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Schwerpunkt: "Wir müssen unsere Seele nicht verkaufen."

"Keine Ahnung, wohin uns diese Reise führt!"

2010-08-09 21:37:00

  • Records MLE, Kochberger, Musterhaus
  • Records MLE, Kochberger, Musterhaus

Kant fragte: "Was ist der Mensch?" FM5 fragte: "Wer sind MLE[e]?" Ein Interview mit Klaus Kochberger, dem Sänger der Wiener Band, die sich dem Dunklen und dem Denken verschrieben hat.

Nichts ist leichter, als belanglos zu sein. Seine Arbeit verlässlich und konstant zu erledigen, aber eben auch ohne Qualen, ohne Herz. Es ist ein bequemes Leben, das ohne größere Höhen und Tiefen auskommt. Aber eben auch ein schlussendlich unbefriedigendes.
Eine solche Erfahrung wollten sich die vier Herren von und um MLE[e] wohl von vorneherein ersparen. Ihre Musik hat Ecken und Kanten, ist bisweilen sperrig und die Songtexte sind anspruchsvoll bis - in beinahe sokratischem Sinne - verwirrend.
Allesamt hervorragende Voraussetzungen, um grandios zu scheitern. Aber auch, um den ganz großen Wurf zu landen...
Klaus Kochberger, Sänger der Band, stand FM5 Rede und Antwort.

FM5: Ihr habt vor kurzem mit Discovering the Substantial debütiert. Bis jetzt zufrieden mit dem Echo aus Presse und Publikum?

Klaus Kochberger: Nachdem das Echo durchwegs sehr positiv war, im Prinzip ja. Aber wir erhalten uns gerne etwas Hunger nach mehr! Zufriedenheit führt oft zu Stillstand und das liegt uns definitiv nicht! Man sollte immer noch etwas wollen, begehren.
Was wir uns im Moment wünschen ist noch mehr Aufmerksamkeit seitens der Medien, um ein größeres Publikum erreichen zu können.

Nachdem ihr kein Label für eure CD gefunden habt, wurde kurzerhand Musterhaus Records ins Leben gerufen. Eine Not- oder dauerhafte Lösung? Und was hat es mit dem Namen auf sich?

Notlösung war diese Entscheidung keine, sondern von Anfang an eine realistische Option mit allen Vor- und Nachteilen: Völlige Unabhängigkeit, Kontrolle und Entscheidungsgewalt auf der einen Seite. Kein vorhandenes Netzwerk, ein sehr geringes Werbebudget und viel mehr eigene Arbeit abseits unserer Musik auf der anderen.
Wir bereuen diese Entscheidung bis heute jedoch nicht mal eine Sekunde lang. Bis jetzt haben sich viele Dinge sogar sehr günstig entwickelt! Der Name Musterhaus Records steht für unsere Wirkungsstätte, unseren Proberaum, in dem auch Discovering The Substantial entstanden ist. Wir proben im Keller eines Musterhauses, in mitten eines Musterhausparks, welcher vor allem im Frühling und Sommer den Flair der Truman Show hat. Ein interessanter Ort, sehr artifiziell und auf gewisse Art auch witzig.

Ihr hattet ja Schwierigkeiten, die Arbeit an Discovering the Substantial an einem Zeitpunkt als abgeschlossen zu betrachten. Darf man also euer Album als ersten Teil eines Art Zyklus verstehen, der mit den (hoffentlich!) weiteren Alben wächst?

Wenn man selbst produziert und aufnimmt und im Prinzip alle Zeit der Welt hat, gerät man in Versuchung etwas länger zu brauchen und fürchterlich genau zu werden! Aber wir betrachten dieses Album als abgeschlossen. Formal würde sich hier kein Zyklus anbieten, ein paar Anknüpfungspunkte vielleicht, aber ja...
Worauf wir uns wirklich freuen, ist mit dem zweiten Album zu beginnen: Wir haben noch keine Ahnung, wohin die Reise gehen wird, sind aber sehr enthusiastisch und werden im Frühjahr 2011 mit den Aufnahmen beginnen! Alex „Feia“ Tomann, unser genialer Studiotechniker und guter Freund, meinte: „Ihr werdet sehen, das nächste Album ist in vierzehn Tagen im Kasten!“
Mal sehen...

Neben zeit- ist eure Musik auch ein geldintensives Hobby. Nun wird heute alles über das Ökonomische bestimmt, alles muss sich „rechnen“. Wie steht ihr dazu?


Ach was bedeutet schon Geld... Nein, Spaß beiseite: Natürlich ist man mit einem Wirtschaftssystem konfrontiert, einem Markt, einer Zielgruppe... Wir haben viel Geld ausgegeben und haben ein erklärtes Ziel: Wir wollen ein zweites Album aufnehmen! Durch den Verkauf von Discovering The Substantial werden wir, wie es momentan aussieht, nicht unsere bisherigen Ausgaben abdecken können. Es stimmt tatsächlich, dass weniger CDs gekauft werden. Durch Konzerte und Tantiemen kommt etwas Geld herein, aber sehr wenig. Was bleibt ist unser Idealismus und der Glaube daran, dass sich unsere Investitionen eines Tages auszahlen werden. Wir haben Glück: Wir müssen alle nicht davon leben, sondern machen Musik aus purer Überzeugung und Freude! Das gibt der Musik auch in Zukunft eine gewisse Qualität: Wir müssen unsere Seele nicht verkaufen und zielgruppenorientiertes Popgeplänkel spielen. Wir können tun, was uns gefällt, was wir wollen!

