2009-03-27 11:13:18
FM5 im Gespräch mit Ellen Katja Jaeckel, Autorin des Buches „Der Sandalenpoet tanzt niemals in der Metro. Athener Weisheiten“, über Teenager in Athen, das politische System Griechenlands und die Zukunft der griechischen Hauptstadt.
„Es verbindet mich eine gewisse Hassliebe mit Athen“: In ihrem neuen Buch Der Sandalenpoet tanzt niemals in der Metro. Athener Weisheiten, erschienen im Picus Verlag, beschreibt Ellen Katja Jaeckel detailreich und mit amüsanten Anekdoten jene Stadt, die sie bereits seit 22 Jahren beobachtet. Leicht macht es einem die griechische Hauptstadt, besser unter „Moloch“ bekannt, nicht – aber welche Großstadt tut das schon? Im Gespräch mit FM5 gibt sie Antworten über die aktuelle Stimmung in Athen nach den vermehrten Ausschreitungen, die Situation der Jugendlichen und das „siga, siga“-Syndrom.
FM5: Frau Jaeckel, wie lange leben Sie schon in Athen?
Ellen Katja Jaeckel: Seit vier Jahren lebe und arbeite ich in Athen. Die Stadt kenne ich seit 22 Jahren.
Könnten Sie sich ein Leben in einer anderen Stadt vorstellen?
Aber ja! Ich bin schon oft umgezogen, habe unter anderem in Wien, Paris und Neapel gelebt. Momentan ist Athen mein Lebensmittelpunkt, aber das kann sich ändern. Ich bin immer offen für Neues.
Athen stand in letzter Zeit vermehrt im medialen Rampenlicht. Grund für die teilweise gewalttätigen Ausschreitungen war der Mord an einem 15-Jährigen. Wie viel von den Protesten, von dieser Stimmung, haben Sie als Athenerin, mitgekriegt?
Mehr als mir lieb war. Ich wohne mit meiner Familie mittendrin, also sehr zentral, im Gegensatz zu den meisten westeuropäischen Ausländern, die sich ein wenig ghettoartig in die chiceren nördlichen Stadtviertel zurückgezogen haben. Wer dort lebt und nicht im Zentrum arbeitet, erfährt von den Unruhen meist nur aus dem Fernsehen. Bei uns ist das anders. Mein Mann und ich, wir arbeiten beide im Zentrum, das Viertel Exarchia, das Zentrum der Unruhen war (und ist), liegt genau zwischen unserem Haus und unserer Arbeit. Die öffentlichen Verkehrsmittel verkehrten während der Unruhen nur sehr unzuverlässig. Straßensperren und Demos waren an der Tagesordnung. So mussten wir oft lange Umwege zu Fuß zurücklegen, um zur Arbeit zu gelangen. Mein Arbeitsplatz liegt zudem so zentral, dass Tränengas ins Büro eindringt, wenn die Luft mal wieder dick wird. Und natürlich erlebe ich ständig Demos. Wochenlang kreisten die Hubschrauber über uns, das ist kein schönes Gefühl.
Ist der Protest, die Wut, der Unmut über die aktuelle politische Situation in der Gesellschaft noch spürbar?
Ja, der Protest hat längst nicht nachgelassen. Noch immer werden Schaufenster, Banken und Autos mutwillig zertrümmert oder abgefackelt, auch wenn die ausländischen Medien sich längst von Griechenland abgewandt haben. Wenn man mittendrin ist, ist das anders. Ich arbeite im Hochschulbereich, da sind Besetzungen, Demos, Streiks und leider auch Gewalt Routine.
Abseits der Ausschreitungen ist es doch relativ erstaunlich, wie schnell sich Griechenland vom einstigen wirtschaftlichen Sorgenkind Europas zu einem Leader gewandelt hat und vor allem, wie entwicklungsfreudig dieses Land gerade in den letzten Jahren geworden ist. Teilen Sie diese Ansicht?
Als ich 2004 nach Griechenland kam, war überall, besonders in Athen, eine Aufbruchsstimmung zu spüren. Die Immobilienbranche boomte, die Olympischen Spiele waren gerade erfolgreich zu Ende gegangen, die Griechen waren Europameister im Fußball geworden, es herrschte eine geradezu euphorische Stimmung. Das hat auch den Konsum beflügelt. Inzwischen ist der Enthusiasmus verpufft, eine gewisse Lethargie hat sich (wieder) breit gemacht, und die internationale Finanzkrise ist auch in Griechenland mit aller Macht angekommen.
