2007-06-01 10:31:25
Jörg Flecker ist wissenschaftlicher Leiter der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) in Wien. Kürzlich gab er das Buch Changing Working Life and the Appeal of the Extreme Right heraus.
Die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) in Wien hat im Zuge des EU-Projekts Socio-economic change, individual reactions and the appeal of the extreme right (SIREN) Zusammenhänge zwischen dem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien und aktuellen Veränderungen der Arbeitswelt erforscht.
Jörg Flecker, der wissenschaftliche Leiter von FORBA und Herausgeber des Buches Changing Working Life and the Appeal of the Extreme Right und Autor von Die populistische Lücke, spricht im Interview mit FM5 über die Gefahr eines neuen Faschismus durch die Selektion von Arbeitskräften nach ihrer Wettbewerbsfähigkeit.
FM5: Was sind die grundsätzlichen Kennzeichen der Flexibilisierung der Arbeitswelt am Beispiel von Österreich?
Jörg Flecker: Von außen am Besten sichtbar haben sich die Beschäftigungsverhältnisse verändert: Es gibt mehr freie DienstnehmerInnen, geringfügig Beschäftigte, LeiharbeiterInnen usw. Bei all diesen Beschäftigungsformen haben wir eine starke Ausweitung.
Die Unternehmer setzen auf diese Verträge, weil sie kostengünstiger sind und einen flexiblen Personaleinsatz erlauben. Überall dort, wo Unternehmen nicht auf interne Arbeitsmärkte setzen und sich niemand wehrt, finden solche Beschäftigungsformen Verbreitung.
Daneben gibt es aber auch eine Flexibilisierung des Normalarbeitsverhältnisses, welche es dem Unternehmer ermöglicht, den Personaleinsatz an ihre Auslastung anzupassen. Flexibilisierung ist im Grunde eine riesige Auseinandersetzung um die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Da geht es darum, was es kostet und nicht darum, ob es effizienter ist.
Gibt es auch positive Aspekte der Flexibilisierung?
Erstmals diskutiert wurde "Flexibilisierung" in den 70er Jahren. Damals hatte es die Bedeutung, dass vom industriellen Zeitregime, von den Zwängen der Erwerbsarbeit, abgewichen werden sollte: Dass es z.B. Gleitzeit gibt, dass man sich die Zeit einteilen kann. Es gab auch Fortschritte in dieser Hinsicht. Denken wir an die Tragödien, die sich abspielen, wenn man Kinder in den Kindergarten oder zur Schule bringen muss und sich das mit dem Arbeitsbeginn ausgehen soll. Das wurde für viele besser.
Nur ist das in den 90er Jahren gekippt: Zunächst wurde Arbeitszeitverkürzung gegen Flexibilisierung eingetauscht und inzwischen ist es so, dass mehrheitlich der Druck von der Arbeit ausgeht, wann man flexibel zu sein hat. Da steht aber kein Vorgesetzter, der das kontrolliert: Es kam zu Personalreduktionen, wodurch die Übriggebliebenen zusätzliche Arbeit übernehmen müssen. Wenn man Springer einspart, müssen andere flexibel einsetzbar sein. Aber nicht nach eigenem Gutdünken, sondern nach den Erfordernissen der Arbeit.
Die Möglichkeit, Arbeitszeit selbst flexibel zu gestalten, ist wesentlich geringer geworden. Ich sage sogar, dass die Leute früher diszipliniert worden sind, jetzt sind sie diszipliniert und pünktlich, aber die Arbeit ist unpünktlich geworden.
Sie sprechen in ihrem Buch Changing Working Life and the Appeal of the Extreme Right von so genannten "Verlierern" und "Gewinnern" in veränderten Arbeitswelten, können sie diese Begriffe ein wenig erläutern?
Diese Begriffe sind natürlich eine Verkürzung. Aber sie gehen zurück auf die Faschismusforschung, wo argumentiert wurde, dass das absteigende Kleinbürgertum zur sozialen Basis des Faschismus wurde. Was wir mit dieser verkürzten Bezeichnung "VerliererInnen" erfasst haben, sind Leute, die einen sozialen Abstieg erfahren haben oder gefährdet sind und Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen. Man muss bedenken, dass das alles sehr relativ ist. Es geht darum, ob man sich im Vergleich zu anderen zurück gesetzt fühlt. Deswegen haben wir auch gerade viele VerliererInnen in besonders reichen Ländern.
