2007-10-08 01:52:41
Der niederländische Journalist und bis dato jüngste Korrespondent aus dem Nahen Osten, Joris Luyendijk, liefert mit seinem Debüt "Wie im echten Leben" eine schonungslose Kritik an den westlichen Medien in Bezug auf Kriegsberichterstattung.
"Es gibt Zeitungen, deren Redakteure noch nicht begriffen haben, dass in einer von der Technik bestimmten Welt Informationen ein Problem, nicht eine Lösung sind." Und weiter: "Sie erzählen uns Dinge, die wir bereits kennen, lassen aber nur wenig Raum dafür, uns mit Zusammenhängen zu versorgen." Auf diese Erkenntnis kommt der bekannte US-amerikanische Medienkritiker Neil Postman in seinem 1999 erschienenen Werk Die zweite Aufklärung – Vom 18. ins 21. Jahrhundert (Berlin Verlag). Der Umstand, dass der Autor eines bedeutenden Pamphlets wider eine dumpfe mediale Unterhaltungsshow, Wir amüsieren uns zu Tode (S. Fischer, 1983), schon vor vielen Jahren expressis verbis auf schwerwiegende Fehler der westlichen Medien(-welt) hinwies, ist wohl weniger erschütternd, als der, dass man sich heutzutage noch immer mit denselben Problemen konfrontiert sehen muss.
Es wäre naiv und allzu pastoral, zu behaupten, Joris Luyendijk sei angetreten, um die Ethik in das Wesen der Medien zu bringen – er versteht sich selbst als Teil dieser Maschinerie, die bewusst Gesehenes verschweigt. Weil er muss, der Quoten wegen. Allein, die Biografie des 1971 in Amsterdam geborenen Journalisten sticht hervor: Studierte er bereits Arabistik und Politik in Amsterdam und Kairo, so begann er ab 1998 (bis 2003) im Nahen Osten für diverse Zeitungen (NRC Handelsblad, De Volkskrant), Radiosender (Radio 1) und Fernsehstationen bzw. für die niederländische Rundfunkanstalt NOS (Nederlandse Omroep Stichting) zu arbeiten. Besonderheit Nummer eins: Er ist bis heute der jüngste, aus dem Nahen Osten berichtende Korrespondent. Besonderheit Nummer zwei: Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen genoss er zuvor keinerlei journalistische Ausbildung. Wenn also eine Person mit dieser atypischen Herangehensweise ein Buch verfasst, ist doppelte Aufmerksamkeit geboten.
"Medienkrieg ist Marketing"
Sein aktuelles, vor wenigen Tagen auf Deutsch erschienenes Buch (das in den Niederlanden bereits 2006 veröffentlicht wurde) Wie im echten Leben – Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges (Tropen Verlag) ist sozusagen die Entsprechung der in diesen fünf Jahren als Korrespondent erlebten Geschehnisse. Über allen Erzählungen respektive Anekdoten schwebt eine radikal ausgesprochene Kritik der westlichen Medien mit ihrem hirnrissigen Umgang bezüglich der Konfliktgebiete (im Nahen Osten). Das Werk ist also eine – wie der Subtitel bereits erahnen lässt – Abrechnung mit den Tücken und Fehlern einer der CNN/Fox-Berichterstattung gläubigen (Medien-)Gesellschaft. Erstaunlich dabei: Mit diesem Alter besitzt Luyendijk schon so ein gutes, sensibles Gespür für interessante Geschichten, das er bei seinen Reisen von seinem ersten Wohnort Kairo aus in den Irak, nach Jordanien, Syrien und anderen arabischen Ländern; und ebenfalls in Israel (sein zweiter Wohnort nach dem Aufenthalt in der ägyptischen Hauptstadt) anwandte. Es sei ein Buch, "das sagt, warum es so schwer ist, über die großen Fragen in Nahost etwas Sinnvolles zu sagen", so Luyendijk.
Mit einer merklich differenzierten Sichtweise dachte er während seiner gesamten Zeit als Korrespondent zwischen Ägypten und dem Irak über die verlogene Mediensituation, abseits des wohltuend klingenden Sagers "The Medium is the Message", nach. Sein Hauptkritikpunkt, und das schließt den Kreis zu dem anfangs zitierten Medientheoretiker Postman, ist die fehlende Existenz der essentiellen Hintergründe – Stichwort Geschichte. Denn der Hass auf den Westen im Allgemeinen, auf de USA im Speziellen, speist sich letztendlich, so seine These, auch aus den Ereignissen früherer Tage: Kolonien und rigide Einmischungen sowie Grenzziehungen der westlichen Mächte. Details, die seit jeher von den westlichen Medien verschwiegen werden – was die Sache rund um den angeblichen "Kampf der Kulturen" auch nicht einfacher zu machen scheint. Außerdem stehe die Berichterstattung sehr oft im Feld einer bewusst vollzogenen Marketingkampagne: "Medienkrieg ist Marketing." Nur zwei Tatsachen, auf die er sicht in Wie im echten Leben einschießt.
"We report, you decide"
Auch eine von diversen Politikwissenschaftern schon ins Spiel gebrachte Annahme bereitet ihm Sorge: Die Irrnisse mit der (medialen) Rezeption des Staates Israel, dessen Schicksal in der westlichen Gesellschaft aus folgenden Gründen eine gewisse Identifikation erfährt: "Aus Israel kommen westliche Literatur und Filme, berühmte Klassikinterpreten. Israel kickt in der Champions League und singt beim Eurovision Song Contest. Wir sind den Israelis einfach ähnlicher als den Palästinensern, deshalb berührt uns das israelische Leiden mehr." Eine wagemutige These, die wohl sehr schnell unzählige Juden auf den Plan rufen wird, um ihn (wie des Öfteren) als Antisemiten zu beschimpfen.
Meistens liegt der Fehler aber bei den Redaktionen. Oft musste Luyendijk die Phrase "Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht wissen. Hier herrscht eine Diktatur" verwenden, wenn er wieder einmal nach brauchbaren Informationen gefragt wurde. Was an seinem Buch so fasziniert, ist die Argumentation seiner Meinungen, hin und wieder eingebaute Witze, viele Anekdoten über Kollegen und vor allem die Schilderung all dessen. Natürlich, die Parabel der "bösen Medien", die an allem schuld sind, hat sich schon herumgesprochen und ein paar Sätze hat man vorher bereits anderswo gelesen und ohne Medien würde ein Informationsprozess erst recht nicht funktionieren, dennoch tut dieses Buch wieder einmal Not. Nur um die (philosophische) Frage aufzuwerfen: "Waren die Kameras hier, weil etwas passierte, oder passierte etwas, weil die Kameras da waren?"
Das Buch "Wie im echten Leben – Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges" von Joris Luyendijk ist im Berliner Tropen Verlag erschienen.
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
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