2011-12-10 15:57:08
Sie sorgt für die nötige Frauenpower beim FM5 Geburtstagsfest am 5.1.: Cherry Sunkist. Im Interview spricht die ambitionierte Künstlerin über ihre Arbeit zwischen Kunst und Musik.
Die meisten Leute erledigten an diesem Tag hektisch ihre Weihnachtseinkäufe. Wir machten es uns stattdessen mit Karin Fisslthaler, wie Cherry Sunkist mit bürgerlichen Namen heißt, im Wiener Café Jelinek gemütlich. Ein weggenommenes Kirsch-Sunkist-Packerl in ihrer Kindheit, hat zu ihrem Künstlernamen geführt, heute bestellt sie sich einen Kaffee. Begeistert, aber überlegt, erzählt sie uns von ihren Projekten und beantwortet geduldig all unsere Fragen.
FM5: Du hast vor dem Sommer dein zweites Album namens Projection Screens veröffentlicht. Bist du zufrieden mit der Resonanz? Schaust du auf die Verkaufszahlen, weil du ja schon von der Musik leben möchtest?
Cherry Sunkist: Die Resonanz war gut. Ich bin sehr zufrieden mit den Rezensionen und Besprechungen. Dennoch war mir von Anfang an klar, dass die CD nicht so kommerziell verwertbar sein wird. Schon allein dadurch, dass die Lieder jetzt nicht so eine radiotaugliche Länge haben. Das war aber eine bewusste Entscheidung, dass ich etwas sehr eigenständiges machen wollte und mich nicht so in eine Matrix hineindrängen lasse. Die Verkaufszahlen weiß ich nicht.
Würdest du im Nachhinein an deinem Album etwas ändern wollen?
Nein, ich bin eigentlich noch immer sehr zufrieden damit. Erstaunlicherweise, weil ich sehr selbstkritisch bin. Beim ersten Album war es so, dass es eine Sammlung von Dingen, die ich innerhalb von drei Jahren gemacht habe, war. Die jetzige Platte ist gewollt sehr kompakt und homogen geworden. Ich habe schon sehr genau gewusst was ich will und wie das klingen soll. Den Gesang habe ich selber aufgenommen und eigenständig die ganzen Effektierungen gemacht. Natürlich gehe ich dann schon noch zum Abmischen ins Studio, aber Ollmann vom Feedbachstudio 2 und ich haben versucht uns dort vom Sound her an meine Demoversionen heranzutasten.
Inwieweit hat sich deine Musik generell gegenüber den Anfängen verändert?
Meine Musik hat sich schon sehr verändert. Ich glaube wenn man damit anfängt, wird man viel vom Sound anderer beeinflusst und hat jede Menge Vorbilder. Während des Arbeitsprozesses zur neuen Platte habe ich bewusst versucht ganz wenig Fremdmusik zu hören, um so wenig wie möglich beeinflusst zu werden. Natürlich ist man aber nie ganz frei, da man ja auch Sounderinnerungen hat. Inhaltlich hat sich meine Musik auch verändert. Das erste Album war direkter feministisch und kämpferisch. Projection Screens hingegen ist ernsthafter und hat komplexere Themen.
Wie siehst du die österreichische Musikszene? Ich habe gelesen, dass du in einem Interview gesagt hast, es ist ein Boom da, aber er betrifft dich nicht?
Ich finde das natürlich super, dass viele Leute etwas machen und generell toll wenn etwas passiert. Selbst würde ich mich aber nicht zu einer kommerziell erfolgreichen Szene hinzuzählen. Eher zu einer Subkultur, wenn sowas noch existiert, oder da ich aus dem Kunstkontext komme, würde ich mich da einordnen. Meine Musik ist eine Schnittstelle zwischen Pop und experimenteller Musik. Das Album ist jetzt nicht auf Rotation bei FM4, dafür aber bei Ö1 zu finden. Ich bin mit vielen Leuten aus anderen Genres befreundet und besuche ihre Konzerte Zum Beispiel Kreisky, das ist eine super Band. Rein musikalisch interessieren mich aber eher andere Dinge, als das was gerade erfolgreich ist.