Auf der Seite der "GewinnerInnen" hatten wir Menschen, die einen Aufstieg erlebt haben und Selbständige, die gute Marktchancen haben und da recht gut verdienen. Da war dann spannend, dass bei ihnen die Kosten des Aufstiegs sehr deutlich zu erkennen waren, und ihnen dies gar nicht so bewusst war. Lange Arbeitszeiten, Stress, dass Menschen einen Zusammenbruch erleben und sagen, ich kann jetzt zwei Tage nicht arbeiten. Aber das wird sehr stark verdrängt und kommt dann auf andere Weise zum Ausdruck. So entstehen starke Emotionen gegen so genannte "Sozialschmarotzer".
Jetzt kann man natürlich nicht davon sprechen, dass ein Charakter wie sie ihn beschreiben, ob "Gewinner" oder "Verlierer", automatisch Parteien aus dem rechten Spektrum wählt. Welche Motive spielen da zusätzlich eine Rolle?
Es gibt natürlich sehr unterschiedliche politische Erfahrungen: Es kann in beide Richtungen gehen, sowohl in eine autoritär-ausgrenzende, als auch in eine demokratisch-solidarische Richtung. Es gibt unterschiedliche Mentalitäten, was mit der Herkunftsfamilie und der Sozialisation zu tun hat. Da ist schon sehr viel vorher bestimmt. Aber wir haben auch gesehen, dass Leute die sagen, sie werden immer Rot [SPÖ, Anm. d. Red.] wählen, trotzdem viel von rechtspopulistischen Orientierungen übernommen haben. Insgesamt konnten wir diese Frage im Rahmen dieser Studie nicht ausreichend klären.
Unsere französischen Partner haben ein Modell entwickelt, wo sie geschaut haben, inwiefern Menschen ihr kulturelles bzw. soziales Kapital nach Bourdieu konvertieren können, wenn dies durch eine veränderte Arbeitswelt notwendig wird. Da sieht man, dass z.B. Menschen, die vorher Politik gemacht haben, auch in anderen Bereichen etwas machen können, während andere sich als völlig ohnmächtig empfinden.
Im Buch schreiben Sie in der Conclusio, dass auch das Problem besteht, dass der Wettbewerbsdruck quasi hausgemacht ist und in der Rhetorik der EU liegt. Was meinen Sie damit?
Natürlich ist der Wettbewerbsdruck im Zuge der Liberalisierung entstanden. Dieser Druck ist jetzt da, aber man hat ihn noch rhetorisch verstärkt. Man hat gesagt, niemand kann mehr das ganze Leben einen Beruf machen. Man muss sich nur LehrerInnen, StraßenbahnfahrerInnen usw. anschauen, die werden wahrscheinlich ein ganzes Leben in ihrem Beruf gebraucht. Man kann auch das ganze Leben Programmierer sein.
Man hat den Leuten mehr Angst gemacht, als wirklich notwendig wäre, mit dem Hintergrund, dass man damit den Sozialabbau legitimieren konnte. Das hat natürlich die Unsicherheit verstärkt, und die rechtspopulistischen Parteien sind auf das Sozialstaatsthema aufgesprungen: "Sozialstaat statt Zuwanderungen". Diese Slogans kennen wir ja. Dem hat man Vorschub geleistet, indem man die Finanzierung des Sozialsystems als schwieriger hingestellt hat, als es ist. Der Rückbau hat dazu geführt, dass es leichter plausibel gemacht werden kann bestimmte Gruppen auszuschließen, wenn es nämlich weniger zu verteilen gibt.
Wie wird grundsätzlich die Identität über Arbeitswelten bestimmt? Und gibt es da auch unterschiede zwischen "Gewinnern" und "Verlierern"?
Die Erwerbsarbeit ist für das Ausbilden und Ausbalancieren der sozialen und persönlichen Identität sehr bedeutend. Man braucht eine Bestätigung des Selbstbilds, und diese ist auch über die Arbeit zu bekommen. Das behauptete "Ende der Arbeitsgesellschaft" ist nicht eingetreten. Für die überwiegende Mehrheit der Frauen ist es keine Option mehr, nur die Rolle der Mutter einzunehmen. Arbeitsplatzverlust kann zu Identitätskrisen führen. Und je leistungsorientierter jemand ist, desto schwieriger ist die Arbeitslosigkeit zu verkraften.
Entstehen aus Arbeitswelten auch kollektive Identitäten?
Natürlich kommt die gesellschaftliche Identität ins Spiel, die fragt, wer "tüchtig" und "anständig" ist. Das kommt sehr deutlich bei Menschen zum Vorschein, die eine übersteigerte Leistungsorientierung haben. Angeblich ist es ja wichtig, dass auch in reichen Ländern mit einer enorm hohen Produktivität wie Österreich immer mehr geleistet wird. Es wird ja niemand schief angeschaut, wenn er Leistungsbereitschaft fordert, im Gegenteil.