Viele der Texte zu Discovering the Substantial schneiden große philosophische Fragen an. Seid ihr auf der Suche nach dem Wesentlichen fündig geworden?


Ja und nein: Ja, weil wir uns selbst als Band gefunden haben! Es war ein schmerzvoller Prozess, sich zu fragen wer man ist und was man da überhaupt tut, was denn wesentlich wäre. Aber wir haben einiges gefunden und sind gestärkt wie der Phönix aus der Asche gestiegen. Früher waren wir vier Individuen, die durch ihre gemeinsame Liebe zur Musik verbunden waren. Jetzt sind wir MLE[e].
Nein, weil es nichts allgemeingültig Wesentliches gibt! Vielleicht den Tod, aber der beschäftigt uns auch nicht in jeder Sekunde unseres Lebens, wird eher von unserem Verstand negiert und kann somit nicht wesentlich sein.

Eurer Song "?", stellt den Hörer vor reichlich Fragen, die alle unbeantwortet bleiben. Sinnbildlich für eine Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung, in der neue Herausforderungen auf den Menschen warten?


Ausgangspunkt für diesen Song waren die vier Kernfragen der westlichen Philosophie nach Immanuel Kant: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Worauf darf ich hoffen? Was ist der Mensch?
Diese Fragen sind unlösbar, wie viele andere in diesem Song. Und all diese Fragen stehen exemplarisch für die Fragen, die wir uns als Band gestellt haben und teilweise nicht beantworten konnten. Das Album steht insgesamt in einem sehr wissenschaftlichen Kontext: Philosophie, Quantenphysik, Soziologie, Theologie... Wir betrachten den gesamten Prozess des Albums und der Band gerne als Forschungsreise. Wir hatten und haben keine Ahnung, wohin uns diese Reise führt. Wir waren und sind ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Außerdem: Der Mensch ist ein Antwortwesen, ungelöste Fragen machen ihn unruhig. Das ist unsere subtile Art von Provokation.

Letztens durftet ihr in der Wiener Arena für die Stereophonics eröffnen. Hat vor eurem Auftritt Nervosität oder die Freude über die große Chance überwogen? Und wen würdet ihr noch gerne auf einem Konzert supporten?


Definitiv die Freude, zur Nervosität neigen wir nämlich überhaupt nicht. Der Auftritt war großartig, in einer ausverkauften Arena zu spielen ist wirklich etwas Besonderes! Aber das Geheimnis dahinter ist die Einstellung: Wir empfinden solche Gelegenheiten als Belohnung für uns selbst und genießen sie daher viel mehr, als wenn wir etwas als ungemein wichtig für unsere weitere Karriere betrachten würden. Entsprechend locker spielen wir und das kommt an! Für wen wir gerne Support spielen würden ist wirklich schwierig zu beantworten! Es gibt so viele geniale Bands, aber wenn wir uns entscheiden müssten: Radiohead, Interpol, Placebo, Kashmir und dEUS.

Ihr habt ja ein Faible für ausgefallene Proberäume. Gibt es einen Ort, an dem ihr unbedingt einmal proben würdet?


Danke für so eine ausgefallene Frage! Wir geraten komischerweise immer an eigenartige Proberäume, ziehen diese irgendwie magisch an (oder sie uns, das ist noch nicht restlos geklärt)! Witzig wäre im Naturhistorischen Museum oder im Narrenturm, wegen all dieser skurrilen Geschichten, die dort in den Kellern lauern. Das könnte sehr inspirierend wirken. Orte, die Geschichte(n) erzählen, sind immer interessant. Auch architektonisch gäbe es tolle Dinge: Im Loos-Haus in Niederösterreich, im Schlossberg in Graz, in der Kirche am Steinhof von Otto Wagner oder in einem Gebäude von Frank Lloyd Wright .Aber ganz oben steht definitiv das Wembley Stadion, weil wir seit Jahren davon sprechen, dort eines Tages den Rasen zu mähen.

Das Schlusswort gehört euch. Danke für das Interview und noch viel Erfolg und Spaß mit eurer Musik!
Und beim Rasenmähen!

Dankeschön! Wir wollen natürlich diese Gelegenheit ergreifen und die geneigten FM5 Leser auf ein paar Dinge hinweisen: Unsere Homepage findet man unter http://www.mle-music.com, außerdem gibt es MLE[e] auf Facebook, Twitter und MySpace.
Danke fürs Lesen!
Und jetzt danke fürs Lächeln!
Das Herz siegt immer über den Verstand!



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AutorInnen

Julius Schlögl

Julius Schlögl

Wer ein Optimist ist, soll verzweifeln. Ich bin ein Melancholiker, mir kann nicht viel passieren.
- Erich Kästner -

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