Wie entscheidest du welche Songs auf deine Platte kommen?
Du glaubst ich hab viel Auswahl?! (lacht) Ich habe nicht so viel Auswahl. Es gibt ganz wenig was ich verwerfe. Es ist eher so, dass ich an einem Lied arbeite bis es fertig ist. Für dieses Album hat es eigentlich nur das gegeben was jetzt oben ist.
Wie sieht dein Songwritingprozess aus?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal probiere ich an der Gitarre herum und aus dem entwickelt sich dann eine Songline oder eine Melodie, dann wiederum fange ich an im Computer einen Beat oder Bass zu bauen. Danach spiele ich Gitarre dazu ein. Es kann auch sein, dass diese dann wieder komplett wegfällt. Ich lasse mich oft durch bestimmte Instrumente und Sounds inspirieren. Beim zweiten Album zum Beispiel vom Prinzip der Zerstörung und Verzerrung. Da habe ich mit den verschiedensten Distortions gearbeitet. Mitunter gibt es auch ab und zu einen Text als Ausgangspunkt.
Ich habe recherchiert, dass du gemeint hast, dass du früher am liebsten alleine produziert hast, dir mittlerweile aber vorstellen kannst mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten. Mit wem würdet du das gerne machen?
Das ist richtig. Es gibt schon gewisse GitarristInnen mit denen ich zusammenarbeiten würde. Ich möchte jetzt aber keine Namen nennen, weil das alles so unkonkret ist. Es ist schon so, dass man nicht alles kann, aber anspruchsvoller wird was die Produktion angeht und sich denkt ein Bass oder ein Schlagzeug wäre eine Bereicherung. Da gibt´s schon gute Leute. Gerade auf der Bühne. Oder bei meiner aktuellen CD wäre es schon schön gewesen etwas mit Cello zu machen, anstelle der synthetischen Streicher... Ich würde gerne mit Leuten zusammenarbeiten, die ich selber total respektiere und bewundere für das was sie machen. Allerdings bin ich sehr dogmatisch und habe klare Vorstellungen was meinen Sound angeht und würde mir sehr schwer tun diese Menschen zu delegieren. Das ist im Moment noch das Problem. Das wäre vielleicht in einem Bandzusammenhang ein ganz neues Projekt. Ich bin noch am Überlegen wie ich diesbezüglich vorgehen soll.
Du hast Kunst studiert und machst Videos und Visuals. Ich habe gelesen, dass du auch Arbeiten abseits der Musik machst. Was machst du genau? Zeichnest oder malst du?
Ich mache hauptsächlich Experimentalfilm, Videos und Installationen. Also für das Kino/Festivals oder für Ausstellungen. Hauptsächlich arbeite ich mit gefundenem Material, genauer gesagt mit Found Footage. Im weitesten Sinne geht es um Körperlichkeiten. Ich beschäftige mich stark mit Themen wie dem Körper, Identität, Individuum und Welt. Mich interessiert das Eigene und das Fremde stark.
Dein Künstlername ist aus einer Kindheitserfahrung entstanden. Was waren die Alternativen oder war der Name von Anfang an klar?
Ich weiß gar nicht warum das so klar war. Es hat keine Liste gegeben aus der ich dann ausgesucht habe. Ich bin aus Berlin mit einigen Songs zurückgekommen und habe angeboten bekommen bei der Ars Electronica live zu spielen. Dafür musste sofort ein Name her und da war dieser spontane Einfall, der eben auch mit einer Geschichte verbunden ist.
Wie hat sich herauskristallisiert, dass du Musik machen möchtest? Du hast vor Cherry Sunkist in einer Band gespielt... Gibt´s in dem Zusammenhang ein frühes musikalisches Erlebnis, ein Konzert das Auslöser dafür war?
An das kann ich mich nicht so erinnern. Damals war ich 16 Jahre alt und noch nicht auf so vielen Konzerten. Ich weiß eigentlich gar nicht mehr so warum.