Und hier liegt möglicherweise der neue Faschismus. Plötzlich wird unterschieden zwischen Ausländern, "die uns nützen" und solchen, "die uns ausnützen", wie das die CSU gemacht hat. Aber das betrifft natürlich auch "InländerInnen", die in diesem System nicht voll mittun wollen oder können und dann als "Sozialschmarotzer" beschimpft werden. Vom Rechtspopulismus wird eine doppelte Abgrenzung konstruiert: Das Volk - die "Anständigen" und "Tüchtigen" - wird zum einen von den Unterschichten ("die da unten") abgegrenzt und andererseits von den Eliten ("die da oben"), die vielfach als betrügerisch eingestuft werden.
Bei den Menschen, die aus den neuen EU-Ländern kommen, handelt es sich um Arbeitsmigration. Das sind ja Personen, die einerseits "Ausländer" sind, aber gleichzeitig äußerst "tüchtig". Wie passt das in dieses Bild?
Das ist natürlich ein Widerspruch in diesem Weltbild. Wenn Menschen in unseren Interviews von AusländerInnen als Bedrohung am Arbeitsmarkt wahrgenommen wurden, da habe ich das Gefühl gehabt, dass ist eine eher sachliche Beschreibung der Lage, wo man ein Problem ausspricht, das aber nicht so emotional besetzt ist wie AsylwerberInnen, "Sozialschmarotzer" etc. Man hört dann, dass die, die "tüchtig" arbeiten, "eh brav" sind.
Die für viele tatsächlich bestehende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist lange Zeit gar nicht diskutiert worden. Sprach man es an, galt man als ausländerfeindlich. Das hat dem Rechtspopulismus sehr genützt und letztlich eine ausländerfeindliche Politik begünstigt.
Inwiefern hat hier die EU die Chance versäumt, eine gemeinsame Identität aufzubauen?
Mit dem EU Binnenmarkt soll eine Integration durch Liberalisierung erreicht werden. Was fehlt, ist die soziale Seite dieser europäischen Integration, in dem Sinne, dass die Personenfreizügigkeit nicht zu einer Untergrabung der Sozialstandards in den einzelnen Ländern führt. Wenn man das sichert und die Arbeitnehmerrechte für Menschen stärkt, unabhängig von wo sie herkommen und wenn man damit auch Konkurrenz am Arbeitsmarkt reduziert, dann werden Integrationsschritte weniger negative politische Auswirkungen haben.
Aber die Unternehmen holen ja auch deshalb ausländische Arbeitskräfte, um die Standards im eigenen Land absenken oder auf die Ausbildung von Arbeitskräften verzichten zu können. Es ist immer schwierig, die Arbeitsstandards aufrecht zu erhalten, wenn ein Überangebot an Arbeitskräften vorhanden ist. Aus diesem Dilemma kommt man nicht heraus.
Eine abschließende Frage: Wie ist das eigentlich bei FORBA mit der Flexibilisierung als wissenschaftliche Einrichtung?
Wir praktizieren das auch. Wir arbeiten ja an Projekten, wo es nicht so sehr auf die tägliche Arbeitszeit ankommt, sondern auf die Aufgaben im Projekt. Da muss man sich nach dem richten, was zu tun ist. Da kommt es auch zu sehr dichten Arbeitsphasen. Aber die Einteilung ist selbstbestimmt. Man kann bei uns auch erst ab Mittag anfangen zu arbeiten.
Wir erfassen aber die Arbeitszeit, um zu verhindern, dass sie ausufert und um nachschauen zu können, ob für ein Projekt veranschlagte Arbeitszeit auch eingehalten werden kann. Das liegt an der Unternehmenskultur, ob jemand der Held ist, wenn er oder sie ohne Ende arbeitet, oder dann, wenn er oder sie sich ausreichend Freizeit sichern kann.
Es gibt ja diese Werbung, wo ein Mitarbeiter jede Nacht das Licht in seinem Büro brennen lässt und der Chef dann im Wagen vorbei fährt und sagt, der ist fleißig, den befördern wir.
Ja. Aber da muss man auch sehen, dass es nicht effektiv ist, so lange zu arbeiten. Was wir als wissenschaftliches Unternehmen ausnahmsweise nicht machen, ist, dass wir nicht mit Werkverträgen oder freien Dienstverträgen arbeiten. Also diese Flexibilisierung machen wir nicht mit, obwohl sie in unserer Branche sehr verbreitet ist.
Danke für das Interview!
Buchtipps
Jörg Flecker & Sabine Kirschenhofer: Die populistische Lücke – Umbrüche in der Arbeitswelt und Aufstieg des Rechtspopulismus am Beispiel Österreichs, Berlin, Edition Sigma, 2007.
Jörg Flecker (Hg.): Changing Working Life and the Appeal of the Extreme Right, Aldershot, Ashgate Publishing, 2007.
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