2008-09-27 16:33:17
Im Ganslwirt wird es eng: Seit 18 Jahren kämpft das Drogenberatungszentrum im 6. Bezirk um mehr öffentliche Akzeptanz - und jetzt auch um Platz.
Es ist zwei Uhr nachmittags. Bis in die Esterhazygasse stehen Männer und Frauen in einer langen Schlange vor den Türen der sozialen Drogenberatungsstelle Ganslwirt. Fred hat sich nach vorne gedrängt. Er zappelt herum und kann es kaum erwarten, bis er endlich das erlösende Sirren des Türöffners hört. Seit gestern freut er sich auf das Mikrowellenschnitzel und den Kartoffelsalat. Der 28-jährige Obdachlose hat schon lange nichts mehr Warmes zu essen bekommen. "Normalerweise ist mir das egal. Derzeit bin ich so auf Methadon, da spüre ich den Hunger nicht so arg. Aber jetzt beißt es mich schon ein bisschen.“ Fred klopft sich gegen seinen aufgeblähten Bauch und zieht die weiten Jeans nach oben. Endlich öffnet die Sozialarbeiterin Tanja S. die Tür und Fred hat Glück: Er ergattert einen Sitzplatz an einem der runden Holztische. Sein gieriges Schmatzen geht im Lärmpegel im Ganslwirt-Beisl unter.
Erfolgreich seit 1990
Stuhlbeine scharren über den Boden, Gabeln kratzen über die Teller. Tanja und ihr Team haben alle Hände voll zu tun.
Seit der Eröffnung 1990 kommen immer mehr suchtkranke Menschen in die Esterhazygasse 18, um im Ganslwirt zu schlafen, zu essen, Spritzen zu tauschen oder ihre Wäsche zu waschen. Unter großer medialer Aufmerksamkeit und nicht ohne öffentliche Kritik initiierte der Fonds Soziales Wien das Projekt, das von Anfang an erfolgreich war. Auch heute strömen wieder viele junge Frauen und Männer an Tanja vorbei ins Beisl. Beinahe zu viele. Der Raum mit den dunkelbraunen Holztischen und den freundlichen Postern an der Wand ist viel zu klein. 67 Männer und Frauen sind es heute, die das Angebot im Tageszentrum nutzen und Tanja 1,35 Euro für das warme Mittagessen in die Hand drücken. "Nur weil wir ein gut eingespieltes Team sind, steigen wir uns nicht ständig auf die Füße. Leider können wir derzeit nur am untersten Level arbeiten. Wir würden gerne längere Beratungszeiten und neue Kurse, wie die Bastelstunde anbieten. Uns fehlen aber die Ressourcen und Räume für solche Therapien. Wir sind vollkommen ausgelastet."
Die richtige Medizin: Wuzzeln
Kein Wunder: Im ersten Halbjahr 2008 nahmen 132.000 Personen Kontakt mit dem Ganslwirt auf, die die 15 Sozialarbeiter gemeinsam mit Ärzten und Zivildienern betreuen. Das bedeutet einen Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Nach Angaben des Österreichischen Bundesinstitutes für Gesundheitswesen (ÖBIG) sind in Österreich 30.000 Menschen von so genannten Opiaten abhängig - jene illegale Drogen, die aus den Inhalten des Schlafmohns hergestellt werden oder diese zum Teil enthalten.
Tanja wischt sich den Schweiß von der Stirn. Bald stapeln sich leere Inszersdorfer-Mikrowellenpackungen neben dem Elektroherd. Mehr als zwei Personen können in der kleinen Küche nicht arbeiten. Die leitende Sozialarbeiterin gönnt sich erst eine Pause, als jeder ihrer Klienten einen Platz in dem 75 Quadratmeter kleinen Raum gefunden hat. "Ohne den Wuzzltisch könnten wir noch einen Tisch ins Beisl hineinzwängen. Dann würden aber Stammbesucher wie Fred einen Aufstand planen. Tischfußballspielen ist einfach wichtig. Da wird geplaudert und es werden Kontakte geknüpft." Genau die richtige Medizin für die Menschen, die beim Ganslwirt anklopfen.
Voll ausgebucht
Meist sind es Suchtkranke ohne Wohnung und mit komplexen Problemen, die zu Tanja kommen. Fred nimmt seit vielen Jahren mehrere illegale Substanzen. Sein Sitznachbar stopft sich hastig das letzte Stück Schnitzel in den Mund. Dann steht er auf, um seine Spritze in eine Metallbox zu werfen und holt sich eine neue, steril verpackte von der "lieben Tanja" hinter der Glaswand an der Rezeption. An die 200 gebrauchte Spritzen sammelt die Sozialarbeiterin täglich und entsorgt sie in einem schwarzen Spezialcontainer.
