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"Der Stoff ist nicht das Problem"

2007-05-05 17:58:15

Weil Lesen Leben und darüber hinaus noch viel mehr bedeutet: Ein Gespräch mit Cornelius Hell über sein neues Buch Lesen ist Leben, den Unterschied zwischen Bildern und Wörtern und seine aktuellen Lieblingswerke.

 "Lesen als Weg der Selbstfindung und Selbsterkenntnis ermöglicht eine große Freiheit. Jeder kann seine eigenen inneren Bilder in den Text hineintragen. Lesen bietet die Möglichkeit der Identifikation." Cornelius Hell, seines Zeichens Feuilltonchef der Wiener Wochenzeitung Die Furche und außerdem Literaturkritiker, Essayist und Übersetzer, kommt in dem Vorwort Lesen und Leben seines neuen Buches Lesen ist Leben (Wieser Verlag) schnell zu der Quintessenz. Doch das Buch ist keine persönliche Anmerkung über das Lesen, sondern eine Auflistung der für Hell bedeutendsten und stilprägendsten Autoren (darunter Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll) und deren Wirken in der literarischen Welt. Im Interview mit dem Freien Magazin spricht er unter anderem über den Vergleich Buch-Fernsehen.

FM5: Sie erwähnen, wenn ich mich nicht täusche, 2 Mal das Alter 17, in dem Sie viel Schriftsteller und deren Werke gelesen und (geistig) verarbeitet haben. Ist 17 dazu das perfekte Alter: Eingeschlossen zwischen Jugend und Erwachsensein?

Cornelius Hell: Ja, absolut! Mit 17 ist man alt genug, um seine eigenen Wege zu finden, und jung genug, um offen für alles zu sein – im Lesen wie im Leben.

Um ein bisschen auszuholen: Wie denken Sie über Filme? Glauben Sie, dass sie die gleiche Imaginationskraft wie Bücher haben bzw. Ähnliches bewirken können?

Ja und nein. Ich denke, dass Filme unvergessliche Bilder hinterlassen können. Aber ich glaube, dass Bücher die eigene Imaginationskraft mehr herausfordern – jede(r) muss sich sein/ihr Buch bebildern.

Kann man in einer Welt, in der audiovisuelle Medien, also gelieferte Bilder, immer mehr an Präsenz gewinnen, auch ohne Bücher "überleben"?

„Überleben“ kann man schon, aber ob das noch ein Leben ist? Prinzipiell sind ja Bilder nicht schlechter oder weniger wert als Worte, aber heute ist die Gefahr, dass wir mit kommerzialisierten Bildern – und auch mit leichter Musik – zugemüllt werden.

Wie betrachten Sie das Konzept des Deutsch-Unterrichtes in den (deutschsprachigen) Schulen, in denen ein Kanon an Werken gelesen wird/werden muss?

Das ist ein Problem, aus dem ich keinen Ausweg weiß. Oft hat es mit leid getan, dass ich mich vor dem einen oder anderen Werk dieses Kanons gedrückt habe, denn ich habe später gemerkt, dass mir die Kenntnis dieses Buches fehlt und ich keine Zeit mehr habe, es zu lesen. Andrerseits war ich oft froh, dass ich ein Buch erst später – dann, wenn es für mich richtig war – und ganz allein für mich entdeckt habe.

Glauben Sie, dass das Lesen von Büchern zu einer egalitären Gesellschaft führen kann?

Schön wäre es, aber ich fürchte, das gelingt nicht. Dazu müssten zuerst einmal alle lesen – aber nicht einmal dann.

Welche aktuellen Bücher gefallen Ihnen?

Dreckskerl von Wojciech Kuczok, Zu früh, zu spät von Karl-Markus Gauß; Über Nacht von Sabine Gruber; und der im Vorjahr erschienene Gedichtband Lesen: Lieben des slowenischen Lyrikers Tomaž Šalamun.

Können Sie in den Themen, die zurzeit in den Büchern den Inhalt darstellen, eine Wertminderung gegenüber älterem Stoff beobachten? Stichwort "Bestseller"; also Bücher, deren Inhalte meistens alles andere als tiefgründiger Natur sind.

Der Stoff ist nicht das Problem, es gibt keine besseren oder minderen Stoffe; man kann jeden Stoff trivial darstellen oder große Kunst daraus machen. Und die Bestseller hat es natürlich immer gegeben. Zur Zeit von Goethe und Schiller gab es Autoren, die viel mehr gelesen wurden als die beiden, die wir aber gar nicht mehr kennen. Das heißt: Auch früher war nicht überall Hochkultur – und auch heute geht nicht alles den Bach runter.