Ich kann von später erzählen: Nachdem sich meine Band aufgelöst hat, habe ich angefangen Kunst zu studieren und bin im Rahmen meines Studiums nach Berlin gegangen. Dort gab es im Club Transmediale einen großen Schwerpunkt zum Thema "Gendertronics" und es waren auch wahnsinnig viele Frauen auf der Bühne. Ich habe viele KünstlerInnen live gesehen, z.B. Chicks on Speed und auch zum ersten Mal begriffen, dass es möglich ist, alleine was zu machen. Da war einfach so eine Energie und das hast mich angestachelt es selber zu probieren.
Du hast in einem Interview gesagt, dass die Musikbranche schon noch sehr männerdominiert ist. Könntest du dir vorstellen z.B. ein eignes Label zu gründen für andere zu schreiben/zu produzieren?
Du meinst, dass ich da so einen übergeordneten Auftrag erfüllen wollen würde?! Ja, warum nicht. Allerdings wenn man jetzt kommerziell erfolgreich sein wollen würde, müsste man eine andere Musik machen. Eine Karriere ist zwar wünschenswert, aber nicht wenn ich große Kompromisse eingehen müsste. Jetzt rein, dass ich ein Label gründen würde...Das ist zeitlich ein bisschen schwierig bei mir, weil ich bildende Kunst und Musik mache. All das auf einem hohen Level zu halten ist schwierig. Dafür müsste irgendwas sterben und das würde ich momentan nicht wollen.
Du kommst ursprünglich aus Salzburg, warst schon in Berlin, Linz und Wien. Du hast erzählt, dass die letzteren zwei Städte auch noch nicht ganz der ideale Ort für dich sind. In welcher Stadt glaubst du besonders gut kreativ sein zu können?
Das weiß ich nicht, weil ich noch nicht in so vielen Städten war. Es ist immer nur das was man hört. Ich glaube es gibt überall Vorteile und Probleme. Es hat mich eine Zeit lang total inspiriert in Linz zu arbeiten und zu leben. Leider hat sich die Stadt zum Negativen und Kommerziellen verändert und das roughe Stahlstadtimage verloren. Es gibt auch sehr wenige Frauen, die in Linz Musik machen. Ich habe leider niemanden mitreißen können, was ein bisschen schade ist. Deswegen war es für mich ein wichtiger Schritt nach Wien zu gehen. Natürlich auch wegen Christina Nemec bzw. meinem Label comfortzone. Ich denke mir, man kann ja überall für ein paar Monate und Wochen hin. Wien ist eine gute Homebase, ein Platz wo ich mich gut konzentrieren und meine Sachen machen kann. Aber ich muss schon immer wieder nach draußen. Berlin ist auch super und war immer eine Alternative für mich. Das ist schon eine Stadt wo ich wohnen wollen würde. Ökonomisch ist es aber total schwierig dort zu leben, auch weil die Stadt sehr von Künstlern überschwemmt ist. In New York oder London war ich noch nie, deswegen kann ich das nicht sagen, ob das etwas für mich wäre.
Was muss die ideale Stadt für dich mitbringen, damit du kreativ sein kannst?
Einerseits brauche ich für meine Arbeits-und Wohnsituation ruhige Orte, anderseits viel Input und eine gewisse Szene mit der ich mich identifizieren kann. Diesbezüglich ist Wien gar nicht so schlecht, muss ich sagen. Wien ist eine gute Mischung, wenn man damit zurecht kommt. Vielen Leuten ist es zu düster und zu aufgeladen mit Geschichte. Mir geht es eigentlich ganz gut hier. Aber gibt es eigentlich die ideale Stadt?! Ich finde, man muss seinen eigenen Ort mitgestalten!
Meiner Recherche zufolge hast du in einem Gespräch gesagt, dass du findest, dass sich viele Frauen nicht trauen ihre Musik zu produzieren und präsentieren. Findest du das ist mittlerweile besser geworden?
