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"Jesus wurde auch nicht verstanden"

2007-11-11 18:36:37

  • ballett nijinsky
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So tönt Thomas Gross als Waslaw Nijinsky im Theaterstück „Jedes Ding hat drei Seiten“ von Eva Jankovsky und offenbart damit seine Genialität und/oder seinen Wahnsinn.

Und/oder, die Vielfalt an Konjunktionen der deutschen Sprache reicht nicht aus, um das zu fassen, was Nijinsky ALLES nennt. Ja alles, wirklich alles (was kann alles sein?), so Nijinsky, müsse sich in einer Tanzbewegung darstellen lassen.

Der größte Tänzer der Geschichte, berühmt für seine Sprünge in scheinbarer Schwerelosigkeit, seine intensive Charakterdarstellung und sein Lebensende im Übergang vom Genie zum Wahnsinn ist für eine Inszenierung mehr als eine Herausforderung. Das kann ja durchaus ganz spannend sein. Aber auch in die Hosen gehen. Die Einladung zum Stück klingt jedenfalls viel versprechend: „Das theater-ja.com meldet sich zurück: diesmal mit einer...literarischen Performance im offenen Raum des Pool7“.

Eine literarische Performance stellt sich als kleines Theaterstück heraus, welches von Percussions live begleitet und von einer Fotoprojektion unterstützt wird, dabei gleichzeitig als Galerie fungiert (mit Porträts von Patienten einer slowakischen Psychiatrie des Malers Lubomir Hnatovic) und dessen Räumlichkeiten durchaus ungewöhnlich sind. Das Publikum ist intim, unterscheidet sich ansonsten jedoch eigentlich überhaupt nicht von biederen Burgtheatergehern. Alle Sitzplätze sind besetzt, die freie Theaterszene hat Potential. 

Der Pressetext verrät eine kurze Geschichte über Nijinskys Leben: Der begnadete Tänzer Waslaw Nijinsky wurde von dem berühmten Impressario des Ballets Russes Sergej Pawlowitsch Diaghilew finanziell unterstützt und gefördert. Nach der Bekundung der Heirat zwischen Nijinksy und Romola de Pulsky ist Diaghilew zutiefst verletzt. Am liebsten würde er Nijinskys Karriere vernichten. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle zerbricht Nijinsky immer mehr an den Problemen und Enttäuschungen des Alltags.

Die Ehe mit Romola bleibt trotz eines Kindes unbefriedigend für den Künstler. Durch Krieg und Umstände dem gewohnten Arbeitsumfeld entrissen, versucht er mit seiner Schwester in England ein eigenes Programm zusammen zu stellen, was jedoch scheitert. In Folge von Überlastung kommt es zu einem Nervenzusammenbruch. Verhaltensauffälligkeiten mehren sich. Nijinsky fühlt sich unverstanden und beginnt in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen mit seinen Tagebuchaufzeichnungen, die er in nur sechs Wochen schreibt. Die Flucht aus der Welt beginnt!

Diese kurze Einführung sagt jedoch nichts über die Umstände aus, unter denen der 1889 geborene Nijinsky seine Liebesbeziehung mit Diaghilew (mit dessen Ballets Russes er 1909 nach Paris zog) führte und die Veränderung, als er 1913 in Abwesenheit und Unwissen von Diaghilew die Tänzerin Romola Pulszky heiratet. Diese sollte ihn von nun an bis zu seinem ersten Nervenzusammenbruch 1919 und bis zu seinem Tod im Jahr 1950 begleiten.

Die schauspielerische Leistung der drei Akteure ist durchwegs überzeugend. Besonders Clemens Aap Lindenberg (als Sergej Diaghilew) fühlt sich auf der intimen Bühne sichtlich wohl. Thomas Gross hat es als Waslaw Nijinsky besonders schwierig und verzichtet (wahrscheinlich weil er es gar nicht konnte und weil hier das größte Potential liegt, die Inszenierung zu zerstören) auf jeglichen Tanz. Eva Jankovsky spielt eine wenig aufregende (vielleicht war sie das ja auch, Nijinsky selbst bezeichnete sie einmal ganz charmant als „étoile inlumineuse“) Romola de Pulsky und zeichnet sich für die Idee und das Konzept verantwortlich.

Nijinsky selbst choreographierte Ballettstücke: L'après-midi d'un faune, Jeux, Till Eulenspiegel und Le Sacre du Printemps. „Ich muss tanzen.“ „Ich bin Gott.“ …  Nijinsky war ein Künstler in seiner vollkommenen Form, eine Form, die ohne Grenzen besteht, die keinen Rahmen besitzt und die sich nicht bestimmen lässt. Kritiker bezeichnete er als ihre eigene Existenz befriedigende Egoisten, fern von einem Zugang zu dem, was der Künstler ausdrücken möchte.

Fazit: Die Tagebücher Nijinskys gehören gelesen. Und die freie Theaterszene in Wien macht Lust auf mehr...

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