Schon will sich der nächste Klient für eine der 15 Notschlafstellen anmelden. Tanja muss ihn auf morgen vertrösten, denn "heute sind leider schon alle Betten besetzt". Der Platzmangel geht auf Kosten der Klienten: Vergangene Woche musste Tanja den beliebten Bastelkurs absagen, denn das kleine Fernsehzimmer war für ein Fußballspiel reserviert. "Hätten wir ein zusätzliches Zimmer, würde so etwas nicht passieren. Jetzt heißt es Bäuche einziehen und Kompromisse schließen."
Bleibt ein Traum: Ganslwirt-Neu
Das müsste nicht so sein. Seit 2006 liegen die Pläne für einen Ganslwirt-Neu in Tanjas Schublade. 2008 wollte man mit dem Bau beginnen. Warum die Bauverträge vergangenen Herbst nicht unterzeichnet wurden, kann Tanja nur vermuten. "Seitdem der Fonds Soziales Wien in zwei Gesellschaften aufgespalten ist, läuft alles, was mit Drogenkonsum zu tun hat, über die Institution Sucht und Drogen Wien. Jetzt kennt sich keiner aus, wer welche Entscheidungen aus welchem Grund trifft."
Nicht nur im Ganslwirt ist die Verwirrung groß.
Regina T. hat ihre Tierarztpraxis neben dem Baugrund in der Wallgasse (siehe unterstes Bild). Genau dort, wo der zehn Millionen teure Ganslwirt-Neu hingekommen wäre. Sie erinnert sich, dass sie vor Jahren einen Brief von der SP-Bezirksrätin Brigitte Kauffmann bekommen hat. Damals hieß es, die Drogenberatungsstelle ziehe in den nächsten Monaten um. Seitdem hat es keine neuen Informationen gegeben und der Tierärztin ist das ganz Recht. Gemeinsam mit den übrigen Anrainern hofft sie, dass der Ganslwirt dort bleibt, wo er ist. Am liebsten sähe sie die "Drogensüchtigen" weit weg in einem Außenbezirk. "In Wien gibt es viele Bezirke. Warum muss sich alles in unserem Grätzel konzentrieren? Hier die Drogensüchtigen, dort die Arbeitslosen – der Bezirk verkommt."
Verwirrung, Vorurteile und Versprechen
Für Tanjas Klienten wäre die Lage jedoch perfekt: In der Wallgasse gäbe es dann nicht nur den Ganslwirt sondern auch das AMS für Jugendliche zieht dorthin um. Geht man drei Schritte um die Ecke, findet man die Bewährungshilfe und das Aids Haus am Mariahilfer Gürtel. Mit all diesen Einrichtungen kooperiert der Ganslwirt und Tanjas Klienten würden von dem Neubau nur profitieren. Die Ängste der Anrainer kennt die Sozialarbeiterin. Sie weiß, dass viele mit dem Leitbild der Beratungsstelle "Akzeptieren statt strikte Abstinenz erzwingen" nicht zurecht kommen. "Ich verstehe, dass es viele Vorurteile gibt und ich will auch niemanden zwingen, sich mit Drogenkonsum und der Straßenszene auseinander zu setzen."
Trotzdem findet Tanja, dass die Politik besser informieren und aufklären könnte. Dass das Projekt wegen "irgendwelcher juristischer Probleme" langsam stirbt, stimmt das gesamte Team traurig. "Jetzt muss ich doch die Wandfarbe kaufen, denn der Fernsehraum und ein Arztzimmer brauchen dringend einen neuen Anstrich. Ich hätte gehofft, dass uns diese Arbeit mit dem Neubau erspart geblieben wäre", seufzt die Sozialarbeiterin. Sie weiß, dass sie die neuen Projekte für die nächsten drei bis vier Jahre in der Schublade lassen kann. So bald wird sich am Platzproblem im Ganslwirt nichts ändern und Fred wird weiter mit seinen Kollegen um den Wuzzltisch kämpfen müssen.
* Die Namen der Personen wurden aus Rücksicht auf ihre Privatsphäre geändert
* Der Fonds Soziales Wien verbietet Fotoaufnahmen in seinen Zweigstellen.
beschäftigte sich schon im Biologieunterricht lieber mit Aphorismen und Kurzgeschichten als mit der Photosynthese. Widmet sich nun vor allem "Fokus" und ihren Geschichtebüchern.
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