemaligen Bundeskanzler in Zusammenhang - aber keine Angst: Er wird sich nicht im Grab umdrehen! Denn das Debütalbum der schon länger miteinander verkehrenden vier Musiker Franz Adrian Wenzl (Stimme und Orgel), MartinMax Offenhuber (Gitarre), Gregor Tischberger (Bass) und Klaus Mitter (Schlagzeug) hat absolut individuelle, große Songs fabriziert: So erzählt uns Herr Wenzl in "Alte Männer wie wir regieren die Welt" von leidvollen Momenten im Leben eines Rockstars ("Wir waren jung, wir waren elektrisch, wir hatten Mehrwert, hatten Motivation, und ja, wir haben die Juwelen gestohlen und die halbe Million in kleinen Scheinen"). Für Hörer, deren Ohren sich auf etwas Neues einstellen möchten, ist es ratsam, dieses bei Wohnzimmer Records erschienene Album zuzulegen.

FM5: Im Pressetext zu eurem Debütalbum Kreisky steht: "Der Sound von Kreisky ist anders, ganz anders." Was heißt in diesem Fall "anders"?

Martin Max Offenhuber: Bei ähnlichen Fragen ist schon ein paar mal der Begriff „wischerln“ gefallen: viele Bands wischerln heute ihre Musik so uninspiriert vor sich hin, klingen wie ihre großen, internationalen Vorbilder. Das ist dann der Radiohead-Nahversorger, den in Wirklichkeit niemand braucht. Bei Kreisky anders: der Sound ist dreckig, die Songs sind präzise arrangiert und kurz gehalten. Gesamt gesehen ist uns eine gewisse Roh- und Gemeinheit nicht abzusprechen – jedenfalls sicher kein "Wischlertum".

Gregor Tischberger: Wobei dieses Dreckige einfach auch aus der teilweisen musikalischen Sozialisation und einem sehr fixen Wunsch nach von mir aus hässlichen Tönen und argen Sounds kommt.

Klaus Mitter: Das mit der musikalischen Sozialisation würd ich auch doppelt unterstreichen – unsere Wurzeln liegen eher in sehr eigenständiger, oft durchaus auch kruder Musik, die sich nie auch nur einen Dreck um angesagte Trends geschert hat.

In Österreich einer Band den Namen Kreisky zu geben, ist PR-technisch sicherlich gewinnbringend - ohne bösen Hintergedanken  - : Diesen Namen merkt sich jeder. De facto hat man so aber auch eine große Aussagekraft. Was wollt ihr mit diesem gar mythischen Bandnamen ausdrücken?


Franz Adrian Wenzl: Nichts. Als Band haben wir ja im Vergleich etwa zu öffentlichen Körperschaften den Vorteil, dass wir uns für nichts rechtfertigen müssen und das auch nicht gedenken zu tun. Allerdings muss ich schon dazu sagen, dass es ­– abgesehen vom Wortklang – nur wenige Politiker gibt, nach denen man Bands benennen kann. Ganz willkürlich war die Wahl also nicht.

Offenhuber: Bei der Namenssuche war „Sinowatz“ ca. eine 1/10 Sekunde ausgesprochen, dann ist gleichzeitig Kreisky gefallen, und damit war die Diskussion dann erst einmal beendet.

Tischberger: Ich finde es einfach auch lässig, das typisch Österreichische im Namen zu haben. Weil wir das ganz einfach, ohne da jetzt auch nur irgendwie patriotisch sein zu wollen, sind und das auch gar nicht verleugnen können.

Mitter: Aufgrund der Person des Namensgebers steht Kreisky außerdem für  Lokalkolorit und Internationalität zugleich. Das hat man selten.

Rainer Krispel, Verfasser des Pressetextes, schreibt darin: "Der Mensch, der da bei Kreisky singt, ist zwar manchmal ausgesucht höflich - "hier ist alles nur noch Dreck, entschuldigen Sie den Ausdruck", meint er in Vandalen -  aber eben im Grunde ein Ungustl. Unterseiten nach oben kehren, in Zahnlücken stochern, in Abgründe schauen." Ziemlich unösterreichisch, oder?

Offenhuber: Die Unterseiten sind in der österreichischen Kommunikation ohnehin da, nur eben meistens im direkten Zusammenhang, mit denen, die im Moment gerade nicht anwesend sind- ob das anderswo genauso ausgeprägt ist, wie in Österreich, müsste man noch genauer erfragen. Wenn man unserem Erzähler lauscht, wie er im angesprochenen Lied Vandalen nur um des Schimpfens wegen schimpft, ohne auf konkrete Situationen oder Personen einzugehen, wird seine ungute Art recht deutlich sichtbar. Da aber jeder selber ein bisserl ein „Oasch“ ist, wird er sich an solchen Stellen dann selbst erkennen, was dann angenehmerweise zu einer gewissen Verbundenheit mit dem Sänger und somit letztlich auch mit uns führt.

Tischberger: Dieses Ungustlsein ist doch auch zutiefst österreichisch – aber durchaus nichts Schlechtes. Außerdem gibt es in der Musikgeschichte eine lange Liste an wirklich großen Ungustln, die mir allesamt sehr sympathisch sind und fantastische Schlechtelaune-Musik machen.
 