Die gewalttätigen Proteste der letzten Monate haben den Blick auf das griechische politische System gelenkt: Das Schulsystem ist nicht gerade das beste, vergleichsweise viele AkademikerInnen sind arbeitslos oder schlecht bezahlt, müssen deshalb teilweise mehrere Jobs annehmen. Wie lässt sich hier etwas verändern, in die richtige Richtung lenken? Angesichts des generellen Misstrauens der meisten Griechen in die politisch Handelnden dürfte sich das doch als ein schweres Unternehmen erweisen?
Da haben Sie Recht, und es scheint auch egal zu sein, welcher politischer Couleur die Regierungen sind. Ich halte die Griechen generell für schwer regierbar, denn die Griechen betrachten sich als Individuen, nicht als Gemeinschaft. Jegliche Reform sollte daher von unten ausgehen, nicht als top down: mehr Bürgerinitiativen, ein verstärktes Gemeinschaftsgefühl schaffen, mehr Engagement der Bürger fördern, besonders auch der Jugend, die in Reformen miteinbezogen werden sollte. Das gilt für alle Bereiche: Umwelt, Bildung, Politik.
Um ein bisschen nach vorne zu denken: Wie schätzen Sie die Zukunft von Athen ein? Mit welchen urbanen Trends und Entwicklungen ist zu rechnen?
Ich kann nur hoffen, dass für eine vierte, bereits in Planung befindliche Metrolinie in Nord-Ost-Richtung, die durch das Zentrum führen wird, bald eine Finanzierung gefunden werden kann. Athen kollabiert täglich im Verkehr. Jedes Jahr werden 50.000 Neuwagen zugelassen, es gibt keine Parkplätze, kein Grün, keinen Raum für Spaziergänger. Die Landflucht muss eingedämmt werden, das heißt die Regionen müssen gestärkt werden. Immer noch ist alles um den Großraum Athen konzentriert. Es sind zu viele Menschen auf zu kleinem Raum.
Zu ihrem neuen Buch: Sie beschreiben darin ihre Lieblingsstadt Athen mit sehr amüsanten Anekdoten und man gewinnt als Leser den Eindruck, Sie möchten diese Stadt nie wieder verlassen. Was gefällt Ihnen an der griechischen Hauptstadt?
Es verbindet mich eine gewisse Hassliebe mit Athen. Das ist übrigens bei Petros Markaris, dem Krimiautor und profunden Athen-Kenner, genauso. Generell ist Athen so, wie ich es eben beschrieben habe: ein schrecklicher Moloch, geradezu menschenfeindlich. Aber natürlich gibt es in diesem Moloch auch viele Gestaltungsmöglichkeiten. Jeder richtet sich so gut es geht darin ein, bepflanzt liebevoll seine Balkone und schafft sich sein kleines Paradies. Und der griechische Himmel macht so manches wett.
Wie empfinden Sie die in Ihrem Buch erwähnte Lebenseinstellung der Griechen, Stichwort „siga, siga“ („langsam, langsam“)?
Da ich selbst eher das Gegenteil bin, alles durchplane und generell schnell handle, brauche ich auch einen Gegenpol, der mich etwas bremst. Für mich ist das sehr wohltuend. Ich selbst beherzige das „siga-siga“ noch zu wenig. Da muss ich noch viel von den Griechen lernen.
Im Pressetext steht etwas von der „jugendlichen ältesten Hauptstadt Europas zwischen Klassik und Moderne“. Was macht Athen so jugendlich?
Das Athener Zentrum wird von der Jugend beherrscht: von den Studenten, aber auch von der chicen jungen Athenerin, die in Sachen Mode der Mailänderin in nichts nachsteht. Es gibt viele Szenetreffs, trendige Bars und Cafés. Ausgehen bedeutet den jungen Leuten viel, ihr Leben spielt sich viel mehr draußen als in den eigenen vier Wänden (die meist die Wände der Eltern sind) ab. Die Athener sind keine Stubenhocker, sie verstehen zu feiern mit ihrer parea (der Clique).
Sie haben eine, wie Sie angemerkt haben, „temperamentvolle deutsch-griechische Tochter“. Wie lebt es sich als Teenagerin in Athen?
Also: unsere Tochter ist gerade mal vier und hat noch ein paar Jahre bis sie selbst auf die Athener Piste geht. Sie hält uns allerdings ganz schön auf Trab, und ich stelle fest, dass sie bereits ein ausgeprägtes Athener Organ hat: Man lernt im Großstadtlärm früh, sich durchzusetzen.
Als Teenager lebt es sich im allgemeinen übrigens ziemlich miserabel in Athen: der Druck der Eltern und der Gesellschaft lastet auf den Jugendlichen, dass sie ein gutes Ergebnis bei den berühmt-berüchtigten Hochschuleingangsprüfungen erzielen. Darauf ist das ganze Bildungssystem mit den florierenden privaten Nachhilfeschulen ausgerichtet. Von sorgloser Jugend also keine Spur, die meisten 16-17-Jährigen gehen jeden Nachmittag in solche Nachhilfestunden, in denen ihnen das eingehämmert wird, was am Morgen in der Schule vernachlässigt wurde. So atmen die meisten erst als Studenten auf.