Es ist schon besser geworden. Es gibt im Moment irrsinnig viele Singer/Songwriterinnen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es in der elektronischen Musik wieder weniger Frauen gibt. Gerade wenn man Musikzeitschriften usw. aufschlägt...Das war vor zehn Jahren anders. Da hat es diesen Hype mit elektronischer, queer-feministischer Musik gegeben. Man muss immer so ein bisschen wachsam bleiben und darf sich nicht damit begnügen indem man sagt "Es war eh schon mal gut!", sondern ständig daran arbeiten, dass es so bleibt. Ich finde, das kommt immer so in Wellen. Im Moment sind halt gerade Singer/Songwriterinnen stark angesagt. Weibliche Punkbands zum Beispiel gibt es in Wien jetzt sehr wenige. Birgit Michlmayr von First Fatal Kiss hat jetzt gerade ein Label für feministische Rockmusik gegründet oder ist gerade im Planen. Das finde ich super, weil das eine Lücke ist, die geschlossen wird.
Wie wichtig ist Mode für dich im Zusammenhang mit deiner Musik? Dein letztes Album dreht sich ja auch um Thema Inszenierung.
Mode ist ein Teil von dem Ganzen, von einer körperlichen Konstruktion. Live finde ich Mode schon wichtig um in eine Rolle zu schlüpfen. Es macht auch Spaß sich zu inszenieren. Ich arbeite seit einiger Zeit mit einer ganz tollen Modedesignerin zusammen – Sandra Bamminger von House of Boing, die mir Klamotten borgt. Früher habe ich meine Bühnenoutfits selber gemacht, mittlerweile finde ich es toll, dass ich jemanden habe, der mir Sachen gibt. Mode ist jetzt nicht super wichtig, jedoch nicht zu unterschätzen.
Was sind deine nächsten Pläne? Bastelst du schon an neuen Songs?
Bei mir ist es so, dass ich die Kunst und die Musikarbeit abwechsle, weil ich immer schauen muss, dass ich den Faden nicht verliere. Im letzten Jahr ist das Album sehr wichtig gewesen und alles was dazugehört, wie Pressearbeit und Konzerte. Jetzt ist wieder bildende Kunst angesagt. Gerade habe ich einen Film fertig gemacht, der dann hoffentlich bei den Festivals gezeigt wird. Als ich die CD fertig hatte war ich so gut im Arbeitsprozess drinnen, dass ich eigentlich gleich ein weiteres Album hätte machen sollen. [lacht] Man ist irgendwie so gut im Flow. Während meiner Kunstarbeit bin ich aber schon immer am Produzieren und mache Dinge. Also es gibt ein Konzept, aber noch keine Songs. Vielleicht 2013...Ich strebe 2013 an!
Was dürfen die Besucher vom FM5 Geburtstagsfest am 5. Jänner von deinem Auftritt erwarten? Planst du eine Überraschung oder etwas Bestimmtes? Wie sollen sich die Besucher am besten vorbereiten?
[lacht] Das werde ich mir über Weihnachten überlegen. Ich wünsche mir gute Stimmung, nette Menschen die das auch zu schätzen wissen, auch das was FM5 macht.
Möchtest du den Lesern von FM5 sonst noch etwas sagen?
Lest weiterhin FM5 und kommt zahlreich zur Geburtstagsparty!
Danke für das Interview und deine Zeit!
Cherry Sunkists zweites Album Projection Screens ist im Mai 2011 auf dem Label comfortzone erschienen.
eine Insel Puerto Ricos
eine Stadt auf jamaika
der alte Name einer Insel vor der walisischen Küste
eine Kaffeemarke in der DDR
eine Gattung in der Pflanzenfamilie der Portulakgewächse
ein kleines Mädchen aus Mauer
http://monahermann.wordpress.com/
Newsfeed von Mona Hermann abonnieren
"I’m just a kid with a song in my head, with your face in my heart.
What could be better than this?" (Broadway Calls)
Newsfeed von Stephanie Ambros abonnieren