Zwischen den Zeilen - und Noten - klingt das gesamte Album nach (natürlich nicht ironiefreiem) Protest: Protest gegen gewisse zwischenmenschliche Probleme, Protest gegen alte Männer ("Deppen"), die "die nächsten 60 Jahre in Biere weinen" und Protest gegen urösterreichische Gedanken ("Das sind alles Kannibalen, das sind alles keine Menschen mehr").

Tischberger: Aber auch: Protest gegen sich selbst und wie man so ist, wie man Gefahr läuft zu werden und eventuell auch wo man herkommt. Vandalen zum Beispiel protestiert – für mich, der Franz wird das wahrscheinlich ganz anders sehen – sehr treffend gegen die Trottel, mit denen man gezwungen ist seine Kindheit, zum Beispiel am Land, zu verbringen und die Vollidioten, mit denen man in die Schule geht oder sich die Straßenbahn oder die Viererschreibtischkombi im Büro teilt. Oder gegen Verkäuferinnen, die sich nach dem Klogehen die Hände nicht waschen und mit diesen Händen weiter Wurst verkaufen. Vandalen und viel zu junge Mädchen eben.

Funktioniert Kritik an etwas auch ohne Ironie?

Wenzl: Sicher. Nur wirkt sie bei einer Rockband meistens dann extrem ungeil.
 
Schwarze Hose, schwarzer Anzug, schwarze Krawatte und weißes Hemd - das Auge hört schließlich auch mit. Lebt es sich als Dandy ungeniert?

Offenhuber: In der Kreisky-Inkarnation lebt es sich in der Tat sehr ungeniert. Leider ist das aber nur eines von vielen Leben.

Mitter: Den Dandy würd ich auf jeden Fall verneinen. Wir stellen ja die Outfits nicht über den Inhalt, die Musik. Aber als Kreisky lebt sich zusehends ungenierter, das stimmt.

Was macht Kreisky aus bzw. besonders?


Tischberger: Für mich sind es die Macken, Zwänge und Eigenheiten, auch die eher uncharmanten, die wir vier versammeln und gemeinsam in viel zu engen Autos auf die Reise schicken. Und die Tatsache, dass das Setzen der eigenen Standards gleich zu Beginn überraschend gut funktioniert hat und immer noch funktioniert, obwohl wir in unserem Musikverständnis zum Teil komplett auseinanderdriften.

Mitter: Dafür, dass wir aus verschiedenen Ecken und besagten musikalischen Sozialisationen kommen, funktioniert die Band beinahe unwirklich gut. Das hat aber auch damit zu tun, dass wir in erster Linie musikalisch sehr viel mit Reduktionen gearbeitet haben, da wurden schon so manche Gewohnheiten über Bord geworfen, um Neuem Platz zu machen.

Post-Punk meets Alternative-Rock: Kann man so euer Album treffend beschreiben?

Tischberger: Die Salzburger Nachrichten sehen das zum Beispiel genau so. Als Journalist kann man die Musik natürlich so bezeichnen, weil man Musik eben auch jemandem ein Stück weitervermitteln will und muss. Obwohl wir nicht unter diesen Vorzeichen ans Liederschreiben gegangen sind und jeder von uns die Musik naturgemäß, aus der jeweils eigenen Musikgeschichte heraus, anders sieht und für sich selbst anders interpretiert. Für uns würde es auch nicht funktionieren, wenn wir so an Kreisky herangehen und sagen würden: "Wir schreiben jetzt einen knackigen Post-Punk-Song…“

Mitter: Wenn man es sehr weit fasst: ja. Obwohl es mir persönlich beim Wort „Alternative“ ja die Zehennägel aufrollt. Unter dem Begriff firmieren für mich die großen Rocksünden seit dem Ende der Grunge-Ära. Andererseits würde ich auch nicht in so ein kindisches „Wir sind unsere eigene Schublade“-Gehabe verfallen. Sowas ist immer völlig unangemessen, vor allem weil das meist jene Bands tun, die sich in Ermangelung eigener Ideen dadurch eine gewisse Eigenständigkeit umhängen wollen.

Der Song Halleluja ist ein klassisches nihilistisches Verweigerungsstück. Soll man sich dieses während einem Katerfrühstück oder einer depressiven Phase zu Gemüte führen?

Offenhuber: Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus würde ich sagen: zum Katerfrühstück.

Mitter: Für mich in großen, euphorischen Momenten mit melancholischem Hintergrund.

Stichwort Zukunftspläne?

Wenzl: Fünfjahrespläne gibt es bei uns keine. Wir spielen jetzt erstmal die nächsten Konzerte, hoffen auf einen ausgiebigen Tour-Nachschlag im Herbst und machen uns dann daran, weiter neue Nummern zu basteln. Ein paar gibt es ja schon. Wir haben uns absichtlich schon wieder sehr bald in den Proberaum gestellt, um nicht in eine Post-Album-Depression zu verfallen, und das war recht gut so: Jetzt wissen wir, dass wir es schaffen können und werden, ein noch besseres zweites Album zu machen.

Mitter: Sehr richtig. So gesehen sind wir auch sehr genügsam: Konzerte spielen, Nummern schreiben, Album aufnehmen. Eins ums andere Mal. Und vielleicht pro Konzert ein paar zufriedene Gesichter mehr.

Termine

19. Mai: Burg Piberstein INORR
6. Juni: Linz Posthof
30. Juni: Wiesen
22. September: Linz Stadtwerkstadt

Fotos: Ingo Pertramer

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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