Welche Begebenheiten – abseits des berühmt-berüchtigten „nefos“, dem Smog – stören Sie an Athen?
Vor allem, dass es keinen Raum für Fußgänger gibt. Vom Fahrradfahren will ich ja nicht träumen, auch wenn das Beispiel Paris hoffen lässt. Dort hätte sich vor 30 Jahren wohl auch kaum jemand mit dem vélo auf die Straße getraut, jetzt ist das anders, es gibt viele Fahrradwege und vélolib, das System der Leihräder, ist eine wunderbare Erfindung in der Großstadt. Die Infrastruktur in Athen hinkt noch sehr hinterher.
Inwiefern unterscheidet sich Athen von anderen Städten? Was zeichnet sie aus?
Natürlich ist das Klima extrem. Die Winter sind zwar milder als in Mitteleuropa, aber die Wohnungen sind deutlich schlechter isoliert, das heißt man leidet monatelang unter der Feuchtigkeit. Im Sommer schaltet das Gehirn drei Monate ab. Wir haben schon 48 Grad im Schatten auf unserer nach Norden ausgerichteten Terrasse gemessen. Da es auch nachts nicht abkühlt, kann man nur vor dem Ventilator schlafen. Es gibt im Sommer viele Blackouts, weil das Stromnetz nicht ausreicht bei ständig laufenden Klimaanlagen. Hinzu kommt dann die Feuergefahr, ein Fünkchen kann einen ganzen Waldbrand auslösen. Schließlich ist Athen extrem staubig. Die ganze Familie hat Probleme mit den Bronchien.
Gibt es eigentlich eine Rivalität zwischen den zwei größten Städten Griechenlands, Athen und Thessaloniki, wie es sonst überall auf der Welt üblich ist? Kursieren zum Beispiel diverse Witze?
Oh, natürlich, die Thessaloniker haben ein wenig den Komplex, dass sie eben nicht die Metropole sind, schauen aber gleichzeitig etwas mitleidig auf Athen herab, weil sie meinen, es sei bei ihnen alles besser organisiert (das stimmt nur teilweise). Und die Athener zeichnen sich dadurch aus, dass sie ständig über Athen schimpfen, aber trotzdem alle hier bleiben und sich ein Leben in keiner anderen griechischen Stadt vorstellen können.
„Pame gia kafe“ sagen die Athener, „Gehen wir einen Kaffee trinken“. Im Kapitel „Ein Kaffee passt immer“ erörtern Sie die Kaffee-Szene Athens. Trifft hier das Klischee vom Griechen, der stundenlang im Café sitzt und über Gott und die Welt parliert, zu?
Ganz gewiss. Wenn der Grieche keine Zeit mehr findet, Kaffee zu trinken, dann ist das Leben auch nichts mehr wert. Kommunikation, Dialog, Austausch sind extrem wichtig. Man geht ja nicht alleine Kaffee trinken, ebenso wenig wie man alleine essen gehen würde. Dafür hat der Grieche nur Kopfschütteln übrig.
Wenn wir schon bei Klischees sind: Welche Klischees, die Sie vorher über die Athener hatten, sind eingetroffen, welche nicht?
Die Athener sind stolz, halten sich in vielerlei Hinsicht für einmalig, mögen keine Vergleiche – diesen Eindruck werde ich seit 22 Jahren nicht los.
Ihre Tipps für TouristInnen, die zum ersten Mal Athen besuchen? Orte, die man unbedingt erkunden sollte?
Natürlich muss man einmal rund um die Akropolis laufen, am Aeropag den Blick auf die Propyläen und die Agora schweifen lassen, am Philopappos-Denkmal über den Saronischen Golf und ins Athener Häusermeer schauen. Ebenso beeindruckend ist der Rundblick vom Lykabettos auf die Betonwüste Athen. Ich mag das Benaki- und das Kykladen-Museum und im Sommer die Konzerte und Ausstellungen in Technopolis/Gazi und die Freilicht-Aufführungen im Herodes-Atticus-Theater.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person: Ellen Katja Jaeckel, geboren 1968, machte nach ihrem Studium der Romanistik, Komparatistik und Germanistik immer wieder Reisen nach Athen, war Studienreiseleiterin und leitet seit 2004 das Athener Büro des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (http://ic.daad.de/athen/indexde.html). Außerdem ist sie als freie Autorin tätig.
Der Sandalenpoet tanzt niemals in der Metro. Athener Weisheiten
von Ellen Katja Jaeckel
erschienen im Picus Verlag
"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)
Newsfeed von Johannes Rausch abonnieren