Sie schreiben am Ende des Kapitels "Paul Celan – Die Geheimnisse werfen noch Schatten": "Nicht jeder Mensch ist ein Dichter, und doch steht er vor derselben Alternative: eine eigene Sprache zu finden oder zu verstummen. Und Verstummen führt in die Depression oder in die Gewalt." Leben wir in einer "verstummten" Welt?

Ja, das könnte man sagen. Man merkt es nur oft nicht, weil diese „verstummte“ Welt recht laut sein kann. Wenn nämlich die lauten vorgefertigten Wörter die eigene Sprache nicht aufkommen lassen.

Im Vorwort von Lesen und Leben schreiben Sie: "Das erste Aufschlagen eines Buches, sein Geruch und die Faszination der ersten Zeilen – das sind noch immer lichte Momente meiner Kindheit. Viele andere Faszinationen gab es ja nicht: Zum Sport taugte ich als Kind nicht, für das Indianerspielen war ich auch zu ungeschickt, und überhaupt war es nicht allzu lustig, Außenseiter zu sein in der kleinen Welt eines Dorfes." Treffen die Klischees des einzelgängerischen Freaks in der Literatur oft zu?

Wahrscheinlich schon, denn Lesen ist eine sehr einzelgängerische Tätigkeit. Und darin – sage ich Einzelgänger – liegt natürlich auch eine Gefahr: dass Bücher zum Lebensersatz werden. Vielleicht entgeht man dem am ehesten, wenn man immer wieder auch über das spricht, was man liest.

Warum geht die "westliche" Gesellschaft nach wie vor davon aus, dass der Leser eines Buches automatisch ein (All-)Wissender sei? Und ein Fernsehzuschauer – Stichwort: "Fernsehen macht blöd!" – nicht?

Fernsehen an und für sich ist nicht blöder als Lesen. Nur: Wenn Fernsehen Geld und daher Quote bringen muss, dann ist zu normalen Sendezeiten kein Platz mehr für anspruchsvolle Filme und Dokus. Dann werden halt Talkshows gemacht oder amerikanische Unterhaltungsfilme eingekauft. Und ich fürchte, wer derzeit zum Beispiel am Nachmittag fernsieht, wird bei den meisten Sendern wirklich verblödet.

Glauben Sie, dass sich der heutige Umgang mit dem Buch ändern wird?

Ja, der Umgang mit dem Buch ändert sich ständig. Die CD-Rom hat es mit sich gebracht, dass man Lexika etc. kaum mehr in Buchform verwendet. Diese Veränderungen können sehr positiv sein. Es gibt zum Beispiel die wunderbare Homepage www.lyrikline.org, da kann man fremdsprachige Lyrik (aber auch deutsche) im Original lesen und, gesprochen vom Dichter, auch hören, und dazu die Übersetzung lesen. Diese Homepage leistet mehr, als ein Gedichtband je leisten konnte. Natürlich entwickelt sich auch vieles zum Schlechteren: Da werden Aussagen und Angaben unkritisch aus dem Internet übernommen, weil man irgendeinen Eintrag so liest wie früher ein Lexikon in Buchform, das von einer großen Redaktion zusammengestellt und überprüft wurde. Aber ändern, ja, ändern wird sich noch viel.

Was halten Sie von der These, mehr Literatur bzw. Wissen bedeutet weniger Krieg und Armut?

Ja, das hab ich lange geglaubt. Und schön wärs! Aber bis heute führen Leute, die sehr viel wissen, Krieg. Und es gibt relativ dumme Menschen, die Karriere machen, und sehr belesene, die armutsgefährdet sind.

Halten Sie Charles Bukowski für einen Literaten im professionellen Sinn?

Jetzt muss ich mich schämen und zugeben: Ich habe Charles Bukowski nicht gelesen.

Haben Sie Angst davor, eines Tages nicht mehr mit derselben Leselust wie beim Lesen des ersten Buches heranzugehen?

Eigenartig, nein, diese Angst habe ich nicht. Manchmal habe ich Angst, dass mir die vielen mittelmäßigen und schlechten Bücher, die ich als Literaturkritiker auch lesen muss, die Freude verderben. Aber ein gutes Buch wiegt das schnell wieder auf und ich freue mich ungemein darüber, dass ich so viel lesen kann, weil Lesen ja auch ein Teil meiner Arbeit ist.

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AutorInnen

Johannes Rausch

Johannes Rausch

"Von Beginn an ist Johannes ein hedonistischer Charakter und Ästhet – im Sinne Kierkegaards – der nur darauf aus ist, Cordelia zu verführen." (Wikipedia)

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